Kalter Energiekrieg: Mit Gastransportmonopol hat Russland Europa im Energie-Würgegriff

Der Beginn der Ära der Energiekriege: Russland hat in Georgien gezeigt, wie entschlossen es seine neuen Interessenssphären verteidigt – und Europa sieht dabei zu. Denn es hängt am Gashahn.

Russische Truppen in Südossetien: Der Angriff Russlands auf Georgien mag aussehen wie eine imperiale Machtgeste der wiedererstarkenden Weltmacht. Doch er ist mehr: Der Georgien-Konflikt ist einer der Kriege, die das 21. Jahrhundert bestimmen werden – er ist ein Krieg um Energie. Die USA und Europa unterstützen Georgien vor allem, weil es ein wichtiges Transitland für kaspisches Gas ist – und Russland ging es nicht zuletzt darum, diesen Einfluss zurückzudrängen. Damit verschiebt sich nicht weniger als das Machtgefüge, das sich seit Ende des Kalten Krieges etabliert hat.

Europa am Tropf von Gazprom
24 Prozent der EU-Energieversorgung beruhen derzeit auf Erdgas, und das kommt zu fast 40 Prozent aus Russland – in Österreich gar zu 70 Prozent (siehe Grafiken). Bis 2030, schätzt die Internationale Energieagentur, wird der Bedarf um mindestens 50 Prozent steigen. Damit ist Europa abhängig
von einem Konzern, der mit der russischen Politik so eng verflochten ist wie kein anderer: Gazprom, früherer Arbeitgeber von Premier Medwedew, hat ein Monopol auf Russlands Gasexporte und den Transport und baut seine Stellung rund um Europa immer weiter aus.

Energiewürgegriff der Russen
Was das bedeuten kann, zeigte Gazprom im Jahr 2006: Als damals die Lieferungen an die Ukraine aus politischen Gründen gedrosselt wurden, litt auch Westeuropa unter Gasknappheit. Und als europäische Länder im selben Jahr den Einfluss von Gazprom in westlichen Energieversorgern zurückdrängen wollten, drohte der Konzernchef in einem Kommuniqué ganz offen damit, Europa den Gashahn zuzudrehen. „Wir müssen uns aus dem Energiewürgegriff der Russen befreien“, sagte am Sonntag der britische Premier Gordon Brown heldenhaft. Doch wie das gehen soll, ist unklar: Denn Gazprom ist den Europäern fast überall einen Schritt voraus.

Monopol rund um Europa
Im Dezember 2007 vereinbarte Präsident Wladimir Putin – das Mastermind hinter dem kalten Energiekrieg – mit Turkmenistan und Kasachstan ein Transportmonopol für kaspisches Gas und kappte damit Europas Zugang zu den größten Gasfeldern der Welt. Aserbaidschan bietet Russland an, das gesamte Gas zu westlichen Preisen aufzukaufen und der Regierung dazu noch
in Bergkarabach zur Seite zu stehen – womit noch ein potenzieller Lieferant zum Gazprom-Imperium wechselt.

Nabucco-Pipeline in weiter Ferne
Verbunden mit der Lage in Georgien, rückt die Pipeline Nabucco, mit der sich Europa von den russischen Lieferungen unabhängig machen wollte, in weite Ferne. „Die Pipeline ist nun umso wichtiger“, meint nun zwar Thomas Huemer, Sprecher der OMV, der die Gazprom als „verlässlichen Partner seit 1968“ lobt – doch derzeit ist unwahrscheinlich, dass das Projekt bald realisiert wird. Mitte Jänner schloss Putin zusätzlich Energiepartnerschaften mit Serbien und Bulgarien, die auf der Route der South-Stream-Pipeline liegen: Sie soll Russlands Unsicherheiten in der Ukraine und Weißrussland unabhängig machen.

Monopol rund um Europa
Europa gegenüber betont Russland immer wieder, auch andere Kunden zu haben: China und Zentralasien seien ebenfalls an russischem Gas interessiert. Das stimmt zwar nicht ganz: „Die Abhängigkeiten der EU und Russlands sind symmetrisch, der EU-Markt ist für Russland derzeit alternativlos“, analysiert Gerhard Mangott, Professor für Internationale
Poli tik an der Universität Innsbruck. Und trotzdem sitzt Russland auf dem längeren Ast. Selbst die Ankündigung von Gazprom-Chef Miller, der Gaspreis werde sich in den nächsten Jahren wohl vervierfachen, nahmen die Kunden hin.

Keine Alternative zur Energie-Umstellung
Damit rückt – einmal abseits der Klimadiskussion – Europas Energiepolitik in den Fokus: Will sich Europa von Russland unabhängig machen, muss es sich von der Abhängigkeit von Gas befreien. Dennis Meadows vom Club of Rome sieht dazu keine Alternative: „Russlands Gasreserven nehmen ab, im Hinblick auf 2030 muss Europa also ohnehin die Energiepolitik ändern und sollte sofort damit beginnen. Das ist nur möglich, wenn der Energieverbrauch eingeschränkt wird.“

Von Corinna Milborn und Robert Schwab

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