Hellas als Gas-Knotenpunkt: Eine Alternative zu South Stream?

Hellas als Gas-Knotenpunkt: Eine Alternative zu South Stream?

Nach dem plötzlichen Aus für "South Stream" ist für Länder wie Bulgarien und Österreich der Plan von einer größeren Relevanz im Gas-Geschäft geplatzt. Können Griechenland und die Türkei mit dem Projekt "Turkish Stream" Erfolg haben?

Als Alexis Tsipras am Mittwoch davon sprach, dass Griechenland ein Energie-Knotenpunkt für Europa werden könnte, wirkte dies wie ein Deja-Vue-Erlebnis. Denn vor vier Monaten stand der Ministerpräsident des EU-Nachbarn Bulgarien, Boiko Borissow, im deutschen Kanzleramt und entwarf dieselbe Vision: "Es ist eine gute Idee, dass wir in Bulgarien eine Gasstation bauen, die von Bulgarien das Gas für Europa verteilt", sagte er nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sowohl Griechenland als auch Bulgarien schielen dabei auf russisches Gas, das durch ihre Länder in die EU fließen und Transitgebühren in die Staatskassen spülen soll. Russlands Präsident Wladimir Putin lockte mit "Millionen Euro" jährlich für Griechenland. Doch Bulgarien ist das beste Beispiel dafür, wie schnell die Träume vom Reichtum durch russisches Gas zerplatzen können.

Denn nach dem plötzlichen Aus für die geplante russische "South Stream"-Pipeline, die Gas über Bulgarien und Österreich in die EU bringen sollte, haben sich die Hoffnungen der Regierung in Sofia vorerst erledigt. Stattdessen baut die EU nun Stationen auch an den bulgarischen Grenzen zu Rumänien, Serbien und Griechenland aus, um notfalls Gas aus dem Westen nach Osteuropa pumpen zu können und damit die Abhängigkeit von russischem Gas zu mindern.

BEDENKEN DER EU-KOMMISSION

Als Gründe für Russlands plötzliche Aus waren Ende vergangenen Jahres sowohl die Finanzknappheit des russischen Energiekonzerns Gazprom als auch der Widerstand der EU-Kommission gegen die russischen Pläne genannt worden. Denn Gazprom wollte die gesamte Kette von der Gas- und Ölförderung in Russland über die Leitungen bis zum Endkunden in der EU kontrollieren. Die Widerstände der EU-Kommission gegen ähnliche Pläne in Griechenland dürften daher genauso hart sein.

Die Brüsseler Behörde dürfte sich jedenfalls auch beim nun von Russland favorisierten Projekt Turkish Stream gegen eine zu große Macht von Gazprom als Lieferant und Pipeline-Betreiber sperren. Die EU strebt zudem gerade wegen des Ukraine-Konflikts eine größere Unabhängigkeit von russischem Gas an. Abgesehen davon, dass der Gasverbrauch wegen des Booms bei erneuerbaren Energien ohnehin sinken könnte, stehen neue Lieferanten bereit: Flüssiggaslieferungen aus Norwegen, den Golfstaaten oder gar den USA werden favorisiert.

Der für Energiefragen zuständige EU-Kommissionsvizepräsident Maros Sefcovic brachte kürzlich zudem Irak und Iran als Anbieter ins Spiel. Denn mit der Grundsatzeinigung im Atomstreit könnte der bisher mit UN-Sanktionen belegte Iran für Europa zu einem wichtigen Partner in Energiefragen werden. Iranische Lieferungen dürften zwar wegen der politischen Lage und der veralteten Infrastruktur noch Jahre dauern, wären aber langfristig eine Alternative zu Russland.

ZWEIFEL AUCH IN DER TÜRKEI

Zudem gab es in der Türkei selbst zuletzt skeptische Stimmen. So hieß es in Industriekreisen, dass sich die im Dezember verkündeten Pläne wegen Genehmigungsverfahren um mindestens ein Jahr verzögern könnten. Aus der türkischen Regierung hieß es im März, dass die Verhandlungen über die Abnahmepreise ebenfalls als Faktor beachtet werden müssten. Für die Türkei, die bereits jetzt mehr als die Hälfte ihres Gasbedarfs über Russland deckt, stellt sich zudem die Frage nach der Abhängigkeit vom wirtschaftlich angeschlagenen russischen Partner. Je länger sich das Projekt Turkish Stream in der Türkei verzögert - mit dem Griechenland traditionell ohnehin eine Rivalität verbindet - desto länger muss die Regierung in Athen auf Einnahmen aus dem Transitgeschäft warten. Und genau mit diesen Einnahmen soll ja der Kredit der russischen Regierung zurückbezahlt werden, mit dem Putin offenbar eine Vorfinanzierung für den Bau der Anschlusspipeline in Griechenland erleichtern will.

Immerhin könnte Griechenland davon profitieren, dass Gazprom seine Preise senken könnte. Nur hat dies weniger mit einer politischen Bevorzugung des griechischen Partners zu tun. Vielmehr muss Gazprom mit Preisnachlässen seine Absatzmärkte sichern - selbst der Ukraine wird eine Senkung angeboten.

Hellas handelt sich Ärger mit Sofia ein

In Zeiten fallender Gaspreise stellt sich zudem die Frage nach der Wirtschaftlichkeit von Turkish Stream, weil es bereits zwei Pipelines durch die Türkei gibt: Die Trans-Adria-Pipeline (TAP), die Gas durch die Türkei nach Griechenland, Albanien und Italien liefert, sowie Blue Stream, durch die Gas aus Russland durch das Schwarze Meer zur türkischen Küste gepumpt wird. Die Kapazität von Blue Stream ist bisher allerdings deutlich kleiner als die angepeilten knapp 50 Milliarden Kubikmeter, die Turkish Stream umfassen soll.

Und selbst wenn Turkish Stream gebaut werden sollte, würde dies für Griechenland nur eine neue Front innerhalb der EU eröffnen. Der Nachbar Bulgarien ist ohnehin nicht gut auf die neue Links-Rechts-Regierung in Athen zu sprechen, die grenzüberschreitende Geschäfte von Firmen gerade mit einer Strafsteuer belegt hat. Ministerpräsident Borissow hatte bereits im Dezember gewarnt, dass er auf eine harte Haltung der EU bei jeder möglichen Gaspipeline durch Griechenland bestehen werde: "Ich kann dem bulgarischen Volk nur sehr schwer erklären, warum es gut ist, wenn die Gasleitungen über die Türkei und Griechenland laufen, und dass es nicht gut ist, wenn die Leitungen über Bulgarien laufen", lautet sein Argument.

International

World Economic Forum 2016: Teilnehmer und Live-Stream

Politik

Iran-Sanktionen: Strafmaßnahmen könnten bald Geschichte sein

International

Jean-Claude Juncker: "Ein Euro ist ohne Schengen ist sinnlos"