Die Wandlung des Alexis Tsipras vom Linkspolitiker zum Euro-Ministerpräsidenten

Die Wandlung des Alexis Tsipras vom Linkspolitiker zum Euro-Ministerpräsidenten

Als Grieche mit nationalistischer Rhetorik reiste Alexis Tsipras nach Brüssel, als Euro-Ministerpräsident kam er von dort zurück. Was ist passiert?

In der Beurteilung des Griechenland-Sondertreffens der 19 Euro-Regierungschefs hagelt es Superlative. Die Bandbreite reichte "historisch" bis "Schande" oder "Staatsstreich". Viele Kommentatoren und Politiker arbeiteten sich dabei vor allem an der deutschen Rolle ab, während sich in Frankreich Präsident Francois Hollande als Schlüsselfigur eines Kompromisses präsentierte. Etwas im Hintergrund steht die dramatische Wandlung von Alexis Tsipras: Denn dieser reiste als griechischer Ministerpräsident mit nationalistischer Rhetorik nach Brüssel - und kehrte als Euro-Ministerpräsident zurück nach Athen.

In EU-Diplomatenkreisen wird dies als außergewöhnlicher Schritt beschrieben. Denn angesichts der Hektik der Brüsseler Verhandlungen werde schnell übersehen, dass derselbe 40-jährige Links-Politiker der Syriza-Bewegung nur eine Woche zuvor in einem Referendum noch gegen die Sparvorschläge der Euro-Partner sowie der internationalen Institutionen IWF, EZB und EU-Kommission gekämpft hatte. Nun hat er viel mehr zugesagt als von Griechenland noch eine Woche zuvor verlangt worden war. Vor allem Links- und Rechtsextreme in Europa sprechen deshalb von einem "Putsch".

"Menschliches Verhältnis hat keinen Schaden gelitten"

Tsipras Wandel hatte sich indes schon länger angedeutet. "70 Prozent von ihm wollen einen Kompromiss, 30 Prozent in ihm liebäugeln mit revolutionären Ideen", hatte man ihn schon vor Wochen in der deutschen Bundesregierung eingeschätzt. In französischen Regierungskreisen war man nach den zahlreichen Dreierkontakten zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hollande und Tsipras zu einem ähnlichen Urteil gelangt. Und so kritisch die wirtschafts- und auch europapolitischen Ideen seiner Linksaußen-Rechtsaußen-Regierung etwa von Merkel gesehen werden - auf den Ministerpräsidenten persönlich ließ sie auch öffentlich wenig kommen. Nie gab es gegenseitige persönliche Attacken wie zwischen den Finanzministern beider Länder, Yanis Varoufakis und Wolfgang Schäuble. "Ich habe in den letzten Tagen ja mehrfach noch mit Alexis Tsipras Kontakt gehabt, und unser menschliches Verhältnis hat überhaupt keinen Schaden gelitten", sagte Merkel noch nach der Referendums-Ankündigung am 1. Juli.

Nach Angaben von EU-Diplomaten habe sie zusammen mit Hollande Tsipras nur immer wieder gesagt: Griechenland sei Mitglied in einem Club mit 19 Mitgliedern, der seine Club-Regeln nicht wegen eines Neulings ändern werde. "Prinzipien" heißt dies in Merkels offizieller Sprache. Während auf dem Euro-Sondergipfel am 7. Juli etliche nord- und osteuropäische Euro-Regierungschefs Tsipras offen zum Austritt aus dem Euro aufforderten, blieb die Botschaft Merkels und Hollandes eine andere: Wir würden euch gerne weiter dabei haben, aber dafür müsst ihr eben die Regeln akzeptieren. "Wir haben bezüglich des Euro nicht die Souveränität eines einzelnen Staates, sondern wir haben die Souveränität von 19 Staaten. Das heißt, jeder hat nur noch eine geteilte Souveränität, und wir alle haben eine gemeinsame Verantwortung", lautete ihre Botschaft nach dem Sondergipfel.

Eine Entscheidung gegen das Ausscheiden

Immer wieder sei Tsipras klar gemacht worden, dass er sich entscheiden müsse: Wolle er für einen weiteren Niedergang seines Landes und letztlich das Ausscheiden aus dem Euro verantwortlich sein? Oder wolle er ein "echter Staatsmann" sein, der seine politische Programmatik notfalls ändert, wenn ihm die Realität keine andere Wahl lässt.

Offensichtlich hat sich Tsipras in Brüssel angesichts der drohenden Zahlungsunfähigkeit entschieden. "Wir haben verhindert, dass wir finanziell erdrosselt werden und unser Bankensystem kollabiert", begründete er sein Einlenken. Und er zeigte sich als wendiger Politiker: Als Erfolg nennt er nun, dass Griechenland eine dreijährige und nicht nur eine viermonatige milliardenschwere Finanzierung für sein Land bekommen soll. Zudem gebe es Zusagen für Entlastungen bei den Schulden. Und er versichert den verunsicherten Griechen, dass es keinen "Grexit" geben soll, also Ausscheiden aus dem Euro.

In Berlin ist man mit dieser Wandlung des Linkspolitikers zufrieden - im Interesse des Clubs. Noch in Brüssel hatte Merkel betont, die Prinzipien der Währungsunion würden gewahrt. Hinter den Kulissen heißt es, in Wahrheit hätten sich am Ende nicht 18 Euro-Staaten, sondern nur einer entschieden: der griechische Regierungschef wolle Ministerpräsident im Euro-Club bleiben.

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