Was wurde eigentlich aus den Kurz-Jüngern? [Politik Backstage]

Mit Gerald Fleischmann kehrt im Herbst auch "Mr. Message Control" der Politik den Rücken. Das Gros der eingeschworenen KURZ-TRUPPE von gestern hat sich bereits Richtung Wirtschaft verabschiedet. Wohl für immer.

Themen: Politik Backstage von Josef Votzi, Sebastian Kurz - Aufstieg und Fall
Sebastian Kurz, Kanzler a.D., am ÖVP-Bundesparteitag im Mai 2022. Er würde nur zu gern weiter in der Politik mitmischen.

Sebastian Kurz, Kanzler a.D., am ÖVP-Bundesparteitag im Mai 2022. Er würde nur zu gern weiter in der Politik mitmischen.


Bernhard Bonelli


  • DER KABINETTSCHEF. Bernhard Bonelli hat die Politik hinter sich gelassen und gründet jetzt mit einem Partner einen Wachstumsfonds.

Bernhard Bonelli startete die neue Arbeitswoche nach dem langen Fronleichnam- Wochenende vergangenen Montag in München. Auf dem Terminkalender des ehemaligen Kabinettschefs im Kanzleramt standen Treffen mit Managern der Finanzbranche und Entscheidungsträgern in Softwareunternehmen. Die einen hat Bonelli als mögliche Investoren in seinen Wachstumsfonds im Visier. Die anderen als mögliche Kunden, die eine Kapitalspritze zum Ausbau ihres Unternehmens suchen.

Bonelli nimmt gerade die letzten Hürden auf dem Weg in seine neue berufliche Existenz. Gemeinsam mit einem Kollegen, den er aus seinen Berufsjahren bei Boston Consulting kennt, will der 39-Jährige seinen Wachstumsfonds Ende Juli aus der Taufe heben. Die beiden gelernten Unternehmensberater wollen mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag an den Start gehen.

Mit Bernhard Bonelli kehrt eine türkise Schlüsselfigur am Ballhausplatz der Politik so wohl länger, wenn nicht für immer den Rücken. Die Laufzeiten für Kapitalgeber und Kapitalnehmer des Fonds seien auf zehn Jahre angelegt, ließ er kürzlich im früheren Kollegenkreis wissen. Damit sei auch er als Person, der vom Vertrauen der Geldgeber lebt, für die nächsten Jahre gebunden.

Im Regierungsviertel ist der Kurz- Weggefährte daher nicht mehr anzutreffen. Dass er kürzlich bei einem Abendessen unweit des Ballhausplatz gesehen wurde, war offenbar eine Ausnahme.

Bonelli dinierte in einem Innenstadtlokal mit der grünen Klubobfrau Sigi Maurer. Ex-Kollegen gegenüber erklärte der Neo-Unternehmer das ungewöhnliche Treffen so: Der Sturz von Kurz kam für ihn total unerwartet. In den zwei, wegen Corona durchwegs dramatischen gemeinsamen Regierungsjahren hätten sich Vertrauensbeziehungen aufgebaut, die mit einem Schlag dahin gewesen waren. Bonelli war in der Tat der Einzige im Kurz-Team, dem auch vom grünen Regierungspartner vornehmlich Gutes nachsagt wurde: faktenbasiert, lösungsorientiert und belastbar.

Der plötzliche Bruch kam für Bonelli aus heiterem Himmel, das habe er mit einem seiner Gegenüber von gestern aufarbeiten wollen, räsoniert er im Freundeskreis. Inzwischen wisse er: "Auch die Politik ist nur ein Business." Ob der Jungunternehmer je ins Politgeschäft zurückkehren will, lässt er auch gegenüber Vertrauten offen.


Kronprinz Gernot Blümel:

nie wieder Politik


  • DER KRONPRINZ. Gernot Blümel ist nun als CEO für die Unternehmen von Superfund- Gründer Christian Baha tätig.

Der radikale Wechsel von Bernhard Bonelli von der volatilen Welt der Politik in die berechenbarer scheinende Welt der Wirtschaft steht prototypisch für jene verschworene Truppe vornehmlich junger Männer, die dem gefallenen Kanzler Sebastian Kurz den Weg nach ganz oben geebnet hatten. Einige der Kurz-Jünger wie Bonelli sind schon dahin, die letzten sind gerade dabei, ihren Abgang dingfest zu machen. Der wohl engste Kurz-Vertraute auf der Regierungsbank, Gernot Blümel, wurde von Kurz angesichts seines unvermeidbaren endgültigen Abgangs Ende des Vorjahrs noch bis zuletzt bedrängt, seine Nachfolge als Kanzler und Parteichef zu übernehmen.

Blümel hatte schon nach der spektakulären ersten Hausdurchsuchung bei einem amtierenden Finanzminister im Februar des Vorjahrs mit dem Gedanken zu spielen begonnen, der Politik den Rücken zu kehren. Als Kurz endgültig ging, erklärte noch am gleichen Abend auch Blümel seinen Rücktritt. Seither trägt er im Freundes-und Kollegenkreis einen Satz wie ein Mantra vor sich her: nie wieder Politik, nie wieder Medienöffentlichkeit. Blümel kurbelt nun als CEO für Superfund-Gründer Christian Baha international die Geschäfte an.

Der Ex-Finanzminister wurde zwar jüngst wie in alten Tagen gemeinsam mit Sebastian Kurz am Flug nach Berlin gesehen. Was sie bei ihrem Trip in die deutsche Hauptstadt wollten, lassen beide im Dunkeln. Auf der ÖVP-internen Gerüchtebörse rangiert ein Termin im Umfeld der CDU ganz oben.

Aber in der Regel sind die Reiseziele von Gernot Blümel und auch von Sebastian Kurz nicht auch mit der Bahn anzusteuern. Den Ex-Finanzminister zog es zuletzt bis nach Japan, den Ex-Kanzler in den arabischen Raum.


Kontrollfreak Kurz

will weiter mitmischen


Blümel nehmen immer mehr Schwarz-Türkise seine Absage an die Politik ab. Bei Kurz mehren sich freilich die Zweifel. Der Ex-Kanzler lässt sich bei Treffen mit den heute agierenden Türkisen gerne minutiös über innere Abläufe berichten. Das Interesse geht weit über den verständlichen Wunsch nach der Erinnerung an gemeinsame Zeiten hinaus. Der "Global Strategist" des US-Milliardärs Peter Thiel nimmt nach wie vor gerne Einladungen zu öffentlichen Auftritten in Österreich an. Zuletzt philosophierte er auf Einladung der Salzburger Porsche Holding bei den Elektrotagen auf dem Wiener Rathausplatz über die Zukunftschancen des E-Autos. Wie fehleranfällig Kurz allerdings ohne seine Truppe ist, stellte er dieser Tage publikumswirksam unter Beweis. Privatfotos nur total kontrolliert, aber Zero Tolerance bei Homestorys -diese Regel hielten Kurz und seine Truppe seit seiner wild umfehdeten Berufung im jugendlichen Alters von 25 zum Integrations-Staatssekretär eisern ein.

Mitte Juni brachte die deutsche Tageszeitung "Welt" eine schwülstig liebedienerische Reportage über das neue Leben des Sebastian Kurz, die in der Wohnung des Ex-Kanzlers "mit Blick auf Schönbrunn" beginnt und dort auch endet. Kurz serviert dem Reporter Käsebrote und offeriert, weil er um dessen Vorlieben weiß, Campari. Der "Welt"-Leser erfährt, dass Kurz-Freundin und Jungmutter Susanne Thier nebenan bei der letzten Folge der Netflix-Serie "Diener des Volkes"(die den Ruhm des Hauptdarstellers Wolodymyr Selenskyj als Politiker begründete) eingeschlafen ist, Kurz ihr zärtlich über den Kopf streichelt und das Licht löscht.


"Mr. Message Control"

inszeniert Anti-Teuerungspaket


  • DER MANN FÜRS GROBE. Gerald Fleischmann arbeitet noch im VP-Parlamentsklub, will sich aber im Herbst Richtung Privatwirtschaft verabschieden.

Romantische Reportagen wie diese sind aber derzeit die Ausnahme. Im ÖVP-Korruptions-Ausschuss ist dieser Tage ein neuer Anlauf von Opposition und Grünen zur lautstarken Abrechnung mit der türkisen Regentschaft angesagt.

In der vorletzten Juni-Woche musste die langjährige Kurz-Intima und Ex-Ministerin Elisabeth Köstinger als Auskunftsperson im U-Ausschuss noch einmal zurück auf die politische Bühne.

Am letzten Juni-Tag sind zwei Herren geladen, die beim Aufstieg von Sebastian Kurz eine zentrale Rolle einnahmen. Einer spielte mit dem U-Ausschuss bis zuletzt Katz und Maus: Thomas Schmid, der jetzt in Amsterdam lebt, will mit allen Mitteln verhindern, den Parlaments-Abgeordneten noch einmal Rede und Antwort stehen zu müssen.

Die Chats des manischen Handy- Users sind nach wie vor ein unerschöpflicher Quell für Ermittler und Abgeordnete. Der andere Schlüsselspieler im Kurz-Küchenkabinett hat sein Kommen bereits zugesagt: Gerald Fleischmann, langjähriger PR-Promotor von Kurz und zuletzt Medienbeauftragter der Regierung.

Für Fleischmann wurde nach dem abrupten Aus im Kanzleramt ein Job als "Referent" im ÖVP-Parlamentsklub freigemacht. Nach übereinstimmender Wahrnehmung in der ÖVP macht er auch dort weiterhin nichts anderes als Medienarbeit. Fleischmann, dessen gelegentlich sehr rüde Interventionen in Redaktionen omnipräsent waren, agiert nun aber vor allem im Hintergrund.

Zuletzt trug auch die breite mediale Inszenierung des Antiteuerungspakets der Regierung die Handschrift des türkisen "Mister Message Control". Fleischmann spielt nach wie vor bei der Vorbereitung der U-Ausschuss-Sitzungen durch die ÖVP-Fraktion eine gewichtige Rolle. "Er bringt sich stark ein und hat auch immer wieder gute Ideen", sagt ein Teilnehmer dieser Runden. Er tat generell einiges, sagen Weggefährten, um sich auch unter dem neuen ÖVP-Chef und Kanzler Karl Nehammer möglichst unentbehrlich zu machen.

In der ÖVP erzählt man sich, dass Fleischmanns höchst umstrittenes Know-how nach zehn Jahren als Medien- Einpeitscher an der Seite von Kurz über die besten Interventionswege und erfolgversprechendsten Druckpunkte im weitverzweigten Dickicht der ORF- Redaktionen weiter gefragt ist. Andere behaupten, dass Fleischmanns Aktivitäten in Sachen Medien und ORF ÖVP-intern da und dort auf Widerspruch gestoßen sind.

Fakt ist jedenfalls: Auch Gerald Fleischmann ist nun dabei, der Politik den Rücken zu kehren. Im Herbst wird sich auch Kurz' Mann fürs Medien-Grobe Richtung Privatwirtschaft verabschieden. Das konkrete Ziel ist noch unbekannt.


Vertrag für Kurz-Strategen

Steiner läuft aus


  • THE BRAIN. Stefan Steiner war der strategische Kopf der Kurz-Truppe, nichts ging ohne ihn. Sein VP-Berater-Vertrag läuft aus.
  • DER PERSONALCHEF. Axel Melchior war für Personal zuständig. Arbeitet jetzt beim Industriellen Klaus Ortner.
  • DER MEDIENMANN. Hannes Frischmann war der Pressesprecher und arbeitet heute für das VP-Onlinemedium "Zur Sache".
  • BESSERE ZEITEN. Lisa Wieser war Herrin des Terminkalenders, sie arbeitet derzeit im Parlament.

Total still geworden ist um einen, der auch in seiner Hochzeit das Rampenlicht scheute -den Kurz Chefstrategen Stefan Steiner, im türkisen Inner Circle einst ehrfürchtig "the Brain" genannt.

ÖVP-interne Kritiker sagen heute, der aus Wieselburg in Niederösterreich stammende Jurist, der nach wie vor seine heimatlichen Wurzeln sehr pflegt, sei "zu wenig über Wieselburg hinausgewachsen". Als Kurz mit 23 Jahren die JVP- Führung übenahm, legte der damalige ÖVP-Chef Josef Pröll dem Jungspund den damaligen Politischen Referenten in der ÖVP-Zentrale als Berater ans Herz. Mehr als ein Jahrzehnt tat Kurz politisch keinen entscheidenden Schritt ohne Steiner. Der verbindliche auftretende Polit-Fuchs stand Pate für Kurz’ Flüchtlings-Kurs und seine Kampagnen gegen den politischen Islam. Medientaugliche Konflikte mit dem türkischen Präsidenten Erdogan gingen vornehmlich auf das Konto von Gerald Fleischmann.

Mit dem Abgang von Kurz hat sich in der ÖVP auch die Tonlage gegenüber der Türkei geändert. Präsident Erdogan gab ob der freundlichen Nasenlöcher, die Karl Nehammer vom Ballhausplatz aus macht, den jahrelangen Widerstand des Nato-Lands Türkei gegen die Teilnahme Österreichs an militärischen "Partnership for Peace"-Projekten der NATO auf.

Stefan Steiner, der kurz nach der Kür seines Schützlings zum Kanzler einen mit 33.000 Euro Brutto-Monatshonorar dotierten Beratervertrag der ÖVP bekam, arbeitet von seinem Büro in der ÖVP-Zentrale auf Wunsch da und dort der ÖVP- Spitze weiter zu. Sein Fünf-Jahre-Vertrag läuft nun mit Ende 2022 aus. Auch Stefan Steiner lässt intern verlauten, dass er der Politik den Rücken Richtung Privatwirtschaft kehren wird. Weiter im Dienst der Politik, aber nach außen hin vollkommen unauffällig, bleibt Hannes Frischmann. Der Ex-Pressesprecher von Kurz werkt hauptsächlich für die Onlineplattform des ÖVP-Parlamentsklubs, "Zur Sache". In den ÖVP-Fraktionsbüros hat auch Lisa Wieser Unterschlupf gefunden, die einst - als eine der wenigen Frauen in der Kurz-Truppe -als Herrin des Kalenders darüber entschied, wer in die Gunst eines persönlichen Termins kam.

Bereits unmittelbar nach Nehammers Einzug ins Kanzleramt hat Generalsekretär Axel Melchior seinen Schreibtisch in der ÖVP geräumt. Der "Personalchef" der Türkisen spielte bei der Platzierung von Kurz-treuen JVP-Leuten in Kabinetten und im Parteiapparat eine Schlüsselrolle. Sein Parlamentsmandat hat er nach seinem Wechsel aus der Parteizentrale zum ÖVP-Großspender, dem Industriellen Klaus Ortner, behalten.


Das Schmid-Trauma


"Aus ihren Jobs zieht sich vornehmlich der innerste Kreis um Kurz zurück. Die vielen anderen in Kabinetten und im Parteiapparat, die unter Kurz installiert wurden, bleiben", resümiert ein schwarzer Regierungsinsider: "Anders wäre es gar nicht möglich, weiterzuarbeiten, zumal es schwer ist, neue Leute zu finden. Denn Jobs in Ministerbüros gelten seit den Chats und den vielen Vorladungen in den U-Ausschuss als toxisch."

Am radikalsten mit den strukturellen Bedingungen für das System Kurz aufgeräumt wurde bereits dort, wo es die größten bislang bekannten Missstände provozierte. Und das ohne den üblichen türkisen Trommelwirbel und langwierige politische Abstimmung: Der Job des Generalsekretärs -einst Machtbastion der türkisen Zeitbombe Thomas Schmid - wurde vom neuen Ressortchef im Finanzministerium bald nach Amtsantritt ersatzlos gestrichen. Auch das ist nach dem Aus der Kurz-Truppe neu: Magnus Brunner fragte nicht lange nach, sondern informierte Karl Nehammer kurz vor Vollzug über die geplante Maßnahme.

Größeres Potenzial für einen Wirbel hatte jüngst ein weiterer Schlussstrich unter die Ära Kurz: die Ablöse von ÖBAG-Aufsichtsratschef Helmut Kern. Der freundlich verbindliche, aber als Stratege konturlose Ex-Unternehmensberater suchte sich gegen die Ablöse erst zu wehren, gab aber bald klein bei.

Helmut Kern verabschiedete sich schlussendlich gesichtswahrend "von sich aus" von dem prestigeträchtigen Posten. Die einstige Nähe zu Kurz sticht nirgendwo mehr. Bei einem SOS-Rundruf unter seinen Aufsichtsratskollegen stieß der Ex-ÖBAG-Oberaufseher von Kurz' Gnaden reihum auf taube Ohren.


Der Autor

Josef Votzi

Josef Votzi

Josef Votzi ist einer der renommiertesten Politikjournalisten des Landes. Der Enthüller der Affäre Groër arbeitete für profil und News und war zuletzt Politik- und Sonntagschef des "Kurier". Für den trend verfasst Josef Votzi jede Woche "Politik Backstage".

Die weiteren Beiträge von Josef Votzi finden Sie im Thema "Politik Backstage von Josef Votzi"


Der Artikel ist auch im trend. PREMIUM vom 24. Juni 2022 zu finden.

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