Länger arbeiten! Aber wo?

Länger arbeiten! Aber wo?

Um das Rentensystem zu sichern, sollen die Österreicher später in Pension gehen. Wo die Jobs dafür herkommen sollen, ist unklar. Es fehlt noch an brauchbaren Konzepten.

Was haben Hannes Androsch, RHI-Chef Franz Struzl oder Richard Lugner mit Tina Turner, Mick Jagger oder Madonna gemeinsam? Sie sind in ihrem Fach sehr erfolgreich, klar. Sie sind weltberühmt oder zumindest bekannt in Österreich. Sie haben schon ihre Spuren auf der Welt hinterlassen, und ganz spurlos ist das Leben auch an ihnen nicht vorübergegangen. Und dennoch - sie alle arbeiten immer noch. Auch wenn sie deutlich über 50, teils sogar über 80 Jahre alt sind.

Länger als unbedingt nötig arbeiten? Für die meisten Österreicher ist das kaum vorstellbar. Sie drängt es schon zum ehestmöglichen Zeitpunkt raus aus der Erwerbstätigkeit.

Die neue Regierung will das in naher Zukunft ändern. Die Österreicher müssen länger arbeiten, damit das Pensionssystem finanzierbar bleibt. Das Ziel, das sich die Koalition dabei gesetzt hat: Bis 2018 soll das faktische Pensionsantrittsalter im Durchschnitt auf 60 Jahre steigen. Klingt wenig ambitioniert, ist aber nicht so wenig: Denn momentan liegt es bei 58,4 Jahren.

Lösen will die Regierung das mit einer Reihe von Maßnahmen: Ein Bonus-Malus-System soll Unternehmen, die zu wenige ältere Mitarbeiter haben, bestrafen. Jene, die viele ältere Mitarbeiter beschäftigen, werden dafür belohnt. Ende 2013 läuft außerdem die Hacklerregelung aus, die bisher all jenen einen vorzeitigen Pensionsantritt ermöglichte, die über genügend Beitrittsjahre verfügten. Auch Änderungen im Sozialrecht sollen die Österreicher in Zukunft länger am Arbeitsmarkt halten. Der Zugang zur Invaliditätspension wird zukünftig erschwert. Sie soll nicht mehr unbefristet gelten - mit Aussicht auf Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Modelle der Altersteilzeit sollen forciert werden.

Hört sich gut an, dass mehr Österreicher länger arbeiten sollen. Aber wo sollen die Jobs für die "grauen Stars“ plötzlich herkommen? Antworten darauf sind dünn. Zu erwarten ist, dass eher die heimische Praxis, Arbeitslose durch lockeren Zugang zum Pensionssystem zu verstecken, künftig aufgedeckt wird. Berechnungen, ob es billiger ist, arbeitslos statt vorzeitig in Rente zu sein, hat die Politik bisher nicht vorgelegt.

Zumindest mittelfristig, bis sich duch die Demographie der Arbeitsmarkt entspannt, ist das Problem nicht leicht zu lösen.

Ältere ohne Job

Die ersten Reaktionen von Seiten der Unternehmen sind sehr kritisch, die Rahmenbedingungen ungünstig. Das Wirtschaftswachstum bleibt auch 2014 verhalten, und die Krise der vergangenen Jahre schlägt auf den heimischen Arbeitsmarkt nun voll durch. Im November waren laut Arbeitsmarktservice (AMS) 381.582 Österreicher arbeitslos, um 10,8 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Bis Ende Jänner 2014 wird sogar mit 450.000 Erwerbslosen gerechnet.

Derzeit steigt die Arbeitslosigkeit gerade bei Arbeitnehmern ab 50 Jahren stark. Im November gleich um 22,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Zum Teil liegt das auch daran, dass jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in dieses Alter kommen“, sagt Johannes Kopf, Chef des AMS. Erst wenn die Babyboomer-Generation in Pension ist, kann sich die Lage wieder drehen. Schon jetzt kommen jährlich viel weniger Jugendliche neu auf den Arbeitsmarkt, als Ältere in Pension gehen.

Trotzdem: Es wird ein paar Jahre dauern, bis sich das auswirkt. Im Moment tun sich ältere Arbeitslose noch schwer, wieder einen neuen Job zu finden. Den Betroffenen bleiben dann nur zwei Auswege. Manche machen sich selbstständig. Die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen steigt stark, und schon ein Viertel der insgesamt 329.000 Einzelkämpfer in Österreich sind über 50 Jahre alt ist. Die andere Variante ist - vor allem, wenn es gesundheitliche Probleme gibt - die Invaliditätspension, die finanziell deutlich niedriger ausfällt als die Regelpension, bisher aber trotzdem stark nachgefragt wurde. Die Folge: Gerade einmal 43 Prozent der Österreicher zwischen 55 und 65 Jahren stehen noch im Erwerbsleben. Ein Negativrekord.

Der Teufelskreis

Die Gründe, warum das so ist, wird auch das Bonus-Malus-System der Regierung in Zukunft nicht so leicht aus der Welt schaffen. "Es ist ein Teufelskreis“, sagt etwa Ursula Holtgrewe, wissenschaftliche Leiterin bei FORBA (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt) in Wien. Die Arbeitgeber glauben, dass die meisten Menschen so früh wie möglich in Pension gehen wollen, daher werde oft nicht versucht, die Arbeitsbedingungen dieser Altersgruppe zu verbessern, so Holtgrewe. Die Arbeitnehmer wiederum fühlen sich dadurch wie auf dem Abstellgleis, sehen keine Perspektive und wollen daher tatsächlich so früh wie möglich in Pension gehen. Dieses Schlamassel geht dann zu Lasten des Staatshaushalts, dessen Budgetloch zum Teil auf die rapide steigenden Pensionskosten zurückgeht.

Weil eine vorzeitige Pension in Österreich sozial akzeptiert ist, sparen die Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zuerst an den "Rändern“, bei den ganz Jungen und bei den Fast-Pensionisten. Denn gerade im Angestelltenbereich sind die Älteren teurer, zudem stehen sie - aufgrund ihrer Lebenserfahrung - Umstrukturierungen oft skeptischer als Junge gegenüber. "Nach wie vor ist es eine gewisse betriebliche Praxis, dass bei Restrukturierungen ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oft als erste gehen müssen“, beobachtet auch Christine Mayrhuber, Expertin am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo.

Sie bekommen dann neben den gesetzlichen auch betriebliche Abfertigungen. Ob das die Unternehmen am Ende wirklich günstiger kommt als etwa Teilzeitlösungen, sei oft gar nicht erwiesen, meint Mayrhuber.

Warum Unternehmen dennoch gerne auf Golden Handshakes zurückgreifen und ältere Arbeitnehmer dann kaum mehr aus der Arbeitslosigkeit zurück in die Erwerbstätigkeit finden? Um das zu ändern, müssten alle Seiten hartnäckige Mythen hinterfragen und sich neuen Realitäten stellen.

Mythos und Wahrheit

Zu den beliebtesten Vorurteilen gegenüber älteren Arbeitnehmern zählt, dass sie weniger leistungsfähig sind. Das gilt zwar nicht für Universitätsprofessoren und Ärzte, aber in Berufen mit geringer Qualifikation werden ältere Menschen schnell stigmatisiert. Dabei leben Unternehmen wie die Voestalpine seit Jahren vor, dass es gelingen kann, Menschen, die in der Produktion gearbeitet haben, ab einem gewissen Alter woanders einzusetzen, ohne dass die Produktivität darunter leidet. "Studien zeigen, dass die Erfahrung vieles aufwiegen kann“, sagt Anne Sonnet, die sich bei der OECD mit älteren Arbeitnehmern beschäftigt.

Ein Mythos ist auch, dass alle Österreicher den Tag ihrer Pensionierung herbeisehnen. In Wahrheit wird vielen, die nicht zu den Topstars einer Firma zählen, schon vor Erreichen des Regelpensionsalters mehr oder weniger freundlich nahegelegt, dass die Zeit gekommen ist.

Dass es auch anders geht, haben die Skandinavier vorgezeigt. "In Nordeuropa denken die Sozialpartner gemeinsam mit den Betrieben darüber nach und entwickeln Maßnahmen, um Ältere länger in Jobs zu behalten“, so Holtgrewe. Denn das gesamte Umfeld müsse ineinandergreifen und zum Teil brauche es institutionelle Unterstützung, um Betriebe und Beschäftigte zu ihrem Glück zu zwingen.

Dazu gehört auch, geltende Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt zu ändern, etwa die Konstruktion des Krankenstandes. "Eine Idee wäre Kranken- beziehungsweise Reha-Teilzeit“, so Holtgrewe. Auch eine Teilzeitpension, wie sie die Regierung bereits vorhat, könnte dazu beitragen. Wie oft sie in Anspruch genommen wird, hängt allerdings davon ab, wie attraktiv sie finanziell ist.

Den Niederlanden ist es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, krankheitsbedingte Frühpensionen rapide zu senken. Der Ansatz: Der Staat nimmt Arbeitnehmer und Arbeitgeber in die Pflicht. Sobald jemand länger als 40 Tage krank ist, wird ein Plan ausgearbeitet. Wird er nicht eingehalten, drohen Unternehmen wie Mitarbeitern Strafen.

Die Zukunft wird, da sind Experten relativ einig, mehr Flexibilität verlangen - was Arbeitszeiten und die Belastung betrifft. Doch erstmal muss allen bewusst sein, dass an längerem Arbeiten kein Weg vorbei führt. Die OECD drängt deshalb darauf, das gesetzliche Pensionsalter schnell anzuheben. Nicht nur, um die Staatsfinanzen in den Griff zu bekommen, sondern auch aus Wettbewerbsgründen.

Bald werden viele Unternehmen um Fachkräfte ringen, und je weniger Junge nachkommen, desto begehrter werden die Älteren in Zukunft sein. Unternehmen investieren deshalb vermehrt in die Gesundheit und in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Förderungen in diesem Bereich könnten zunächst Bewusstsein schaffen, dann längerfristig Jobs, so der Tenor aus der Industrie.

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