Die neue Bundesregierung: Kann Kurz Kanzler?

Bundeskanzler Sebastian Kurz

Bundeskanzler Sebastian Kurz

Sebastian Kurz aus anderer Perspektive im Porträt. Bestsellerautor, Managementcoach und Psychologe Michael Schmitz analysiert, was den neuen Regierungschef mit Wunderkindern wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg verbindet, ob der Wiener über Leadership-Qualitäten verfügt und ob er Österreich eine neue Vision geben kann.

31! Ist doch zu jung. Noch dazu Studienabbrecher. Das kann doch nicht gut gehen. Oder doch?

Führungsfähigkeit und Erfolg hängen nicht von Alter ab. Schauen wir unbefangen hin. Zum Beispiel auf Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg. Alle drei haben ihr Studium abgebrochen - wie Sebastian Kurz. Gepfiffen auf die Credentials, die unsere Gesellschaft traditionell als Karriere-Kriterien vergibt.

Sie haben sich diesen Erwartungen nicht unterworfen - und sich so nicht verzettelt. Sie haben ihr "Ding" gemacht. Unbeirrt. Bill Gates kreierte Microsoft im Alter von 20 Jahren. In Harvard warf er die Brocken hin, um sich der Entwicklung seiner Firma zu widmen. Sie avancierte zu einem der Giganten der dritten industriellen Revolution. Ebenso wie Apple von Steve Jobs und Facebook von Mark Zuckerbergs. Oder Google, gegründet von Larry Page und Sergey Brin.


Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergey Brin - alle waren in den frühen 20ern, als sie groß herauskamen.

Alle waren in den frühen 20ern, als sie groß herauskamen. "Role Models" für "Entrepreneurship", die unsere Wirtschaft, ja, unser Leben umkrempelten. Beim Ranking der Superreichen alle auf den vordersten Plätzen. Ikonen der Erneuerung schon in jungen Jahren. Ausnahmeerscheinungen mit ihrem enormen Erfolg. Ermutiger für andere Senkrechtstarter.

Kennen Sie Evan Spiegel? CEO von Snapchat. Auch ein Studienabbrecher. Erfolgreicher Unternehmensgründer mit 23. Es ist noch nicht lange her, da lehnte er ein Drei-Milliarden-Kaufangebot von Mark Zuckerberg ab. Spiegel zieht selbstbewusst den eigenen Börsengang vor. David Karp, heute 31. So alt wie Sebastian Kurz. Karp entwickelte Tumblr, da war er gerade 20. Mittlerweile ist er einige Hundert Millionen Dollar schwer. Dabei war er gar nicht besonders innovativ. Aber er erkannte Bedürfnisse von Menschen, die andere wie Twitter nicht gesehen hatten.

Oder Elizabeth Holmes: Gründet Theranos 2003 mit 19. Gefeiert als Postergirl der Tech-Szene. Auf der Höhe des Hypes mit einem Wert von 4,5 Milliarden Dollar taxiert. "Time Magazin" kürte sie 2015 zu den 100 einflussreichsten Personen. Dann stellte sich heraus: Ihre Bluttests, mit denen sie vorgab, der Menschheit Gutes zu tun, waren Hokuspokus. 14 Jahre hatte sie als Wunderkind gegolten. Gone Girl.

Die Wunderkinder und er

Es ließen sich noch viele Geschichten erzählen, von rasendem Erfolg - und rasselndem Absturz. Solange der Hype um die Shooting-Stars anhält, stilisieren wir ihre Hauptpersonen gerne zu Wunderkindern und personalisieren ihre Erfolge. Tatsächlich sind sie erfolgreich, weil sie gute Teambuilder sind, schlagkräftige Kooperation herstellen, die Einzelinteressen zur Geltung kommen lassen, ohne dass Egoismus den Gesamterfolg gefährdet. Sie alle beweisen so ihre Führungsfähigkeit.

Alexander der Große war 23, als er der Legende nach seine Führungsqualitäten demonstrierte. In diesem Alter durchschlug er den gordischen Knoten. Die Geschichte soll ermutigen, dass auch scheinbar unlösbare Probleme zu lösen sind, wenn es gelingt, unbefangen an sie heranzugehen und entschieden zu handeln.


Jungen ihre Jugend vorzuwerfen, sagt vermutlich mehr über narzisstische Kränkungen von Älteren aus.

Vor dieser Aufgabe steht nun auch Sebastian Kurz. Er muss die verfestigten Strukturen der österreichischen Politik aufbrechen, die zu schmerzhaften Erstarrungen und Handlungsunfähigkeiten geführt haben. Ein Junger, der noch nicht so eingebunden ist in dieses System wie die, die sich seiner Logik unterworfen haben, um in diesem System etwas zu werden.

Jungen ihre Jugend vorzuwerfen und ihnen allein wegen ihres Alters Fähigkeiten abzusprechen, sagt vermutlich mehr über narzisstische Kränkungen von Älteren aus, die verdrängt werden oder nicht geworden sind, was sie werden wollten, worauf sie meinen, einen Anspruch zu haben. Allerdings dürfen, ja, müssen wir fragen, was Kurz wirklich geleistet hat, dass wir ihm zutrauen sollen, eine Regierung zu führen und Erneuerung voranzubringen. Zweifel sind legitim und angebracht. Denn bisher hat er ja nicht bewiesen, nicht beweisen können, dass er Kanzler kann.

Gezeigt hat er schon, dass er die ÖVP erobern, Wahlen gewinnen und Koalitionsverhandlungen führen kann. Er hat ein hervorragendes Gespür für Timing bewiesen. Er konnte gelassen beobachten, ausharren - bis sich die Altherrenriege der ÖVP selbst in eine nicht mehr zu kurierende Insuffizienz getrieben hatte. Bis all ihren Repräsentanten die Ideen ausgegangen waren und die Kraft, bis sie sich nur noch gegenseitig auf die Nerven gingen und schließlich entnervt das Handtuch warfen. Die im Kleinkrieg ermatteten Parteigranden haben Kurz die Macht vor die Füße gelegt.

Er musste sie nur an sich nehmen, ohne sich zuvor in Grabenkämpfen zu verausgaben. Ohne Blessuren. Ohne groß tönende Versprechungen. So könnte er sich unbeschadet, unverbraucht, unbelastet präsentieren. Ohne selbst sehr innovativ sein zu müssen.


Kurz nutzte die Paralyse der alten ÖVP-Führungsriege, um sie beiseite zu schieben und die Bühne für sich zu erobern.

Er ist kein Vordenker. Er ist Stilist und gehört zur Generation der Slim-fit-Politiker, die knappe Anzüge tragen und daherkommen mit schmächtigen Programmen. Er ist kein Macron. Er ist nicht einmal ein guter Nachahmer. Er initiierte keine neue Bewegung. Er nutzte die Paralyse der alten ÖVP-Führungsriege, um sie beiseite zu schieben und die Bühne für sich zu erobern.

Mit dem Pouvoir, die Parteiliste für die Nationalratswahlen zu bestimmen, konnte er die Illusion kreieren, eine "ÖVP neu" kreiert zu haben. Die Realität wird ihn vermutlich schneller einholen, als er glaubt. Das alte Establishment wird die Strukturen verteidigen, die es braucht, um sich zu erhalten - Strukturen, die Österreich lähmen. Ja, nicht nur in der Partei, auch in den Kammern, Bünden, den Ländern und Gemeinden.

Kurz kupferte die Macht-Taktik von amerikanischen Wahlkämpfern ab. Mit drei Grundregeln:

  1. Alle Aufmerksamkeit für den Spitzenkandidaten.
  2. Möglichst viel für möglichst viele versprechen.
  3. Ohne allzu konkrete programmatische Festlegungen, denn die könnten zu Irritationen in einer doch sehr heterogenen Wählerklientel führen.

Er beweist Geschick. In den Koalitionsverhandlungen hat Kurz seinem nun assoziierten Corps-Bruder Strache nicht erlaubt, daraus eine Mensur-Stafette zu machen. Er hat auch nicht versucht, Strache schwindelig zu walzern. Kurz hat nicht düpiert und sich nicht düpieren lassen. Er blieb souverän und gelassen. Er konnte so Eindruck machen und - wie gewünscht - eine neue Regierung noch in diesem Jahr auf die Beine stellen.

Das ist eine besondere Stärke von Kurz. Er lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Er spricht eine klare Sprache. Attacken begegnet er nach dem Aikido-Prinzip aus. Er lässt Gegner, auch mit Schwung, Anlauf nehmen, weicht deren Anwürfen geschickt aus, indem er gar nicht auf sie eingeht, und lässt sie ins Leere laufen.

Wie so oft auch Christian Kern, der dann immer sauertöpfig dreinschaute. Kurz steht nie da als jemand, der sich beleidigt fühlt oder wehleidig gibt. Unverstanden, ja. Das inszeniert er gekonnt. Er stellt es so da, dass der andere ihn nicht verstehe, weil er ihm nicht richtig zuhöre. Dessen Fehler. Na klar.

Politiker, die Mehrheiten erobern wollen, müssen bei Menschen ankommen. Kurz geht offen auf sie zu. Er hört hin. Er schüttelt begeistert Hände, beugt sich den Ergriffenen einfühlend entgegen, bleibt immer freundlich und dennoch bestimmt. Daniel Goleman würde ihm sicher "emotionale Intelligenz" bescheinigen. Als gekonnter Populist würde Kurz jeden schlichten Leadership-Check bestehen, egal, ob von "Forbes"-Magazin oder der "Harvard Business Review".

Der einfachste Test stammt übrigens von Michael Maccoby, der die Leadership-Debatten des 21. Jahrhunderts mitgeprägt hat. Er doziert: Leadership erweist sich durch Gefolgschaft. Wer - wie Kurz - Gefolgschaft gewinnt und an sich bindet, der führt und hat den Test schon bestanden. Leadership ist eine Tatsache, die wir beobachten können. Leadership ist kein theoretisches Konzept. Leadership, so verstanden, sagt freilich nichts über besondere Qualitäten, nichts über Werte oder Ziele aus.


Wunderkinder sind oft deshalb so erfolgreich, weil sie Kooperationen herstellen, ohne dass Egoismen den Gesamterfolg gefährden.

Meist im Populären und oft im Ungefähren bietet sich Kurz breiten Mehrheiten an. Wer in der Politik Macht erobern will, muss es so tun. In der Politik gibt es gravierende Unterschiede zu Führungskräften in der Wirtschaft. In der Politik ist es wichtiger, den Eindruck von (fachlicher) Kompetenz zu erwecken, als fachlich kompetent zu sein. Kompetenz ist in der Politik eher Selbstdarstellungskompetenz. Der CEO eines Unternehmens muss sich messen lassen an Ergebnissen. In der Wirtschaft sind die klar ablesbar. Als Return on Investment. In der Politik nicht. In der Politik mag es reichen, sich als der darzustellen, der versteht, welche Sorgen die Menschen umtreiben. Dabei helfen Politikern Umfragen. Danach richten sie zunehmend ihre Präsentationen und ihre Versprechen aus. Unabhängig davon, ob divergierende Meinung unter einen Hut zu bringen sind. Entsprechend widersprüchlich sind ihre Programme.

Visionen und Irrtümer

Bei Kurz zeigt sich das zum Beispiel in seinen Auslassungen zur Wirtschaftspolitik. Er verspricht, die Abgabenquote zu senken. Das heißt, auf Steuereinnahmen zu verzichten. Gleichzeitig gibt er vor, die Staatsschulden zu reduzieren und die Förderungen von Kleinunternehmern, Familien und von Bildung erhöhen zu können. Dazu freilich müsste ihm die Quadratur des Kreises gelingen.

Kurz ist fesch und sympathisch. Wer so rüberkommt, gilt vielen nahezu automatisch als glaubwürdig und dann schnell auch als fähig. Die Psychologie nennt diese weit verbreitete Gedankenverknüpfung einen Zuordnungs-Irrtum.

Wer den Sympathiebonus einfährt, den Eindruck zu erwecken weiß und glaubwürdig vorgeben kann, er wüsste Sorgen zu nehmen, erzielt hohe Zustimmung. Auch wenn Ergebnisse ausbleiben - so lange es ihm gelingt, die Verantwortung für das Ausbleiben anderen zuzuschieben. Kurz wird an seine Grenzen stoßen. Spannend wird es sein, wie er versucht, sich aus der Affäre zu ziehen. Als Kanzler wird Kurz - mit der Autorität des Amtes und dem damit verbundenen Ansehen - an Status und damit an Statur gewinnen. Ohne selbst viel dazu tun zu müssen. Wer den Werdegang von Angela Merkel Revue passieren lässt, von Kohls "Mädchen" zur "Mutti", wird für diese Vorhersage reichlich Belege finden.

Ein ehemaliger österreichische Kanzler hat sich einst den Leitspruch eines ehemaligen deutschen Bundeskanzlers zu eigen gemacht, dass der, der Visionen habe, zum Arzt gehen müsse. Der Ausspruch transportiert eine Denunziation und einen Irrtum. Vision ist nicht gleichzusetzen mit geistiger Verwirrung oder fantastischem Wunschdenken. Vision heißt zunächst nicht mehr und nicht weniger als "Bild von der Zukunft". Ein solches Bild muss attraktiv sein, konkret, begründet, erreichbar sein. Dann gibt es Orientierung, setzt Energie frei und stiftet Sinn für gemeinsame Anstrengung. Eine Vision zu geben, ist eine Fähigkeit, die Leader auszeichnet.

Unter den gegebenen österreichischen Verhältnissen reichen bescheidene Ansprüche und pragmatische Vorstellungen. Sebastian Kurz muss uns nichts vorträumen. Aber, bitte, uns doch mehr eine Idee davon geben, was er unbedingt ändern will und was am Ende dabei rauskommen soll. Und dann muss er es durchsetzen.


Der Autor

MICHAEL SCHMITZ ist Professor für Psychologie und Management sowie Coach für Führungskräfte und Führungsteams. Der Autor mehrerer Sachbuchbestseller war zuvor Journalist, unter anderem als ZDF-Korrespondent in Wien und von 1995 bis 2000 in Washington. Er studierte an der University of Chicago Internationale Politik und Psychologie sowie Leadership und Management an der Harvard Business School. coaching@schmitz.at


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 49/2017 vom 7. Dezember 2017 entnommen.

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