Johnson & Johnsons

Johnson & Johnsons

Boris Johnson, einst Bürgermeister von London, ist der prominenteste Brexit-Befürworter. In seiner Familie ist der Sohn eines ehemaligen EU-Parlamentariers freilich klar in der Minderheit. Ein Upper-Class-Drama, wie es nur in England möglich ist.

Wettbewerb war immer heilig in der Erziehung der sechs Kinder von Stanley Johnson, dem britischen Autor, Umweltschützer und früheren Politiker: Erbarmungslose Quizduelle am Mittagstisch, gehetzte Tischtennis-Contests, ja, ständige Vergleiche des Nachwuchses in den Disziplinen Größe, Gewicht und Blondheit standen auf der Tagesordnung. Wenn jemand aus der Schule in einem besonders kniffligen Fach, zum Beispiel Latein, mit der zweitbesten Note nach Hause kam, war das Vater Stanley nur eine einzige Gegenfrage wert: "Und wer war Bester?"

Der Ansatz trägt Früchte, denn auch der Erstgeborene, Boris, tritt stets ultrakompetitiv auf: Als Korrespondent der Tageszeitung "Daily Telegraph" in Brüssel forderte er etwa einen Kollegen zur öffentlichen Poem-Challenge auf, in der sie 130 klassische englische Gedichte auswendig vortragen sollten, von Shakespeare bis Thomas Gray.

Und soeben ist der nunmehrige Londoner Bürgermeister in den Contest seines Lebens eingestiegen: Er hat sich als "Outer" geoutet - als einer, der für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union plädiert. Damit geht er in Fundamentalopposition zu Regierungschef und Tory-Parteileader David Cameron, der ein Sonderrechte-Paket mit der EU ausverhandelt und nun das seinem Volk versprochene Referendum über den sogenannten Brexit für den 23. Juni festgesetzt hat.

Upper Class Heroes

Der Mann mit dem strohblonden Wuschelkopf, 51, beschert damit nicht nur der EU und den konservativen Tories eine historische Macht-und Zerreißprobe. Auch in seinem privaten Umfeld brodelt und dampft es gewaltig.

Denn die Johnsons sind symptomatisch für die Hassliebe der britischen Upper Middle Class zu Europa: konservativ, in den Eliteschmieden Eton, Oxford und Cambridge erzogen, in der Polit-, Medien- und Kreativszene vorzüglich vernetzt, europhil, aber im Zweifelsfall noch britophiler. Und dennoch braucht "BoJo" in der eigenen Familie gar nicht erst zu kampagnisieren: Bis auf die Mutter, eine Malerin, wird niemand seinem Brexit-Lockruf folgen.

Vater Stanley, von 1973 an zwei Jahrzehnte lang für die Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission in Brüssel tätig und fünf Jahre selbst EU-Parlamentarier, müsste quasi sein Leben verleugnen.

Der 75-Jährige ist nach wie vor für Umweltschutzgruppen aktiv und tief davon überzeugt, dass nur der EU-Rechtsrahmen es Großbritannien ermöglicht hat, seinen Ruf als "dirty man of Europe" loszuwerden. Deshalb wirbt er für einen Verbleib des Königreichs in der Union. Dass sich sein Sohn, der fünf Jahre die Europäische Schule in Brüssel besucht hat, für die Brexit-Seite entschieden hat, nennt er gleichwohl "gut durchdacht." Wie das?

Langjährige Wegbegleiter sind überzeugt, dass die Anti-EU-Anwandlungen von "BoJo" nie echter Überzeugung entsprangen, sondern immer Attitüde waren. So kam er als junger "Telegraph"-Reporter einmal mit Verspätung zu einer Pressekonferenz in der EU-Hauptstadt und fragte: "Also: Was ist los, und warum ist es schlecht für Großbritannien?"

Sein Engagement für das Brexit-Lager hat mehr mit persönlichem Kalkül zu tun -es ist ein gewagter Zug auf dem Karriere-Schachbrett. In London gilt seit Langem als ausgemacht, dass der schillernde Bürgermeister, dessen Amtszeit im Mai endet, Cameron als Regierungschef beerben will.

Doch anstatt auf einen prestigereichen Ministerposten in Camerons Kabinett zu spekulieren, der ihm kaum zu verwehren gewesen wäre, geht er gleich aufs Ganze. Welche geradezu körperliche Schmerzen ihm diese Entscheidung gekostet hat, hat seine um ein Jahr jüngere Schwester Rachel vergangenes Wochenende in ihrer "Daily Mail"-Kolumne beschrieben.

Trüffeln zur Entscheidung

Die Verfasserin von Romanen mit vielsagenden Titeln wie "Notting Hell", eine Anspielung auf das Londoner Bobo-Viertel Notting Hill, fand ihren Bruder in den entscheidenden Stunden geistesabwesend und kaum ansprechbar vor. Erst nach einer gemeinsamen Partie Tennis am Familiensitz in Oxfordshire, dem Verzehr aufgetauter Lasagne, einem Glas Burgunder, Kaffee und weißen Trüffeln sandte Boris die entscheidende SMS an seinen Parteichef Cameron.

RIVALEN. Er oder ich: Das Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 ist auch ein Duell zwischen dem Londoner Noch-Bürgermeister Boris Johnson und dem britische Premierminister David Cameron.

Sie selbst, schreibt Rachel, werde dem "Team Boris" prinzipiell natürlich erhalten bleiben, schließlich sei Blut dicker als Wasser. "Aber im Juni werde ich für Dave stimmen", also Premierminister David Cameron. Ihre Begründung ist die einer klassischen Proeuropäerin: "Nur dank des europäischen Projekts hat nach dem Zweiten Weltkrieg (...) ein goldener Sicherheitsfaden unser Leben durchzogen."

Am 23. Juni gehe es um eine "Geisteshaltung", nicht um einen Hahnenkampf oder ein Duell der Persönlichkeiten Cameron gegen Johnson. Eleganter werden selbst in den vornehmsten Familien kaum je Haltungsnoten verteilt.

Vater Stanley, ein Meister der Nuancen, weigert sich hingegen, den Schritt des Juniors als karrieristisch zu bezeichnen: Im Gegenteil, so der EU-Freund in einem BBC-Interview, er könne sich keinen Schritt vorstellen, "der mehr dazu angetan ist, eine Karriere zu beenden." Denn ein Erfolg Camerons beim Referendum würde wohl das Ende der politischen Ambitionen Johnsons bedeuten.

Little Brother

An dieser Stelle betritt ein weiteres Geschwisterchen die Bühne: Jo Johnson ("JoJo"), 44, ist das jüngste der vier Kinder aus Stanleys erster Ehe und hat nach einer Ausbildung zum Investmentbanker das publizistische und politische Feld betreten - ebenso wie davor Boris und Rachel. Nun trägt er den Family-Contest auf allerhöchste Ebene.

Die Kombination aus schriftstellerischen und politischen Fähigkeiten ist den Johnsons quasi in die Wiege gelegt worden: Stanley Johnsons Großvater war Ali Kemal Bey, liberaler Zeitungsherausgeber, Dichter und vor seiner Ermordung im Türkischen Unabhängigkeitskrieg 1922 für drei Monate Innenminister des Osmanischen Reichs.

"JoJo" war Paris-und Neu-Delhi-Korrespondent der "Financial Times", seit 2010 sitzt er für die Tories im Unterhaus. Doch anders als sein großer Bruder, der Ende 2014 mit Pomp und Trara die Winston-Churchill-Studie "The Curchill Factor" publizierte, hielt sich Jo als Person immer im Hintergrund, was ihm unter den Parteikollegen deutlich mehr Freunde eintrug.

Highflyer

Besonders der ranghöchste Parteikollege fand an diesem Understatement Gefallen: David Cameron holte ihn in die Downing Street Nummer zehn - als Chef der Policy Unit, einer Art interner Politik-Thinktank am Amtssitz des britischen Premierministers. 2015 ernannte er "JoJo", der mit einer "Guardian"-Journalistin verheiratet ist und beste Verbindungen zur Business-Community in der City of London hat, sogar zum Wissenschaftsminister.

Als solcher warnte Johnson junior nur wenige Tage vor dem fulminanten Auftritt seines großen Bruders dezidiert vor den Folgen eines Brexits: Ein Verbleib Großbritanniens in der EU sei entscheidend für die Zukunft des Königreichs als Wissensökonomie. Cameron dürfte das außerordentlich gefallen haben.

Family Business

Im Gegensatz zu den meisten anderen Johnsons hat sich "JoJo" bisher zum jüngsten Manöver von Big Brother Boris nicht öffentlich geäußert, ebenso wenig zu möglichen eigenen Ambitionen auf die Kanzlerschaft. Das nährt die Spekulationen der britischen Zeitungen über einen Wettkampf der Brüder, wer wohl zuerst Premierminister wird. Stanley Johnsons "Und wer war Bester?" hätte dann welthistorische Bedeutung.

Die Frage ist am Ende, ob die Familienbande stärker sind als die Partei-und Staatsräson. Schon vor zwei Jahren hatte die "Daily Mail" festgehalten: "Die Mitglieder des Johnson-Clans stehen nicht nur in rauem Wettbewerb zum Rest der Welt, sondern auch zueinander."


Die Johnsons


SCHWESTER RACHEL. Die Schrifstellerin und Journalistin hat in der "Daily Mail" minutiös beschrieben, wie sich ihr Bruder zu der folgenschweren Pro-Brexit-Entscheidung durchgerungen hat. Sie selbst wird für einen Verbleib stimmen: Da gehe es um eine "Geisteshaltung".

VATER STANLEY. Der frühere EU-Parlamentarier, Schriftsteller und Umweltschützer war auch für die Umweltgeneraldirektion in Brüssel tätig. Nur mit Hilfe der EU, so seine Überzeugung, ist es Großbritannien gelungen, seinen Ruf als "dirty man of Europe" loszuwerden.

HERAUSFORDERER BORIS. Anti-EU-Bashing gehörte schon als junger Reporter zu seinem Markenzeichen, aber kaum zu "BoJo"s Überzeugung. Mit seinem Pro-Brexit-Kurs will der Bürgermeister von London vor allem seinen Parteikollegen und Premierminister David Cameron fordern.

BRUDER JO. Premier Cameron hat "JoJo" 2013 überraschend zum Chef seiner Policy Unit gemacht, seit 2015 ist Boris' jüngerer Bruder Wissenschaftsminister. In dieser Rolle hat er sich bereits gegen einen Brexit ausgesprochen, der dem Wissenschaftsstandort schaden würde.



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