Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert Kern und Kurz

Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert Kern und Kurz

Christian Kern und Sebastian Kurz zeigen wenig Emotionen.

Vor einer Wahl werden die Aussagen der Spitzenkandidaten mehr denn je auf die Goldwaage gelegt. Doch oft verrät die Körpersprache mehr als das gesprochene Wort. trend.at hat Stefan Verra, Experte für Körpersprache, gebeten die SPÖ- und ÖVP-Spitzenkandidaten zur Nationalratswahl, Sebastian Kurz und Christian Kern, zu analysieren.

Wenn Gesten und Optik mehr als tausend Worte sagen

Sie sind vom Scheitel bis zur Sohle durchgestylt, schlank, attraktiv und auch noch eloquent. Die SPÖ- und ÖVP-Spitzenkandidaten für die anstehende Nationalratswahl, Sebastian Kurz und Christian Kern, gelten – nach schwierigen Obmann-Jahren - als Glücksfälle für ihre Parteien.

Je näher die Wahl rückt, umso mehr wird jedes Wort, jedes Argument auf die Waagschale gelegt. Doch was, wenn Themen und Argumente beim Wettbewerb um die Gunst der Wähler nur Nebenschauplätze sind? Stefan Verra, Experte für Körpersprache, der weltweit Coachings abhält und mehrere Bücher zu dem Thema verfasst hat, ist überzeugt davon. „Nur wer es schafft, mit Mimik und Gestik Aufmerksamkeit zu erregen, dem gelingt es auch, Inhalte glaubwürdig zu transportieren“, sagt er

trend.at hat den gebürtigen Tiroler, der in München lebt, in die Redaktion gebeten, um die Körpersprache von Christian Kern und Sebastian Kurz und deren Wirkung auf ihr Publikum zu analysieren und hat sich dafür ZIB-2-Sendungen und andere ORF-Beiträge angesehen. Wem gelingt es, durch Mimik und Gestik, das Publikum wirklich zu überzeugen? Entpuppt sich Kurz auch durch seine Körpersprache als das herausragende politische Talent, als das er gilt? Erzielt Kern durch sein Verhalten die Wirkung, die seine Anhänger von ihm erhoffen? Wie glaubwürdig transportieren beide ihre Inhalte? Oder sagt ihre Körpersprache am Ende etwas ganz anderes aus?

Kurz und Kern: Gesunde Alphatiere

Es gilt genau hinzusehen: „Beide sind sich sehr ähnlich“, urteilt Verra. Sowohl Kurz als auch Kern fallen in dieselbe Kategorie Politiker wie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron, der kanadische Premierminister Justin Trudeau oder Ex-Regierungschef Matteo Renzi: Sie sind jung oder jung geblieben, gestylt, schlank und attraktiv. „Diese Attribute sollte man nicht unterschätzen. Die Menschen wollen ein gesundes, starkes Alphatier. Jemand der sportlich und vital ist, vermittelt genau das. Das Alter spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle“, erklärt Verra.

Lob ernten die beiden Politiker auch für die Wahl ihrer Kleidung. „Die taillierten Anzüge unterstreichen bei Kern und Kurz das gute Verhältnis zwischen Schulter- und Hüftbreite.“ Ebenfalls ein Merkmal, das jemand stark und erfolgreich erscheinen lässt. Zu modischen Gecken, wie oft kritisiert, würden sie durch ihren modischen Auftritt dennoch nicht mutieren.

Kurz kommt dem Körperanalytiker zufolge auch seine Größe (1,86 Meter) zugute. „Man sollte das nicht unterschätzen," sagt er. Dadurch sticht der neue ÖVP-Frontmann etwa bei Treffen mit anderen Politikern häufig heraus. Verra: "Das allererste, das ein Mensch vom anderen wahrnimmt, sind nicht primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale oder Augen. Es sind die Umrisse, die Form. Und je größer jemand ist, umso eher wird ihm die Alpharolle zugetraut. Größe hat in der Evolution immer Kraft bedeutet und Kraft hat Sicherheit geboten." Ähnliches gilt im übrigen auch für Kern, der nicht viel kleiner ist.

Kern: Unzählige Vorstandssitzungen als gute Probe

Trotz der Ähnlichkeiten hat Kern dem Körpersprache-Experten zufolge einen entscheidenden Vorteil gegenüber Kurz: „Seine Auftritte sind souveräner.“ Das lege vor allem an der Erfahrung, die der Kanzler aufgrund seines Alters seinem Herausforderer voraus hätte. „Man merkt Kern an, dass er sich schon durch unzählige Vorstandssitzungen und andere Gremien gekämpft hat. Dadurch wirkt er routinierter“, befindet Verra.

Beispielhaft für das souveräne Auftreten Kerns ist ein Treffen zwischen ihm und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. „Der Kanzler hat freundschaftlich die Hand hinter ihren Rücken gehalten und ihr mit der anderen Hand den Weg gewiesen. Diese Souveränität traue ich Kurz noch nicht zu“, sagt Verra. Neo-Parteiobmann Kurz fehle in manchen Situationen eine solche Lockerheit.

Verra entlarvt das anhand einer scheinbar unbedeutenden Geste: Als Kurz auf einem Video mit Ex-US-Außenminister John Kerry zu sehen ist, stehen seine Arme leicht weg und seine Hände sind leicht nach außen geklappt. "Wäre er entspannt, würden Arme und Hände lässig herunterhängen. Doch das Bild zeigt, dass es ihm etwas an Lockerheit fehlt."

"Wir wollen wie die Primaten einen Silberrücken"

Um glaubwürdig ein Alphatier zu geben, ist ein allzu junges Alter für einen Politiker denkbar ungeeignet. Analytiker Verra:„Wir wollen, wie die Primaten, einen Silberrücken. Schließlich vermittelt der viel Lebenserfahrung.“

Doch letztlich könne sich die Angst, nicht ernst genommen zu werden, weil man jung ist, als noch größerer Hemmschuh erweisen. „Kurz ist zweifellos ein politisches Talent, aber er muss den Drang überwinden, beweisen zu wollen, dass er kein Neuling mehr ist“, warnt der Körpersprachen-Profi.

Über Wahlkampfveranstaltungen: Die breite Masse können beide nicht mitreißen

Große Erfolge bei Wahlkampfveranstaltungen traut Verra dennoch weder Kern noch Kurz zu. „Eine gewisse Schicht werden sie zwar ansprechen, aber die breite Masse wird nicht in Euphorie verfallen.“ Dazu zeigen ihm die Kandidaten eindeutig zu wenig Emotionen. Verra: „Sie haben gelernt, sich zu kontrollieren. Gelernt, dass sie in Vorstands- oder Parteisitzungen besser ankommen, wenn sie nicht auf den Tisch hauen und wild gestikulieren. Dieses Verhalten mag in dieser Ebene passen, kommt aber bei den Wählern nicht gut an. Nur Politiker, die ihren Wählern auch durch ihre Körpersprache signalisieren, sie zu verstehen, wirken glaubwürdig.“

Wer Gesten und damit Emotionen unterdrückt, entfernt sich hingegen von der Sprache des Volks. „Wenn man sich über etwas ärgert, haut man auf den Tisch oder ballt die Faust“, weiß Verra. Doch zumindest in der Öffentlichkeit lassen sich weder Kurz noch Kern zu solchen eruptiven Gefühlsäußerungen hinreißen. Kurz mache zwar Handkantenschläge, aber auch die seien nur angedeutet. „Da steht dann nicht dahinter ´Da müssen wir etwas tun!', sondern nur ein ´Ich glaube, da sollten wir etwas tun“, analysiert der Körpersprache-Profi.

Gefahr Perfektionsfalle

Das genaue Gegenteil von Kern und Kurz ist US-Präsident Donald Trump. Die Inhalte, die er transportiert, mögen zwar fragwürdig erscheinen, „aber Trump hat bei seinen Wahlkampfreden genauso auf den Tisch geschlagen, wie es die Leute im Wirtshaus tun. Und hat damit gezeigt: ´Ich bin einer von Euch.“

Eine Umfrage anlässlich der Wahl, unter deutschen Studenten, ergab, dass sie Trump für glaubwürdiger hielten als Clinton, obwohl er häufig gelogen hatte. "Wer seine Körpersprache kontrolliert, verliert an Glaubwürdigkeit", folgert Verra.

Hillary Clinton sei zudem in die Perfektionsfalle getappt. An ihr war bei den öffentlichen Auftritten von der Frisur bis zum Kostüm alles perfekt. “Jedes Lächeln war für die Kameras abgestimmt. Doch das Volk hat erkannt, dass nicht alles ehrlich gemeint war und hat sie abgewählt. In der Youtube-Gesellschaft von heute, wo Stars wild drauflos reden, ist nichts perfekt, und damit werden teilweise Millionen von Klicks erzielt“, zieht Verra den Vergleich. Für Politiker könnten sich daher Auftritte, in denen sie nur wenig Gesten und Emotionen zulassen, als Schuss nach hinten erweisen.

Körpersprache kann Verständnis für den anderen vermitteln

Dass Kern und Kurz mit stärkeren Auftritten in die Populismusfalle tappen könnten, glaubt der Coach, der auch Stars und Sportler, auf die Sprünge hilft, nicht – sofern die Inhalte nicht entsprechend angepasst würden. Körpersprache habe nichts mit Populismus zu tun. Sie vermittle vielmehr auch Verständnis für den anderen. „Wenn etwa ein Kind mit großen Gesten von der Schule nach Hause kommt und ruft 'Mama! Mama, Ich hab dir etwas zu erzählen!", geht die Mutter mit starken Bewegungen auf die Körpersprache des Kindes ein. Die Mutter signalisiert dem Kind so, ´Ich versteh dich´. Ich bin bei dir. Auch Politiker sollten auf das Volk eingehen und ihnen durch die Körpersprache signalisieren, es zu verstehen.“

„Eingefrorene“ Augenbrauen lassen Kurz nicht authentisch wirken

Kurz ist mit seiner Mimik sogar noch sparsamer als Kern. „Seine Augenbrauen wirken wie eingefroren.“ Damit lässt er sich zwar emotional nicht in die Karten schauen, aber es geht ihm auch ein wichtiges Instrument, um Leute zu erreichen verloren: Hochgezogene Augenbrauen sind eine der besten Ausdrucksmöglichkeiten, um andere Menschen mitzureißen. Wie unnatürlich es wirken kann, wenn dieser Ausdruck fehlt, macht Verra durch einen Vergleich mit dem Verhalten von Kindern deutlich: „Wenn man Kindern etwas Spannendes erzählt, reißen sie die Augen auf. Dadurch dass Kurz seine Augenbrauen nicht bewegt, signalisiert er hingegen 'Mich kann nichts überraschen' und wirkt weniger empathisch.“ SPÖ-Parteiführer Kern lasse mit seinen Augenbrauen dagegen öfter in seine Gefühlswelt blicken und wirke dadurch volksnäher.

Doch auch Kern kriegt sein Fett ab. Eines seiner größten Mankos sei sein asymmetrisches Lächeln. "Damit wirkt er unentschlossen und zweifelnd. Seine Aussagen verlieren so an Kraft", urteilt Verra. "Und wer sich nur dazu aufraffen kann, mit einem Mundwinkel zu lächeln und nur eine Augenbraue zu heben, wirkt auch schnell mal überheblich", setzt der Körpersprachen-Experte nach.

Das Lächeln dürften jedoch weder der SPÖ- noch der ÖVP-Spitzenkandidat erfunden zu haben. Beide tun das bei öffentlichen Auftritten kaum. Verra: „Aber nur wer auch lächelt, vermittelt Emotionen.“ Obwohl Kurz laut Verra mit einem netten Lächeln ausgestattet ist. „Ein natürlicher Vorteil: Seine Mundwinkel ziehen weit nach hinten, wenn er ehrlich lacht. Dann entstehen Grübchen. Damit kriegt er ein bubenhaftes Aussehen. Das hilft ihm, Sympathien zu gewinnen.“

In Summe hält der Körpersprache-Experte Kurz und Kern aber für wesentlich talentierter als so manch andere Politiker und auch ihre Vorgänger in den Parteien. Verra: „Bei Ex-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und Kanzler Werner Faymann war das Auftreten ein wesentlich größeres Problem.“

Stefan Verra, Körpersprache-Experte, hält jedes Jahr zahlreiche Vorträge und kommt auf über 50.000 Zuseher pro Jahr.

Stefan Verra zählt zu den renommiertesten Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum. Auf seinen Social-Media-Seiten verbucht er bereits 1,3 Millionen Videoaufrufe, hat 50.000 Follower auf seinen sozialen Kanälen und bis zu 650.000 Aufrufe pro Beitrag. Seine Bücher: "Hey dein Körper spricht!", "Hey, dein Körper flirtet"" und die "Die Macht der Körpersprache im Verkauf". Verra coacht unter anderem Top-Manager, TV-Moderatoren und Spitzensportler.

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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