Koalition: K & K am Steuer der Republik

Sebastian Kurz und Werner Kogler sind einander mehr grün als ihre beiden Parteien. Das ist ihre größte Chance, aber zugleich ihr bleibendes Risiko. Österreichs Regierungsduo in spe im trend-Doppelporträt.

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi
Koalition: K & K am Steuer der Republik

Sebastian Kurz hat in seinen ersten 33 Lebensjahren abseits der Schule nichts anderes als Politik gelernt. Den ersten persönlichen Kontakt zur ÖVP knüpfte er noch als Schüler - zuvorderst aus Bewunderung für Wolfgang Schüssel, der es nach drei Jahrzehnten geschafft hatte, den Kanzlersessel für die ÖVP zurückzuerobern. Als die ÖVP-Bezirksorganisation den gerade 16-Jährigen in Wien-Meidling abwimmelte, heuerte er bei der Jungen ÖVP im ersten Bezirk an. Hier hat er offenbar jenen gehobenen bürgerlichen Tonfall angenommen, der absolut nichts vom Meidlinger Slang samt legendärem L an sich hat. Und der viele Kurz noch heute prima vista in Döbling oder Hietzing verorten lässt.

Im Kreise betuchter City-Jungschwarzer hat er sich offenbar auch jenen Habitus zugelegt, den Werner Kogler bis vor Kurzem mit despektierlichen Sagern wie "Kurz' Schnöseltruppe" abtat. Werner Kogler hat in seinen bisher 58 Lebensjahren abseits von Schule und Universität nichts anderes als Politik gelernt. Anfang der 1980er fällt der Volkswirtschaftsstudent politisch erstmals bei Gründungsversammlungen der Alternativen Liste Graz, eines der Vorläufer der Grünen, auf. "Engagiert, intelligent, aber keiner, der sich schnell festlegt, sondern einer, der schaut, was theoretisch notwendig, aber auch praktisch möglich ist", so Koglers früher Entdecker Andreas Wabl, Grün-Abgeordneter der ersten Stunde und später Klubobmann.

Er bietet Kogler an, als sein Mitarbeiter nach Wien zu gehen. 1999 "beerbt" ihn Kogler auch als steirischer Abgeordneter. "Er war einer unserer besseren Abgeordneten", sagt sein langjähriger Kollege Peter Pilz. "Einer, der mit allen konnte, aber nie nach vorne drängte - auch weil er keinen Konflikt aushielt." Bis zur Abwahl der Grünen aus dem Parlament 2017 bringt es Kogler auf fast zwei Jahrzehnte als Abgeordneter. Kogler hatte bei den Grünen fast schon eine Inventarnummer, resümierte das Magazin "Fleisch" jüngst keck. "Ich bin ein Mann der zweiten Reihe", sagte der erste grüne Vizekanzler in spe bis vor Kurzem über sich selbst.


"Kleiner Schlingel" versus "Wilder Hund".


Ein Leben in und für die Politik: Das ist das, was das derzeit wahrscheinlichste künftige Regierungsduo K &K auf den ersten Blick am meisten verbindet. Mit dieser biografischen Parallele hat es sich auch schon, sollte man meinen.

Aber selbst diese gemeinsamen Wurzeln einer lebenslangen Leidenschaft für Politik schlugen total konträr aus. Der heutige ÖVP-Chef hat selbst als Teenager nur kurz über die Stränge geschlagen. In der vierten, fünften Klasse Gymnasium teilte sich die Welt der Pubertierenden im Meidlinger Gymnasium Erlgasse in drei Lager, erzählt er gerne amüsiert im vertrauten Kreis: Die einen wurde zu Komatrinkern und gaben sich Wochenende für Wochenende Alkoholexzessen in Clubs und Bars hin. Die anderen griffen zu härteren narkotisierenden Stoffen, einige kamen ein Leben lang nicht mehr davon weg. Die dritte Gruppe blieb die kleinste und auch die unauffälligste -die Braven, die auch als Pubertierende nicht ernsthaft aus der Reihe tanzten.

Falsch -Sebastian Kurz gehörte nicht zu den ganz Braven. Er frönte wie die Mehrheit in seiner Klasse der neuen Freiheit, endlich öffentlich Alkohol trinken zu dürfen. Es war wohl auch seiner Leidenschaft für Tennis und dem Taschengeld, das er als Tennislehrer verdiente, geschuldet, dass die Alk-Phase beim Teenager Sebastian nur kurz dauerte.

Seine Mutter, eine Lehrerin, beschreibt ihren einzigen Sohn zwar generell als "kleinen Schlingel". Der weitere Lebensweg von Kurz lässt sich zwar mit ehrgeizig und neugierig, aber auch mit wohlgesittet beschreiben. Mit Demos, Revolte oder dem längst modischen Lifestyle in Bio und Birkenstock hatte Kurz nie etwas am Hut. Seit der Mittelschule zeigt er sich mit einer kurzen Unterbrechung mit derselben Freundin, Susanne Thier. Er wohnt lange in einer Wohnung im Haus der Eltern. Erst als Minister übersiedelte er in eine größere Behausung -in unmittelbarer Nähe von Vater und Mutter. Am Wochenende oder am Abend taucht er bis heute, wann immer er kann, zu Tisch auf. Noch als Erwachsener verbrachte er gemeinsam mit den Eltern einen Teil seines Urlaubs. Im kleinen Kreis verweist er noch heute gerne darauf, wie seine Eltern ein Thema sehen oder was sie ihm als Hinweis für den politischen Alltag mitgegeben haben.

Werner Kogler hat sich schon als Schüler im oststeirischen Hartberg als "wilder Hund" einen Namen gemacht: einer, der die Kloschüssel abmontiert und anstelle des Lehrersessels platziert. Einer, der im Schulbus demonstrativ raucht und nichts mit denen am Hut haben will, die Politische Bildung statt Fußball als Freifach nehmen. Alles in allem ein antiautoritärer spätgeborener Alt-68er. "Das Interesse am Rauchen habe ich verloren, als es mir meine Mutter erlaubt hat", feixt er. Mit seinen Eltern liefert er sich anders als die kreuzbrave Generation Sebastian heftige Scharmützel.

Wie viele am Land hat er ein Faible für illegal hochfrisierte Motorräder. Sein Traum einer Karriere als Profifußballer bei Sturm Graz - Kogler trainierte in der U21-Mannschaft - zerbröselt. Der Oststeirer ist zwar schnell, aber nicht kräftig genug. Im Auftreten erinnert er bis heute ein wenig an Inspektor Columbo: immer etwas unausgeschlafen und zerknautscht, immer gerne ausgiebig und manchmal umständlich laut am Nachdenken.


Gemeinsame Lust auf Landluft.


So konträr die privaten Lebenswege auch verliefen, an einer Stelle kreuzen sich ihre Wurzeln abseits der gemeinsamen Sucht nach Politik nachhaltig.

Auch wenn sich viele im Wahlkampf darüber lustig machten, dass der in Wien- Meidling lebende ÖVP-Chef plötzlich seine niederösterreichische Zweitheimat gebetsmühlenartig in die Auslage stellte. Kurz hat tatsächlich starke Bindungen ans Landleben. Er hat viele Wochenenden und Sommer im kleinen Nest Zogelsdorf im Weinviertel verbracht, gelegentlich zieht es ihn auch heute noch dorthin.

Kurz lässt sich in Wien so gut wie nie wie andere Spitzenpolitiker aus Imagegründen oder gar Neigung im Theater oder Konzert blicken. Wenn er in Wien ausgeht, frequentiert er private Clubs wie die seines Freundes Martin Ho. Bevor dieser ins After-Work-Business einstieg, tobte sich Kurz noch als Staatssekretär alle paar Wochen im "Platzhirsch" gegenüber der Wiener Staatsoper aus.

Kurz, der sich selber als "Mister Hausverstand" der Politik sieht, ist nicht nur wichtig, was typische Wiener Mittelstandswähler wie seine Eltern (Mutter: Lehrerin, Vater: Ingenieur) denken. Er saugt als Zoon politikon zudem auf, was beispielsweise den Fleischhauer in Eggenburg oder in Maissau in der Nähe des großelterlichen Bauernhofes in Zogelsdorf gerade bewegt.

Je häufiger er das tut, desto öfter mokiert er sich darüber, was die "Medien-und Politik-Blase" vornehmlich auf Twitter bewegt. Wenn er im jüngsten Wahlkampf von einer Bundesländertour in die Parteizentrale zurückkehrt und dort von seinen Mitarbeitern mit dem neuesten "Shitstorm" in den sozialen Netzwerken konfrontiert wird, tut er das zunehmend als Sturm im sterilen Wasserglas ab. Und lädt sein Wiener Büroteam ein, ihn wieder öfters im Wahlkampf zu begleiten, um zu hören, was die Wähler tatsächlich beschäftigt.

Müsste er sich etwa in Deutschland parteipolitisch verorten, lässt er im kleinen Kreis gelegentlich gerne wissen, würde er irgendwo zwischen CSU und FDP stehen: eine Prise Laptop und Lederhosen für seine Fans am Land, eine Prise Freigeist vornehmlich in Sachen Wirtschaft für seine Fans in der Stadt.


"Einzelgänger" versus "Rudeltier".


Werner Kogler passt nur, was seine Ausgehgewohnheiten betrifft, ins gängige Klischee des urbanen Öko-Bobos. Der Grünen-Chef war bis vor Kurzem zu später Stunde häufig im "Café Anzengruber" anzutreffen, einem

Bohemienlokal unweit des Wiener Naschmarkts. Abseits dessen hält es Kogler nicht so mit den Insignien eines typischen Bobo-Grünen. Er schwingt sich nicht demonstrativ aufs Fahrrad, lässt sich nicht regelmäßig ein Bio-Gemüsekisterl vor die Wohnungstür stellen. Einzig grüntypisch ist sein ausgeprägtes Faible für die Bahn. Zur Entspannung, erzählt sein Ex-Kollege Peter Pilz, setzt sich der Steirer im Urlaub einfach in einen Zug und hält dort, wo es ihm gerade Spaß macht: "Einmal hat er sich in Albanien auf eine Bank gesetzt und in die Landschaft geschaut. Das hat ihm so gefallen, dass er dort mehrere Tage verbracht hat. Der Werner kann mit jedem. Gleichzeitig ist er der extremste Einzelgänger, den ich je kennengelernt habe." Wenn Pilz Recht hat, eine Eigenschaft, die Kogler massiv von Kurz unterscheidet. Der Türkise versteht sich als "Rudeltier", das immer eine Gruppe Gleichgesinnter um sich braucht.

Österreichweit breiter bekannt wurde Kogler erst vor wenigen Jahren als Aufdecker im Hypo-U-Ausschuss. Mit seiner "Hyposkandal-Tour" tingelte er anschließend höchst erfolgreich durch Wirtshäuser und Veranstaltungssäle vor allem am Land. Wenn er im oststeirischen Dialekt und in anschaulichen Bildern Anekdoten über das Zusammenspiel von expansionswütigen Bankern und korrupten Lokalgrößen am Balkan erzählte, gelang ihm ein seltenes Kunststück: Kogler stellte unter Beweis, dass er eine komplexe Materie nicht nur für interessierte Polit-Freaks, sondern auch für Durchschnittsbürger am Land spannend und verdaulich erzählen kann.

In Zeiten, in denen viele vom Bundespräsidenten abwärts zu Recht die politische Spaltung des Landes, aber auch die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land beklagen, ist das ein politisches Asset. Eines, dem sich nicht nur Werner Kogler verpflichtet fühlt, sondern das auch Sebastian Kurz für sich beansprucht. Nur mit den Stimmen urbaner Grüner allein hätte Kogler nicht den Sprung vom politischen Aus auf 14 Prozent geschafft. Und Kurz wäre es binnen zwei Wahlgängen nie gelungen, sich in Stadt und Land mit wenigen Ausnahmen als Nummer eins zu etablieren.


"Sendungsbewusste Ökos" vs. "selbstbewusste Macher".


"Mit Kogler allein wäre ich schon bald mit den Verhandlungen fertig", ließ Kurz gegenüber Freunden beim bereits traditionellen Punsch-&-Maroni-Fest in der ersten Adventwoche launig fallen. "Ohne Kurz und Kogler wären die Verhandlungen schon längst gescheitert", lassen auch ÖVP-Verhandler wissen.

Was beide zunehmend verbindet, sagt ein ÖVP-Insider, ist, dass "beide sehr offen miteinander reden. Damit weiß jeder, wie weit er gehen kann und warum das so ist. Denn keiner kann dem anderen zumuten, seine Wähler oder Funktionäre zu überfordern." Zwischen vielen der türkisen und grünen Verhandler liegen in der Tat noch mehr Welten als zwischen Kurz und Kogler. Hier die sendungsbewussten Ökos, die "die Menschen bekehren wollen", so ein ÖVP-Mann. Dort "die selbstbewussten Machertypen, die uns innerlich als weltfremde Idealisten belächeln", so ein Grüner.

Kurz und Kogler sind einander von Anfang an persönlich näher gewesen als ihre Parteien. Das ist für viele teilnehmende Beobachter der Grund, dass nach zwei Monaten zähen Verhandelns noch keiner die Flinte ins Korn geworfen hat.

Denn das äußerliche Bild von Kogler mit seinen aufgekrempelten Ärmeln täuscht: Der Grünen-Chef ist kein Kraftprotz, der mit "Hoppla, jetzt komme ich" die Führung an sich reißt und allen anderen die Schneid abkaufen will. Der Grünen-Chef setzt im politischen Geschäft auf Vorsicht. Er tastet nicht nur im Gespräch mit Kurz die Chance auf Gemeinsamkeiten behutsam ab. Er sucht auch, alle wichtigen grünen Player vorab einzubinden. Kogler dreht lieber noch eine Runde, bevor er - was keinem Grünen-Chef zuvor zugestanden wurde -ein Machtwort spricht. Kogler-Vertraute proklamieren, der Grünen-Chef reize so auf Dauer da wie dort seine Erfolgschancen besser aus.

Noch lässt sich das nicht zweifelsfrei bewerten. Entscheidend wird sein, wie viel Spielraum K &K einander im politischen Alltag lassen wollen und können.

Werner Kogler suchte schon vor der Wahl, eine mögliche Brücke in die türkise Welt zu schlagen. Während alle anderen Kandidaten im Finale der Dutzenden TV-Debatten nichts wie nach Hause wollten, gingen Kurz und Kogler zehn Tage vor der Wahl noch auf ein Bier. Es war nicht das erste Treffen dieser Art. Als nach der Wahl absehbar wurde, dass Grün auf Sicht die einzige realistische Chance für Kurz ist, ein Kabinett zu bilden, erwies sich der Vertrauensvorschuss für beide Seiten als Glücksgriff.

Mit der blauen Gedankenwelt tat sich Kurz freilich weitaus leichter. Sie war ihm beim Megathema Migration nicht nur vertraut, sondern großteils auch nahe. Es galt nur, sie weniger aggressiv und adretter zu verpacken.

Mit der Welt der Grünen hat Sebastian Kurz bislang wenig am Hut. Für Umweltschutz und gegen die Klimakrise ist heute jeder Politiker, der wiedergewählt werden will. Kurz war in Sachen Flüchtlinge blassblau oder da und dort auch schon "Kickl light".

Öko ist für den Comeback-Kanzler eine fremde Welt, im Moment dürfte es bei ihm nicht einmal für Blassgrün reichen. Das Milieu, mit dem er sich nun für lange einlassen müsste, ist Kurz im Grund zu nahe an der Linken. Für diese hatte er schon zu Zeiten von Rot-Schwarz nur eine Mischung aus Unverständnis und Ablehnung über. "Links" ist für den Herold einer "Mitte-rechts- Politik" hoffnungslos out.

Jetzt will Kurz mit Kogler etwas hinlegen, das schwindelerregend klingt: Alles Links-rechts-Walzer!



Der Autor

Josef Votzi

Josef Votzi

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend beleuchtet er wöchentlich Österreichs Politik.

Thema: Politik Backstage von Josef Votzi


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