Sunniten und Schiiten: Der islamische Machtkampf

Irak: Freiwillige unterstützen die Armee im Kampf gegen die sunnitische Terrorgruppe IS.
Irak: Freiwillige unterstützen die Armee im Kampf gegen die sunnitische Terrorgruppe IS.

Irak: Freiwillige unterstützen die Armee im Kampf gegen die sunnitische Terrorgruppe IS.

Wer den Konflikt zwischen Saudi Arabien und Iran diskutieren will, der muss die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten verstehen. Ein Überblick über den Ursprung der islamischen Spaltung und deren geographische Verteilung.

Worum geht es beim Machtkampf im Nahen Osten? Wie differenzieren sich Sunniten und Schiiten? Als wichtiger Akteur des Konflikts gilt der Iran: Der Iran sieht sich allein schon aufgrund seiner Geschichte als große Regionalmacht und will sich dementsprechend behaupten. Als Ventil dient ihm der schiitische Halbmond. Im Nahen und Mittleren Osten werden die Länder, die einen hohen Anteil von Schiiten oder gar eine schiitische Mehrheit in der Bevölkerung aufweisen, als "schiitischer Halbmond" bezeichnet. Die Bezeichnung geht darauf zurück, dass die Länder Bahrain, Iran, Irak und Libanon einen Halbmond bilden, wenn man sie verbindet.

Der schiitische Halbmond wird vom Gottesstaat genutzt, um die Regionalmacht des Iran und den Einfluss der Schiiten als Gegenpol zu den von Saudi-Arabien gelenkten Geschicken der sunnitischen Mehrheit innerhalb der Muslime der Region zu stärken. Aus Saudi Arabien kommen laut aktueller Studie des Brookings Institute auch die meisten Tweets, die sich positiv zur Terrorgruppe IS äußern.

Der wichtigste Sockel Teherans in der Region ist abgesehen von den erwähnten Ländern Syrien. Es gehört mangels einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit eigentlich nicht zum schiitischen Halbmond, wird aber von einer kleinen schiitischen Elite, die den Alawiten angehört, geführt. Das seit mehreren Jahren von einem durch Proteste gegen Präsident Bashar al-Assad ausgelösten blutigen Bürgerkrieg zerrissene Land unterhält enge Beziehungen zum Iran. Assad sorgt dafür, das iranische Einflussgebiet zu gewährleisten. Die Islamische Republik greift Assad regelmäßig tatkräftig unter die Arme. Zudem streckt Teheran die Fühler in die genannten Länder, aber auch nach Bahrain, in den Libanon und nach Aserbaidschan aus. In gewisser Weise wird auch der Jemen zum schiitischen Halbmond gezählt, auch wenn aufgrund schwankender Angaben unklar ist, ob das Land eine schiitische Mehrheit oder starke schiitische Minderheit hat.

Das sunnitische Dreieck

Eine Sonderrolle nimmt wegen seiner Vielfalt der Libanon ein. Da die von Iran unterstützte Hisbollah dort aber politisch sehr aktiv ist, dient er für die Umsetzung der Ziele Teherans und durch die Verflechtungen mit Syrien als eine Art Drehscheibe. Nach den Ereignissen rund um den Arabischen Frühling und die Entmachtung der Herrscher in Ägypten, Tunesien, im Jemen und in Libyen, den misslungenen US-Operationen in Afghanistan und dem Irak und nach den jüngsten Spannungen in der Region wegen der anhaltenden Syrien- und Irakkrise sprechen Experten neben dem schiitischen Halbmond auch von einem Gegenpol, nämlich vom "sunnitischen Dreieck" mit der Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten. Trotz ihrer unterschiedlichen Interessen verfolgen die drei Länder ein gemeinsames Ziel: das Zurückdrängen des Einflusses des Iran beziehungsweise der USA in der Region.

Die Türkei unterhält aber auch sehr enge wirtschaftliche Beziehungen zu Teheran und sucht auch bei anderen regionalen Angelegenheiten eine enge Kooperation mit dem Iran. Das wiederum erzürnt Riad und die anderen arabischen Golfstaaten.

Einer Studie des US-Instituts Pew aus dem vergangenen Jahr zufolge gibt es weltweit knapp 1,6 Milliarden Muslime, von denen etwa 90 Prozent den Sunniten und die übrigen zehn Prozent diversen schiitischen Strömungen zugerechnet werden. Im Nahen Osten und in der Golf-Region driftet das Verhältnis jedoch weniger stark auseinander - im Iran, im Irak und in Bahrain stellen Schiiten die Mehrheit. Als sunnitisches Machtzentrum gilt Saudi-Arabien, wo sich die Pilgerorte Mekka und Medina befinden. Als oberste religiöse Instanz der Sunniten wird die Al-Azhar-Universität in Ägypten angesehen. Radikale Sunniten wie die Anhänger der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) betrachten die Schiiten als Ketzer und wollen deren Heiligtümer zerstören.

Nachfolgestreit aus dem 7. Jahrhundert

Doch wie kam es eigentlich zur Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten? Der Bruch geht auf die Frühzeit des Islam - im 7. Jahrhundert - zurück. Auslöser war der Streit um die legitime Nachfolge des Propheten Mohammed. Der erste innermoslemische Krieg - "Fitna" - findet auch heute noch seine Fortsetzung - etwa im Irak, wo die sunnitische Terrorgruppe IS ein Kalifat ausgerufen hat.

Die dramatische und blutige Spaltung des Islam vollzog sich nur wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten Mohammed (632). Für die Schiiten steht dabei die Schlacht von Kerbala im Irak im Jahr 680 im Mittelpunkt. Bei diesem Gefecht wurden der Imam Hussain, ein Enkel des Propheten Mohammed, sowie fast alle seine männlichen Verwandten getötet. Beim Ashura-Fest gedenken die Schiiten mit blutigen Selbstgeißelungen dieses Ereignisses

Der als Märtyrer verehrte Hussein war der Sohn des vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib, aus dessen Anhängerschaft die schiitische Glaubensrichtung ("Shi'at Ali"/Partei Alis) hervorging, der heute etwa zehn bis 15 Prozent der Muslime angehören (rund 85 bis 90 Prozent sind Sunniten). Ali, Cousin und Schwiegersohn des Propheten - er war mit dessen Tochter Fatima verheiratet - wurde 656 zu einem Nachfolger Mohammeds, zum Kalifen, proklamiert. Er ist für die Schiiten der erste "Imam" (religiöser Führer").

Das Kalifat Alis, dem die Ermordung von dessen Vorgänger Othman (Uthman) voranging, stand unter keinem glücklichen Stern. Die Hintergründe für die Bluttat an Othman - auf den laut Tradition die Endredaktion des Koran zurückgeht - sind umstritten, ebenso war es die Ernennung Alis zum Kalifen. Seine Gegner machten ihn auch für Othmans Tod verantwortlich. Für einen Teil der Muslime war außerdem die verwandtschaftliche Nähe zum Propheten allein kein ausreichender Grund, Anspruch auf dessen Nachfolge zu erheben.

Ali verlegte sein Herrschaftsgebiet in den heutigen Irak, der so zur Wiege des Schiitentums wurde. Er wurde 661 in der Stadt Kufa von einem Attentäter erstochen, der eine weitere Partei, die Harijiten, vertrat, die sich mit Ali überworfen hatten. Nach der Ermordung Alis - laut Überlieferung mit einem vergifteten Dolch in die Stirn - ließ sich der syrische Gouverneur Muawiyya zum Kalifen ausrufen. Muawiyya, ein Verwandter des ermordeten Kalifen Othman, wurde zum Begründer der in Damaskus residierenden Omayyaden-Dynastie.

Alis Sohn Hussein erhob sich gegen die Omayyaden-Herrschaft. Er starb im Jahr 680 mit 72 Getreuen in der Schlacht von Kerbala gegen eine militärische Übermacht, die von Muawiyyas Sohn Yazid geführt wurde. Auch die Nachfolger Alis und Husseins, die von den Schiiten als legitime Nachfolger des Propheten angesehen werden, nahmen ein blutiges Ende. Sie alle werden von der Hauptströmung der schiitischen Glaubensrichtung, der Zwölfer-Schia ("Asharia Ithnin"), als "Imame" verehrt. Der Zwölfte Imam, Mohammed al-Mahdi, soll im 9. Jahrhundert in die Verborgenheit entrückt worden sein, um kurz vor dem Jüngsten Gericht wieder auf die Welt zurückzukehren und die Gläubigen zu erlösen.

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