"Kürzere Arbeitszeiten wären fatal“

"Kürzere Arbeitszeiten wären fatal“

FORMAT: In Deutschland wird über die 30-Stunden-Woche diskutiert, in Österreich über mehr Urlaub. Kann Arbeitszeitverkürzung, wie diese Vorschläge sie vorsehen, zu mehr Arbeitsplätzen führen?

Heiner Flassbeck: So einfach ist es nicht. Wenn der Stundenlohn gleich bleibt, wäre die Arbeitszeitverkürzung ja eine Lohnkürzung. Das heißt aber, dass die Menschen dann weniger Güter nachfragen werden. Weil Unternehmen aber nicht sofort darauf reagieren und günstiger produzieren können, werden sie auch keine neuen Arbeitskräfte einstellen.

Die Löhne sollen allerdings gleich bleiben. Die Mehrkosten, die dadurch für Unternehmen entstehen, soll die zunehmende Produktivität ausgleichen.

Flassbeck: Wenn die Produktivität ohnehin steigt, dann könnte sie auch bei gleichbleibender Arbeitszeit zu höheren Löhnen und neuer Nachfrage führen. Der so genannte volle Lohnausgleich ist eine Irreführung der Gewerkschaftsmitglieder, denn durch die höhere Produktivität hätten ihre Löhne sogar steigen können.

Warum kommt die Arbeitszeitverkürzung immer wieder aufs Tapet?

Flassbeck: Weil es viele Menschen gibt, die fest daran glauben, dass die Maschinen Arbeit verdrängen und Arbeitslosigkeit produzieren. Das stimmt aber nicht. Wird höhere Produktivität in höhere Löhne umgesetzt, steigt die Nachfrage, und es entsteht neue Arbeit. Erhöht man die Löhne nicht, besteht die Gefahr von Arbeitslosigkeit. Aber das ist kein Argument dafür, die Arbeitszeit zu verkürzen. In der aktuellen Situation, wo der Binnenkonsum gerade in Österreich und Deutschland schwach ist, wäre das fatal. Hier müsste eher die Nachfrage angeregt werden.

Sie plädieren also für höhere Löhne?

Flassbeck: Ja, auch in Hinblick auf die Krise in Europa. Durch höhere Löhne in Nordeuropa müssen die Ungleichgewichte mit Südeuropa ausgeglichen werden. In Südeuropa die Löhne zu senken, ist der falsche Ansatz, weil dadurch auch die Nachfrage nach Gütern sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt und die Staatsfinanzen noch mehr in Schieflage kommen. Wenn der Sparkurs weiter verfolgt wird, kann die Arbeitslosigkeit in Europa auf 20 Prozent steigen. Vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen, würde nicht funktionieren. Es braucht positive Wachstumsimpulse.

Ist der Vorschlag, bei geringem Wachstum die Arbeit bei weniger Lohn besser zu verteilen, also sinnlos?

Flassbeck: Diese Krise zeigt ein Systemversagen: Wir sind nicht einmal in der Lage, eine wachsende Wirtschaft angemessen zu steuern. Wie sollte es uns gelingen, eine Wirtschaft bei Nullwachstum im Gleichgewicht zu halten?

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