„Keine Corona-Partys, keine Verschwörungstheorien“ in China

Emanuel Luttersdorfer, österreichischer Arzt für die Raffles Medical Group in Beijing, über die Gründe für die erfolgreiche Pandemiebekämpfung in China.

 „Keine Corona-Partys, keine Verschwörungstheorien“ in China

Das nachfolgende Interview erscheint in der trend-Ausgabe 43/2020
FREITAG, 23.10.2020, zur COVER-Story:

DAS CHINA-MIRAKEL - wie machen das die Asiaten?


trend: Herr Luttersdorfer, Sie sind seit elf Jahren in Peking tätig. Ist das Leben in der chinesischen Hauptstadt schon wieder vergleichbar mit dem Leben vor Corona?
Emanuel Luttersdorfer: Großteils. Es gibt jetzt mehr Leute, die im Freien Masken tragen als davor – früher war das vorrangig aus Umweltgründen der Fall. Es gibt Aufpasser in den U-Bahnen. Aber das Meiste hat sich schon wieder normalisiert. Ich bin in den letzten Wochen gereist, etwa in die Provinzen Yunnan, Gansu, Hainan und Guizhou - im Wesentlichen befindet man sich dort auf Vorkrisenniveau.

Gibt es noch Reisebeschränkungen?
Für Inländer kaum noch. In den ersten Monaten war die Reisefreiheit innerhalb des Landes, teilweise für sehr lange Zeiträume, jedoch stark eingeschränkt. Manche Dörfer haben sich sogar bis zum Sommer von der Außenwelt abgeschirmt. Für Ausländer galten die Restriktionen dann noch länger oder dauern teilweise noch immer an.

Was trägt zu den aus europäischer Sicht unglaublich niedrigen Infektionszahlen in China bei?
Ein ganzes Bündel von Faktoren. Wenn Infektionen auftreten, wird rigoros und großkalibrig getestet – wie etwa in Qingdao, wo derzeit nach einem Dutzend neuer Fälle die gesamte Bevölkerung durchgetestet wird. Das Contact Tracing erfolgt durchgehend digital: Egal, ob Sie in ein Lokal gehen oder in einen Zug oder ein Flugzeug steigen wollen, müssen Sie erst mit dem Smartphone einchecken. Das macht die Rückverfolgung effizient. Und 70 bis 80 Millionen Mitglieder der KPCh sind in der Mobilisierung nicht zu unterschätzen. In jedem Hochhaus wird Temperatur gemessen, und hausfremde Personen müssen sich mit oben genannten Applikationen registrieren.


Wenn sich ein Lokal nicht an Verordnungen hält, wird es geschlossen.

Haben autoritäre Systeme in der Pandemiebekämpfung einen Vorteil?
So würde ich das nicht sagen. In Wuhan, wo die Pandemie ausbrach, drohte die Situation außer Kontrolle zu geraten, und das Regime musste schnell reagieren. Die aus dem Boden gestampften Schnellspitäler waren deshalb sicher keine Show. Und die Leute hatten Angst, weil die öffentliche Gesundheitsversorgung schon davor an ihre Grenzen stieß. Natürlich kann in China rigoros reagiert werden: Wenn sich ein Lokal nicht an Verordnungen hält, wird es geschlossen. Es gibt keine Corona-Partys, außerdem habe ich bisher hier nichts von Verschwörungstheorien registriert, denn auch die sozialen Medien sind weitgehend kontrolliert. Insgesamt hat für den Einzelnen aber das Vorwärtskommen der gesamten Gesellschaft einen hohen Stellenwert und die Erinnerung an die Irren und Wirren von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren ist noch frisch.

Wie weit ist China mit den eigenen Impfstoffen?
Im Spital der Raffles Medical Group, in dem ich arbeite, werden im Rahmen eines Emergency Vaccination Programs, an dem vom Hersteller nach bestimmten Inklusionskriterien, die im Wesentlichen die Expositionswahrscheinlichkeit erfassen sollen, ausgewählte Einzelindividuen, deren Einwilligung vorausgesetzt, bereits geimpft – mit “CoronaVac“ des chinesischen Herstelleres Sinovac. Die Phase-3-Studie dieses Impfstoffs wird im Dezember abgeschlossen sein, Phase 2 Studienergebnisse sind öffentlich zugänglich. Auf die vorhandenen Möglichkeiten und Maßnahmen zu setzen, auch wenn sie nicht selten einer 100-prozentigen Evidenzbasiertheit entbehrten, fand in den letzten Monaten häufig statt und soll Handlungsunfähigkeit, die Amechania, aus den Köpfen der Leute verbannen helfen.

Das Interview ist der trend Ausgabe 43/2020 vom 23. Oktober 2020 entnommen.


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