Premierminister Narendra Modi: Licht und Schatten des starken Mannes

Premierminister Narendra Modi: Licht und Schatten des starken Mannes

Indiens neuer Premierminister, Narendra Modi, hat seinen Heimatstaat Gujarat wirtschaftlich voran getrieben - doch es gibt nicht unerhebliche Stimmen der Kritik.

Gujarat ist anders als der Rest des indischen Subkontinents. Spricht man mit in Indien tätigen Geschäftsleuten, so ächzen sie über verstopfte Straßen in der Multi-Milliarden-Metropole Mumbai oder regelmäßige Stromausfälle im südindischen Chennai – in dem nordwestlichen Bundesstaat, der oft scherzhaft als „Modistan“ bezeichnet wird, sind die Straßen aber so intakt, dass auch Europäer sich eine Motorradfahrt unter blauem Himmel zutrauen.

Dies ist der Bundesstaat, der vom künftigen indischen Premierminister, Narendra Modi, seit 2001 regiert wurde. Das BIP ist hier deutlich höher als der Durchschnitt des Landes, einige der größten Unternehmen Indiens sind hier angesiedelt. Doch auch von der demographischen Seite her unterscheidet sich das Land vom Vielvölkerstaat, in dem Hindus, Moslems, Christen, Jains und Sikhs nebeneinander leben: Knapp 90 Prozent der Bevölkerung Gujarats sind Hindus – guter Nährboden also für Modis hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP).

Geht's der Wirtschaft gut...

Nach aktuellem stand wird die BJP die aktuell regierende Kongresspartei von der Spitze der weltweit größten Demokratie verdrängen und wohl auch die absolute Mehrheit im Parlament erlangen. Der Hauptgrund dafür ist ein wirtschaftlicher: Rund fünf Prozent BIP-Wachstum mögen auf Europäer beeindruckend wirken – ein Land mit einer nach wie vor schwächelnden Infrastruktur, nicht adäquaten Ausbildungen und einem hohen Maß an Korruption wünscht sich aber mehr, um weltweit weiter aufschließen zu können. Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich Indiens BIP-Wachstum halbiert.

Der frühere Premierminister Manmohan Singh hat seinem Volk nicht jenes Wachstum bieten können, das es wollte. In indischen Medien wurde er oft als schwacher Mann portraitiert, der die Wirtschaft nicht ausreichend vorantrieb. Vetternwirtschaft und Korruptionsskandale durchzogen seine Amtszeit. Als sein Nachfolger sollte der 1970 geborene Rahul Gandhi das Amt antreten; man hatte gehofft, dass der Spross der Nehru-Gandhi-Dynastie (nicht verwandt mit dem berühmten Mahatma Gandhi) quasi per Erbrecht die Regentschaft fortsetzt – doch daraus wird nun nichts.
Stattdessen tritt nun der 63 Jahre alte, ehemalige Teeverkäufer Modi an die Spitze. Gewählt wurde er unter anderem von zahlreichen jungen Indern - das Durchschnittsalter im Land liegt bei nur 27 Jahren -, die sich von ihm den wirtschaftlichen Aufschwung erwarten.

"Wie ein Hund, der überfahren wird"

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Allem voran herrscht noch immer Unklarheit zu Modis Verantwortung bei Unruhen im Jahr 2002, bei denen ein Hindu-Mob in Gujarat über 1000 Moslems abschlachtete – Modi habe die Aktion geduldet, heißt es; Kritiker behaupten gar, er habe den Mob angestachelt.

Doch die Verantwortung des Hindu-Nationalisten geht noch weiter zurück: Im Jahr 1990 half er bei einem Aufmarsch in der heiligen Stätte Ayodhya – auf Grund diesen Schrittes kam es zwei Jahre später zu Zusammenstößen zwischen Hindus und Moslems, bei denen 2000 Menschen starben.

Kritisch zu sehen ist zudem seine Verbindung zu der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) - einer nach faschistischem Vorbild gegründeten Freiwilligenorganisation, die an die Hegemonie des Hinduismus glaubt. Dort stieg er vom Putzmann bis in die höchsten Ebenen auf. „Unter der Anleitung des RSS verfeinerte Modi seine Fähigkeiten, Menschen zu leiten und Organisationssysteme zu gründen“, schreibt der Modi-Biograf Nilanjan Mukhopadhyay.

Seine Befürworter betonen zwar Modis wirtschaftliche Errungenschaften und die Tatsache, dass seine angeblichen Anstachelungen niemals nachgewiesen wurden – entschuldigt hat er sich bei der Religionsgruppe der Moslems aber nicht. Im Gegenteil: Der „Economist“ zitiert eine Rede Modis aus dem Jahr 2013, laut der er das Leiden der Moslems so sehr bedauere wie einen Hund, der von einem Auto überfahren wird. Als Kritik laut wurde, relativierte er diese Aussage mit dem Statement, dass Hindus jedes Leben als heilig erachten – doch die muslimische Bevölkerung bleibt skeptisch.

Nicht alles Gold, was glänzt

Kritiker meinen zudem in Bezug auf die wirtschaftliche Performance, vieles am Modi-Bild sei guter Image-Pflege und PR-Arbeit zu verdanken. So seinen etwa weniger beeindruckende Wahrheiten über Gujarat - wie die hohe Schulabbrecherquote - gezielt heruntergespielt worden, sagt Ajay Dandekar, Geschichtsprofessor an der Shiv Nadar Universität.

Auch in Gujarat hungert die arme Landbevölkerung, auch dort haben Dörfer keinen Strom- und Wasseranschluss. „Das Gujarat-Modell ist nur zum Teil ein Fakt und zum anderen Teil ein Hype“, sagt Rajni Bakshi von der Denkfabrik Gateway House. Modi habe Agrarland zu Schleuderpreisen an Unternehmer gegeben, deswegen liege das Wirtschaftswachstum dort höher als in anderen Teilen Indiens: „Aber ob das auch auf nationaler Ebene klappt? Ich denke, dann werden die Bauern, die nicht richtig entschädigt werden, für Krawalle sorgen.“

Der Ökonomieprofessor Rakesh Basant weist zudem darauf hin, dass Gujarat seit Jahrzehnten über eine starke Wirtschaft verfügt, nicht erst seit der Regierung Modi. „Modi versagte außerdem bei den sozialen Faktoren: Die Müttersterblichkeit etwa ist vergleichsweise hoch und die Bildung schlecht“, sagt er. Hinzu komme, dass Muslime und Hindus nirgendwo sonst so strikt getrennt voneinander lebten wie in Gujarat. „Für Muslime ist es quasi unmöglich, in einer Hindu-Gegend Land zu kaufen oder eine Wohnung zu mieten.“

Für Aktionäre dürfte es sich in den kommenden Jahren jedenfalls rentieren, den indischen Leitindex Sensex im Blick zu halten – er ist durch die Wahl auf Rekordwerte geklettert. Exportorientierte Unternehmen sollten ein Auge auf wirtschaftliche Reformen und die wachsende Mittelschicht haben. Und politische Beobachter dürften unruhig abwarten, wie sich Indiens bilaterale Beziehung zu Pakistan nun entwickelt.

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