Die Kurden: Ein Volk ohne eigenes Land

Die Schlacht um die syrische Stadt Kobani rückt den seit über einem Jahrhundert andauernden Kampf der Kurden für einen eigenen Staat wieder ins Rampenlicht. Vom Vormarsch der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak sind sie besonders betroffen. Die Türkei, Syrien, der Irak und der Iran haben große kurdische Minderheiten, die nach Jahrzehnten staatlicher Repressalien mehr Autonomie fordern.

Die Kurden: Ein Volk ohne eigenes Land

Die Kurden sind ein nicht-arabisches Volk, zu dem hauptsächlich sunnitische Muslime zählen. Sie sprechen eine Sprache, die dem Persischen verwandt ist, und leben im Gebirge zwischen Armenien, dem Irak, dem Iran, Syrien und der Türkei. Den größten Teil ihrer Geschichte mussten sie sich fremden Herrschern unterwerfen. In der jüngeren Vergangenheit vereitelten der Iran, der Irak und die Türkei die Schaffung eines Kurdenstaates. Auch der Westen sah sich bisher nicht veranlasst, bei der Errichtung eines unabhängigen Kurdistan zu helfen.

Geboren wurde der kurdische Nationalismus Ende des 19. Jahrhunderts, als das Osmanische Reich in seinen letzten Zügen lag. 1920 versprach der Vertrag von Sevres den Kurden die Unabhängigkeit. Das Abkommen sollte nach den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs die Neuordnung der Türkei im Sinne der Kolonialmächte regeln. Doch schon drei Jahre später betrachtete der spätere türkische Präsident Mustafa Kemal Atatürk den Vertrag als null und nichtig. Das 1924 ratifizierte Abkommen von Lausanne teilte das Volk der Kurden auf die neu geschaffenen Staaten des Nahen Ostens auf.

Syrien - im Schatten von Assad

Vor dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs machten die Kurden etwa acht Prozent der Bevölkerung aus. Die syrische Führung entzog Tausenden Kurden die Staatsbürgerschaft, verbot den Unterricht der kurdischen Sprache und ging massiv gegen politische Aktivitäten der Kurden vor.

Mit dem Bürgerkrieg 2011 kam die Kehrtwende: Präsident Baschar al-Assad versprach den Kurden die Staatsbürgerschaft, um sie zu besänftigen. Die Regierungstruppen gingen vor allem im Herzen Syriens gegen den hauptsächlich von den Sunniten getragenen Aufstand gegen Assad vor. Die zunehmende Selbstverwaltung in den Kurdengebieten im Norden und Osten des Landes ignorierten sie dagegen weitgehend.

Die Kurden ihrerseits beteiligen sich kaum am Aufstand gegen Assad. Immer wieder liefern sie sich jedoch am Rande der Kurdengebiete Gefechte mit den islamistischen Kämpfern - wie zuletzt in Kobani.

Türkei - der Kampf der PKK

Etwa 20 Prozent der türkischen Bevölkerung sind Kurden. Die kurdische Arbeiter-Partei PKK griff 1984 zu den Waffen, um für einen eigenen Staat in ihren Siedlungsgebieten im Südosten der Türkei zu kämpfen. Seither wurden mehr als 40.000 Menschen in dem Konflikt getötet. PKK-Chef Abdullah Öcalan wurde 1999 festgenommen, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde zu lebenslanger Haft umgewandelt, als die Türkei im Oktober 2002 die Todesstrafe abschaffte.

Der spätere türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hob die Beschränkungen für den Gebrauch der kurdischen Sprache auf. Etwa die Hälfte der Kurden stimmten für seine AK-Partei, zu deren Wahlversprechen Friedensgespräche in dem Konflikt zählten.

Nun jedoch verweigert die Regierung in Ankara ein Eingreifen in Kobani kurz hinter der Grenze in Syrien. Sie verhindert auch Waffenlieferungen an die kurdischen Verteidiger der Stadt. Bei Kurden-Protesten in der Türkei dagegen kamen Dutzende Menschen ums Leben.

All dies gibt Gerüchten neue Nahrung, wonach die Türkei insgeheim den Islamischen Staat unterstützt - und gefährdet die seit 2012 laufenden Friedensgespräche mit der PKK. Am Montag beschossen türkische Kampfjets nach Angaben der PKK erstmals seit Beginn der Verhandlungen Stellungen der Organisation.

Irak - Kirkuk, die kurdische Ölstadt

Die Kurden stellen 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Irak und leben vor allem in den drei nördlichen Provinzen des Landes. Die Region ist seit 1991 autonom und besitzt eine eigene Regierung und Armee. Finanziell sind die Kurdengebiete jedoch von der Zentralregierung in Bagdad abhängig.

Nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak 2011 wuchsen die Spannungen zwischen Kurden-Präsident Massud Barsani und dem damaligen irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Der Streit drehte sich um Gebietsansprüche, das Ölgeschäft und den Umgang mit der Lage im Nachbarstaat Syrien. Barsani unterstützte die syrischen Kurden, während die Sympathien des Schiiten Maliki eher Assad galten.

Während des rasanten Vormarschs des IS im Juni im Nordirak ergriffen die Kurden die Gelegenheit und nutzten den weitgehenden Kollaps der irakischen Sicherheitskräfte, um die Kontrolle über Kirkuk zu übernehmen. Die Kurden betrachten die Ölstadt traditionell als ihre Hauptstadt in der Region.

Die vergangenen Monate über lieferten sich die kurdischen Peschmerga, unterstützt von US-Luftangriffen, im Norden des Landes Gefechte mit dem IS und schafften es, verlorenes Territorium zurückzuerobern.

Iran - Ableger der PKK

Im Iran stellen die Kurden etwa sieben Prozent der Bevölkerung. 2011 kündigte die Führung des Landes ein härteres militärisches Vorgehen gegen den PKK-Ableger PJAK an. Die Partei bemüht sich um eine größere Autonomie für die Kurdengebiete im Iran. Wie auch andere religiöse und ethnische Minderheiten waren die Kurden unter Präsident Machmud Achmadinedschad zwischen 2005 und 2013 zunehmender Diskriminierung ausgesetzt. 2009 und 2010 richtete der Iran mehrere kurdische Aktivisten hin.

Weiterlesen: Sunniten und Schiiten - Der islamische Machtkampf im Nahen Osten

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