Peter Pelinka: Kann Schulz Merkel?

Martin Schulz, Spitzenkandidat der SPD für die Bundestagswahl am 24. September 2017.

Martin Schulz, Spitzenkandidat der SPD für die Bundestagswahl am 24. September 2017.

Peter Pelinka über den neuen SPD-Messias Martin Schulz: In nur vier Wochen hat der SPD-Kanzlerkandidat die CDU überholt. Der frühere Präsident des EU-Parlaments ist der erste ernsthafte Herausforderer von Angela Merkel. Ein Porträt.

Der Kandidat ist Schmähungen gewöhnt. Im Netz, fast immer anonym. Aber dann dieser rotzige Angriff des Kolumnisten Franz Josef Wagner vergangene Woche in der "Bild": "Bitte, rasieren Sie sich! Ein Kanzlerkandidat sollte nicht so ein Spinnennetz vor seinem Gesicht haben. Sie wollen das Gesicht Deutschlands werden, mit diesem ausgefransten Teppich im Gesicht. Warum rasieren Sie sich nicht? Weil Sie keine Zeit haben? Weil alles wichtiger ist als rasieren? Oder weil Sie mit Ihren 61 Jahren noch immer ein Revoluzzer sein wollen?" Unabhängig davon, dass der 73-jährige deutsche Oberboulevardist selbst nicht gerade ein Schönling ist: Martin Schulz wird diese Brachialattacke derzeit locker wegstecken. Denn der neue Kanzlerkandidat der SPD befindet sich ebenso wie seine Partei weiter im Aufwärtstrend. Sehr zum Wohlwollen der meisten Medien, auch der auflagenstarken "Bild": der Wahlkampf für die Bundestagswahl am 24. September ist plötzlich spannend geworden.

Denn die SPD hat die Union von CDU und CSU bei jüngsten Umfragen in der Wählergunst überholt. Im neuesten "Sonntagstrend", den das Meinungsforschungsinstitut Emnid wöchentlich für die "Bild am Sonntag" erhebt, stieg die SPD im Vergleich um einen Prozentpunkt und erreicht nun 33 Prozent. CDU/CSU fallen auf 32 Prozent. Damit liegt die SPD erstmals seit zehn Jahren wieder vor der Union. Ausschlaggebend für den raschen Stimmungswandel war der 24. Jänner: die Kür des früheren EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz zum sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten.

Parteichef Sigmar Gabriel, bis dahin Favorit für diese Position, machte seinem Freund Platz. Der sensible Dickhäuter - erst kurz vor Weihnachten hatte er infolge eines Eingriffes 13 Kilogramm abgenommen, Schulz brachte es in einem ganzen Jahr auf ein vergleichsweise bescheidenes Minus von zehn Kilo -reagierte auf seine schwachen Beliebtheitswerte.

Auch in seiner eigenen Partei -und das, obwohl Gabriel den Roten gerade mit der von ihm optimal orchestrierten Wahl Frank-Walter Steinmeiers zum Bundespräsidenten ein rar gewordenes Erfolgserlebnis beschert hatte.

Gabriel wurde statt Steinmeier Außenminister und wird am 19. März auch den Parteivorsitz an Schulz übergeben. Gabriel im "Stern"-Rücktrittsinterview:"Wenn ich jetzt anträte, würde ich scheitern und mit mir die SPD." So wie Gerhard Schröder 2005 gegen Angela Merkel (mit 34,2 Prozent knapp), Steinmeier 2009 (besonders klar mit 23 Prozent) und Peer Steinbrück 2013 (mit 25,7 Prozent).

Vorhang auf für Martin Schulz also. "Sankt Martin" (so das Cover des "Spiegel" angesichts 5.000 neuer SPD-Mitglieder seit seiner Kür) scheint der ideale Kandidat der roten Parteiherzen zu sein. Er ist rhetorisch brillant, immer wieder witzig, ein Zuspitzer, dabei aber selten persönlich verletzend. Ein vor allem auch biografisch glaubwürdiger Kämpfer "für die hart arbeitenden Menschen", wie Schulz in Anklang an Bill Clinton die Kerngruppe seiner sozialdemokratischen Partei definiert. Christian Kern tut dies ähnlich.

Seine Biografie kommt ideal an in Zeiten, da allenthalben die Eliten geschimpft werden. Die "Kurier"-Journalistin Margaretha Kopeinig hat im Czernin- Verlag eine Biografie über den EU- Parlamentspräsidenten geschrieben.


Ich war total fußballverrückt. Meine Bibel war der 'Kicker'.

Titel: "Vom Buchhändler zum Mann für Europa". Für die EU-Insiderin Kopeinig ist Schulz der "Inbegriff eines überzeugten Europäers in schwierigen Zeiten". Vor allem aber ist er - derzeit wohl wählerwirksamer - der Inbegriff eines Mannes, der sich sozial und psychisch mit höchster Disziplin nach oben gekämpft hat.

Schulz wurde 1955 nahe Aachen als jüngstes von fünf Kindern in ein politisch pluralistisches Elternhauses hineingeboren. Sein Vater war sozialdemokratischer Polizist, seine Mutter Gründungsmitglied des CDU-Ortsverbands. Martin ging in ein katholisches Gymnasium, letztlich wenig erfolgreich: 1974 verließ er es ohne Abitur.

Nicht zuletzt wegen seiner wahren Leidenschaft: "Ich war total fußballverrückt. Meine Bibel war der 'Kicker', mein Gott war Wolfgang Overath." Diese Leidenschaft für das deutsche Fußball-Zentralorgan und den genialen Internationalen ist dem bekennenden 1.-FC-Köln-Fan heute noch geblieben. Seine eigene Karriere als Linksverteidiger stoppte ein schwerer Kreuzbandschaden.

Bis 1977 absolvierte Schulz eine kaufmännische Ausbildung zum Buchhändler, fünf Jahre später gründete er mit Schwester Doris eine Buchhandlung. Da hatte er schon seine schwerste Lebenskrise überwunden. "Ich habe den Faden in meinem Leben verloren, war mal ganz unten", schilderte er bei der Vorstellung von Kopeinigs Buch.


Ich habe alles getrunken, was ich kriegen konnte.

Mitte der 1970er-Jahre war er zum Alkoholiker geworden. In der "Bunten" bekannte er: "Ich habe alles getrunken, was ich kriegen konnte." Das Schlimmste sei gewesen, wenn man mit dem Gefühl aufwache, versagt zu haben. Täglich nehme man sich vor, es besser zu machen. "Schaffe es aber auch am nächsten Tag nicht. Das ist ein deprimierendes Gefühl. Solche Prozesse brechen dir langsam das Rückgrat."

Nicht aber Schulz: Seit 1980 lebt er abstinent, auch durch die Hilfe seines Bruders, eines Arztes. Dass er das geschafft hat, dass er es schaffte, so offen darüber zu sprechen, imponiert den meisten Deutschen. Und lässt nur Schwachköpfe in Internetforen darüber spotten.

1987, mit 31, wurde Schulz zum Bürgermeister von Würselen gewählt, zum damals jüngsten Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Er blieb es bis 1998. Diese Tätigkeit, nahe bei den Menschen, habe ihn davor bewahrt, abzuheben, wappnet er sich heute gegen Vorhaltungen, er habe kein höheres Amt in der deutschen Innenpolitik innegehabt.

Dafür aber im "Rest" von Europa: 1994 wurde er ins Europäische Parlament gewählt, 2012 dort zum Präsidenten. Bei der Europawahl 2014 wurden die Sozialdemokraten mit ihm als Spitzenmann nur zweitstärkste Kraft hinter der Europäischen Volkspartei. Schulz blieb Parlamentspräsident -bis zur politischen Rückkehr nach Deutschland.

Dort wird er jetzt von seiner Partei wie ein Messias gefeiert. Vor allem seine Kerneigenschaften, die ihm auch Gegner zugestehen: klare Sprache, Arbeitseifer, Streitlust, Machtbewusstsein.

Aber, "Umfragen sind flüchtig", warnt der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Thomas Oppermann: "Wir dürfen jetzt nicht überheblich werden." Zum Hoffnungsträger der Linken eignet sich Schulz wenig, er funktionierte lange in der europapolitischen Elite und bekennt sich bis heute zu Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.

Schulz lässt sich Zeit. Die Verabschiedung eines Regierungsprogramms hat er auf Juni verlegt und nur vorsichtige Reformen von Schröders (und Merkels) Sozialpolitik angekündigt. Er will das Rentenniveau stabilisieren, die Reduzierung befristeter Arbeitsverträge erreichen und die Bezugsdauer für das Arbeitslosengeld verlängern. All das unter dem zentralen Motto "Mehr Gerechtigkeit". Entsprechend den Empfehlungen von KNSK, der Wahlkampfagentur der SPD: "Die Leute interessiert: Legt ihr euch mit den Konzernen an? Was macht ihr gegen Steuerflüchtlinge?"


Sind die Wähler nach zwölf Jahren ähnlich Merkel-müde, wie sie es bei Helmut Kohl nach 16 Jahren waren?

Letztlich wird eine andere Frage entscheiden: Sind die Wähler nach zwölf Jahren ähnlich Merkel-müde, wie sie es bei Helmut Kohl nach 16 Jahren waren? Wollen sie einen Wechsel ohne wirklichen Bruch? Wollen sie die dynamische Lust und Leidenschaft von Schulz und trauen sie ihm zu, Merkels vor allem europäisch wirksame Verlässlichkeit zu bewahren?

Und wie stark wirkt der eben in den USA von Trump auf die Spitze getriebene Trend auch in Deutschland, den Sascha Lobo in "Spiegel Online" so definiert: "Polarisierung nach Art des Netzes bedeutet, dass man sich stärker über Unterschiede definiert als über Gemeinsamkeiten. (...) Demokratie ist aber anders als im Netzgetöse mit dem Zwang zum Kompromiss verbunden - und das ist das Gegenteil von Polarisierung über alles."

In einem zentralen Punkt kann Heinz Fischer, der beide Kandidaten gut kennt, jedenfalls zufrieden sein: "Sie sind beide gute, verlässliche Europäer."


Der Autor

PETER PELINKA war u. a. Chefredakteur von FORMAT, Moderator von "Im Zentrum". Heute ist er Kolumnist bei "News", Moderator bei ORF III ("Runde der Chefredakteure"), Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intromedia sowie regelmäßiger trend-Autor.

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