"Krisen und Katastrophen sind wichtig"

"Krisen und Katastrophen sind wichtig"

FORMAT: Herr Radermacher, eben haben Österreich und Deutschland das zweite "Jahrhunderthochwasser" in nur elf Jahren erlebt. Die Schäden werden sichtbar, Kritik an überregulierten und zu stark verbauten Flüssen wird laut. Werden die Hochwasser daran in Zukunft etwas ändern?

Radermacher: Flussgebiete sind in der Regel die attraktivsten Gebiete, die es gibt. Sie waren immer der Hauptverkehrsweg, man ist unten im Tal und muss sich nicht mit Pässen herumschlagen. Die Böden sind gut, man hat Zugriff auf die Ressource Wasser und außerdem eine Energiequelle. Historisch, und meist bis heute, lagen beziehungsweise liegen wichtige Städte immer am Wasser. Das Argument, dass diese Städte alle dreißig Jahre mit Hochwassern kämpfen müssen, wird kein Argument dafür sein, sie aufzugeben. Wir sind nicht bereit, die mit diesen Standorten verbundenen Wohlstandseffekte aufzugeben.

Weil der Nutzen trotz der Katastrophen größer ist als der Schaden?

Radermacher: Ja, denn der Nutzen ist enorm. Entlang der Flüsse sind Wertschöpfungspotenziale entstanden, Verkehrswege, Häfen, Lagerhäuser und ähnliches. Das will man nicht aufgeben. Zudem haben wir flussaufwärts immer mehr Grundstücke für die Landwirtschaft und weitere Zwecke nutzbar gemacht. Das erzeugt natürlich zusätzliche Gefahren, wenn es dann in kurzer Zeit so stark regnet wie zuletzt. Das Wasser hat dann viel zu wenig Raum, sich auszubreiten, fließt dadurch viel schneller und sammelt sich kurzfristig in Rhein, Donau und Elbe. Wir erhöhen mittlerweile überall die Deiche, ob das aber ausreicht, ist unklar. Es bleibt wichtig, dass es Gebiete gibt, wo sich das Wasser ausbreiten kann und keine Menschen dadurch gefährdet sind.

Wir lernen mit den Gefahren zu leben. Forscher warnen aber davor, dass sich Naturkatastrophen auch aufgrund des Klimawandels vervielfachen werden.

Radermacher: Momentan lässt sich schwer sagen, ob das, was wir heute erleben, schon die Folgen des Klimawandels sind. In jedem Fall sind es Folgen unserer Verbauungen. Sollten sich diese Ereignisse weiter häufen, deutet das auf Veränderungen im Klima hin. Dagegen gibt es aber kurzfristig keine Abhilfe. Wir werden dann irgendwann hinterfragen müssen, ob es sich auszahlt, ganze Wertschöpfungsketten an Flüsse zu legen. Dann werden die, die es sich leisten können, diese Häuser aufgeben und ökonomisch weniger gut ausgestattete Mitbürger dann dort hinziehen. Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht. Menschen geben ungern bestehende Strukturen auf, das sieht man bei jedem Streit um die Errichtung eines neuen Naturparks.

Weil der Mensch ungern den Schutz der Natur über seinen Eigennutzen stellt?

Radermacher: In unseren wirtschaftlichen Prozessen generiert der Nutzen der Natur Wert für Einzelne. Wenn diese Nutzungsrechte eingeschränkt werden, dann wird das von manchen als persönliches Problem gesehen und das ist nachvollziehbar. Ein Nationalpark etwa ist für ein dort bestehendes Sägewerk vom Nachteil. Man kennt diese Reaktionen aber auch in anderen Zusammenhängen: Viele wollen, dass der Verkehr von der Straße auf die Schiene verlegt wird. Wenn diese Schienen dann aber in der Nähe ihres Hauses verlaufen sollen, wird das schnell ganz anders gesehen. Das gleiche gilt für die Energiewende und die dafür nötigen Energietrassen.

Durch die Krise sind grüne Themen wie die Nachhaltigkeit etwas in den Hintergrund gerückt. Können Erfahrungen wie Hochwässer daran etwas ändern?

Radermacher: Die Finanzkrise und die hohe Arbeitslosigkeit haben in Europa momentan eine größere öffentliche Bedeutung als Umweltschutz und Klima. Zudem sind Millionen Menschen direkt betroffen. Die Krise hat aber auch dazu geführt, dass weniger CO2 ausgestoßen wurde. Viele Menschen haben gleichzeitig erkannt, dass das, was wir tun, das Klimaproblem nicht löst, wenn China und Indien weiter einen forcierten Wachstumskurs verfolgen, was andererseits nicht weiter überraschend ist. Es muss uns deshalb klar sein, dass wir in diese Länder investieren müssen, wenn wir Klimaziele erreichen wollen. Dort sinnvoll eingesetztes Kapital kann ein viel größerer Hebel für den Klimaschutz sein, als das Geld nur bei uns einzusetzen.

Das bedeutet, wir sollen den heimischen Umweltschutz aufgeben?

Radermacher: Nein, aber das eine darf nicht als Ausrede für das andere herhalten. Viele Gemeinden und Regionen haben das Ziel, energieautark zu werden. Das ist weder ökonomisch noch in Bezug auf das Klima sinnvoll, weil für teures Geld relativ wenig Wirkung erzielt wird. Aber es verleiht Menschen natürlich das tolle Gefühl: Ich bin sauber. Das ist man aber nicht, wenn man mit der gleichen Summe an anderer Stelle in der Welt wesentlich größere Effekte erzielen kann. Wir müssen verstehen, dass das, was wir bei uns tun, sich global auf andere auswirkt und dazu gehört auch die Nicht-Bereitschaft, unser Geld anderswo für Klimaschutz einzusetzen.

Können Krisen dabei zu einem dauerhaften Umdenken führen?

Radermacher: Ja, Krisen sind für ein wirkliches Umsteuern sogar erforderlich. Unsere Welt ist so kompliziert, dass wir ein auch nur halbwegs funktionierendes System nie aufgeben würden, weil jeder erahnt, dass alles andere noch schlimmer werden könnte. Krisen zeigen auf, dass es Veränderungen unvermeidbar sind. Die Frage ist dann nicht mehr ob, sondern nur noch wie. Wenn der Finanzsektor fast kollabiert, wenn Banken vom Staat gerettet werden müssen, wenn Firmen wie Amazon fast keine Steuern zahlen - während Staaten überschuldet sind - dann besteht die Chance auf Veränderung. Wenn wir eine Überschwemmung nach der anderen erleben, wenn wir immer mehr Hurrikans durchleben müssen und genügend viele Menschen davon betroffen sind, dann gibt es eine Chance auf Veränderung.

Zur Person
Franz Josef Radermacher, 63, ist Professor für Informatik an der Uni Ulm. Er befasst sich mit Globalisierungs- und Umweltthemen und tritt für eine ökosoziale Marktwirtschaft ein.

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