Tiananmen, 4. Juni 1989: War da was?

Tiananmen, 4. Juni 1989: War da was?

"Jeder Tag ist ein 4. Juni", sagt Qi Zhiyong. Auch 25 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker von 1989 findet die Verfolgung kein Ende. Der "Platz des Himmlischen Friedens" ist weiter ein Symbol für Hoffnung und die Demokratiebewegung Chinas.

Unbeirrt von Überwachung, Einschüchterung und Misshandlung will der 58-Jährige die Erinnerung an das dunkle Kapitel in Chinas Geschichte wach halten: "Ich bin entschlossen, furchtlos die Wahrheit zu verteidigen." Bei dem brutalen Militäreinsatz hat Qi Zhiyong beide Beine verloren. Er leidet heute unter schweren Gesundheitsproblemen.

Mit harter Hand geht die Staatssicherheit gegen kritische Stimmen wie Qi Zhiyong vor, steckt Bürgerrechtler und ihre Anwälte in Haft, obwohl sie nur verfassungsmäßig garantierte Rechte in Anspruch nehmen wollen. "Es ist 25 Jahre her, aber weiter werden Leute verurteilt", sagt Qi Zhiyong. "Der 4. Juni ist Teil des Lebens unseres Volkes", fügt er noch hinzu, bevor er kurz vor dem 25. Jahrestag des Massakers am Tiananmen-Platz, dem "Platz des Himmlischen Friedens" unter Hausarrest gestellt wird und damit verstummen muss.


22. April 1989: Gut 200.000 Demonstranten protestieren am Tiananmen-Platz für Demokratie und sitzen der Polizei gegenüber. Bild: © TOSHIO SAKAI/AFP/Getty Images

Einige hundert Menschen kamen in jener Nacht ums Leben, als die Kommunistische Partei nach wochenlangen Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksbefreiungsarmee auf das eigene Volk schießen ließ. "In all diesen Jahren und trotz aller Bemühungen haben wir keine Gerechtigkeit für unsere Angehörigen erreicht", beklagt Ding Zilin, deren 17-jähriger Sohn durch eine Kugel getötet wurde.


14. Mai 1989: Studenten im Hungerstreik am Tiananmen-Platz Bild: © TOSHIO SAKAI/AFP/Getty Images

Die Professorin steht an der Spitze des Netzwerkes der "Mütter von Tian'anmen". Ihre Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung und Bestrafung der Verantwortlichen verhallen ungehört. Chinas Führung erlaubt keinerlei Aufarbeitung und verteidigt das Vorgehen seit Jahren mit der gleichen Standardformel: "Partei und Regierung haben entschiedene Maßnahmen ergriffen, sind korrekt mit den Unruhen umgegangen und haben die langfristige Stabilität Chinas gesichert."


25. Mai 1989: Die Macht gehört dem Volk Bild: © CATHERINE HENRIETTE/AFP/Getty Images
Die Hoffnungen, dass die neue Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping einen neuen Kurs einschlagen könnte, wurden bitter enttäuscht. Schlimmer noch: Das Schreckensgespenst des Zusammenbruchs der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow vor Augen, greifen die neuen Führer sogar noch härter durch, wie die hohe Zahl der Festnahmen seit ihrem Amtsantritt 2013 zeigen.


4. Juni 1989: Die Polizei stürmt den Tiananmen-Platz Bild: © CATHERINE HENRIETTE/AFP/Getty Images

"Bisher setzt Xi Jinping auf Repression statt Reformen", stellt Verena Harpe von der Menschenrechtsgruppe Amnesty International fest. Mit einer "Verfolgungswelle" vor dem Jahrestag wollten Chinas Führer jedes Gedenken verhindern.


6. Juni 1989: Panzer am Tiananmen-Platz Bild: © MANUEL CENETA/AFP/Getty Images

Die Welt knickt ein

Auch die Welt möchte das Massaker am liebsten vergessen, befürchtet der damalige Studentenführer Wuer Kaixi, der damals ins Ausland flüchten konnte und heute im Exil in Taiwan lebt. "Die Welt steht Schlange, um nach Peking zu pilgern und die Hände der - aus meiner Sicht - Mörder zu schütteln, um Geschäfte zu machen und um Marktzugang zu bitten oder manchmal sogar darum, aus der Wirtschaftskrise gerettet zu werden", sagt der 46-Jährige in einem dpa-Interview in Taipeh.

ORF-Dokumentation über die Demkratiebewegung in China 1989 und das Massaker am Tiananmen-Platz

"Die Welt knickt gegenüber China ein", beklagt Wuer Kaixi und vergleicht das Verhalten mit der Beschwichtigungspolitik der 1930er Jahre gegenüber dem Nazi-Regime in Deutschland. "Hier wiederholt sich Geschichte." Es stehe viel auf dem Spiel, warnt auch der damals meistgesuchte Studentenführer Wang Dan: "Für ein mächtiges Land wie China ist Demokratisierung entscheidend, weil dies Einfluss auf den Frieden in der Welt hat", sagt der 45-Jährige, der heute in Taiwan als Professor lehrt und weiter politisch aktiv ist.

Der Tiananmen-Platz des "Himmlischen Friedens" in Peking

Die Hoffnung, dass wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand das Land irgendwie zur Demokratie führen würden, werde sich nicht erfüllen, warnt Wang Dan. Die zweitgrößte Wirtschaftsnation sei keine reine Marktwirtschaft, sondern vom Staat monopolisiert und eine politisierte Volkswirtschaft, was auch die Korruption erkläre.

Haben die Studentenführer vor 25 Jahren noch geglaubt, dass die Kommunistische Partei sich von innen heraus selbst reformieren könnte, zeigen sie jetzt große Zweifel. Das kommunistische Regime repräsentiere heute habgierige Interessengruppen, Parteibonzen und Technokraten, die das Land ausplünderten, sagen sie.

"Probleme werden meist beseitigt, indem Konflikte im Land unterdrückt werden, um Stabilität zu wahren", sagt Wang Dan. "Die Probleme können aber nicht wirklich bewältigt werden, wenn die systemischen Ursachen nicht angepackt werden." Der Preis für diese erzwungene Stabilität sei hoch - "und könnte eines Tages unbezahlbar werden".

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