Griechische Reeder: Luxusleben im Steuerparadies

Die neue griechische Regierung verspricht, reiche Bürger zur Kassa zu bitten. Beginnen könnte sie mit den Reedern des Landes. Mit der Schifffahrt setzen diese jährlich 14 Milliarden Euro um, zahlen aber insgesamt nur 25 Millionen Euro Steuern. Gleichzeitig ist die Branche, die einige wenige Griechen sehr reich gemacht hat, von hoher Arbeitslosigkeit gezeichnet. Aktuell sind rund 70 Prozent der griechischen Matrosen ohne Job.

Griechische Reeder: Luxusleben im Steuerparadies
Griechische Reeder: Luxusleben im Steuerparadies

Griechische Reeder machen rund 15 Prozent der globalen Handelsflotte aus und setzen Milliarden um. Steuern mussten sie bisher kaum zahlen.

Kein Schuldenerlass für Griechenland - diese Forderung, der neuen Regierung keine Zugeständnisse zu machen, kommt seit dem Wahlsieg von Alexis Tsipras und seiner Syriza-Partei von diversen anderen Euro-Ländern - und besonders vehement aus Deutschland. Deutsche Politiker nehmen den Standpunkt ein, die Griechen sollten ihre eigenen Landsleute zur Kasse bitten. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel meinte etwa jüngst in einem Interview: "Bei Steuerdelikten griechischer Staatsbürger sollten auch Vermögen und Konten der Superreichen im Ausland eingefroren werden." Der CDU-Außenpolitiker Karl-Georg Weltmann proklamierte: "Bevor den Deutschen in die Tasche gegriffen wird, sollten die Griechen sich lieber an ihre eigenen Milliardäre halten.“

Am Mittwoch will die neue griechische Regierungsspitze Gerüchten zufolge den Euro-Partnerländern in Brüssel einen Reformplan präsentieren. Darunter könnte nun auch tatsächlich das Bekenntnis dazu sein, Griechenlands Oligarchen stärker zur Kasse zu bitten. Immerhin waren für Tsipras im Wahlkampf auch die Bekämpfung der Steuerhinterziehung und der Korruption im Land wichtige Punkte.

Doch wer sind diese vermeintlich milliardenschweren griechischen Oligarchen eigentlich? Das Milliardärsranking des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ bietet hier einen recht guten Überblick.

Die reichsten Griechen
Name Branche Vermögen (Mrd.$)
Spiro Latsis und Familie Reederei, Bank, Öl, Immobilienentwicklung 9,5
Vardis Vardinogiannis und Familie Öl, Gas, Reederei, Medien, Hotels 7,2
Peter Livanos und Familie Reederei, früher Aston Martin 5,8
Theodoros Angelopoulos & Familie Öltanker, Luxusyachts, Stahl 5,4
Dimitris Melissanidis Reederei, Öl, Telekom, Wetten 2,8
John Catsimatidis Lebensmittel, Immobilien (USA), Öl 2,6
Stelios Haji-Ioannou Reederei, easyJet 2,3
Philip Niarchos Reederei 2,1
Chryss Goulandris und Familie Reederei-Erbin, Pferdezucht 2
Telis Mistakidis Metall-Trader bei Glencore 1,9
(c) Forbes/Format Printausgabe 07/2015

Viele der genannten Personen - etwa Niarchos, Latsis und Mistakidis - haben ihrem Heimatland schon vor langer den Rücken gekehrt: Nirachos lebt in Paris, Latsis und Mistakidis geben Schweizer Städte als ihre Wohnorte an. Es dürfte Tsipras daher schwer fallen, seine milliardenschweren Landsleute zur Kasse zu bitten. Allerdings fällt beim Betrachten der Tabelle auf, dass äußerst viele griechische Milliardäre aus einer ganz bestimmten Branche kommen: Der Schifffahrt.

Philip Niarchos ist der älteste Sohn des 1996 in Zürich verstorbenen Reeders Stavros Niarchos. Von seinem Vater hat er nicht nur das Unternehmen, sondern auch eine beeindruckende Kunstsammlung geerbt. Unter anderem ist Niarchos der weltweit größte private Inhaber von Van Gogh-Werken. Auch Spiro Latsis hat als Sohn des Schifffahrts-Tycoons John S. Latsis in der Seefahrt geerbt. Seine Flotte umfasst laut Forbes noch 15 Schiffe, ansonsten verdient er Geld im Banken- und Ölgeschäft. Das Immobilienunternehmen Lamda Development, in das Latsis ebenfalls investiert hatte, hat mit „The Mall Athens“ den Bauauftrag für eines der größten Einkaufszentren in der griechischen Hauptstadt bekommen.

Stavros Niarchos: Erfolgreicher Reeder und begeisterter Kunstsammler.

Stavros Niarchos: Erfolgreicher Reeder und begeisterter Kunstsammler.

Doch zurück zur Schifffahrt. In diesem Wirtschaftszweig ist Griechenland trotz aller anderen wirtschaftlichen Schwächen Weltmeister: Laut einer Analyse von Clarksons Research, die in der Einheit der Bruttoregistertonnen das Ladevolumen von Schiffen misst, machen die etwa 5000 Schiffe griechischer Reeder mit 164 Millionen Bruttoregistertonnen rund 15 Prozent der globalen Handelsflotte aus – mehr als die Japans, das in den vergangenen 20 Jahren den Titel der größten Seefahrernation der Welt innehatte.

Die 3000 Jahre alte Tradition der Hellenen hat einige sehr reiche Clans und Familien hervorgebracht. Es gab aber auch Quereinsteiger, die in die Riege der Superreichen aufgestiegen sind. Etwa den legendären Reeder Aristoteles Onassis, der sich aus dem Nichts heraufarbeitete, ein regelrechtes Firmenimperium aufbaute und schließlich Jackie Kennedy, die Witwe des ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, heiratete – sie lag ihm mit ihren ewigen Shopping-Touren jedoch schwer auf der Tasche.

Rauschende Feste: Aristoteles Onassis, um 1970 in Persien.

Rauschende Feste: Aristoteles Onassis, um 1970 in Persien.

Weit weniger glamourös ist die Schifffahrt jedoch einige Hierarchieebenen unter den CEOs. Die Matrosen gehören zu den von der Wirtschaftskrise am schwersten getroffenen Griechen. Einem Bericht des „Spiegel“ vom vergangenen Sommer zufolge liegt die Arbeitslosigkeit unter den Matrosen bei 70 Prozent; derzeit haben rund 10.000 der 14.000 griechischen Seeleute keinen Job. Insgesamt ist die Branche als Arbeitgeber stark geschrumpft: zu ihren Hochzeiten, in den 1980er-Jahren, arbeiteten 100.000 Griechen als Seeleute.

Stolz der Wirtschaft – mit Privilegien

Begründet wird das personelle Schrumpfen der Branche unter anderem damit, dass die Reeder „ausflaggen“. Das bedeutet: Um Kosten zu sparen melden sie ihre Schiffe in anderen Ländern an: Laut einer Studie des Thinktanks IOBE wurden 2010 nur noch 28 Prozent der Fracht auf Schiffen im Besitz griechischer Reeder auch unter griechischer Flagge transportiert, heißt es beim „Spiegel“: Anfang der Neunzigerjahre waren es noch 83 Prozent. Ein Großteil des Personals wird heute in Billiglohnländern rekrutiert.

Das ist per se noch nichts Besonders – auch österreichische und deutsche Frächter flaggen in Länder aus, in denen sie weniger Steuern und Gebühren entrichten müssen. Allerdings ist Griechenlands Seefahrt an und für sich schon mit Privilegien gesegnet: Seit Jahrzehnten wurden eigens für diese Branche 58 spezielle Steuerbefreiungen verankert, heißt es in einem aktuellen Artikel des Nachrichtenmagazins „Focus“: Konkretes Resultat: Die Branche setzt jährlich 14 Milliarden Euro um, zahlt aber nur 25 Millionen Euro.

Reeder zur Rede stellen?

Es läge daher nahe, der Branche genauer auf die Finger zu schauen. Das finden auch Politiker aus anderen EU-Staaten: "Es ist höchste Zeit, dass Griechenland seine Reeder besteuert", sagt etwa der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs.

In Griechenland selbst ist die Motivation dazu allerdings nicht allzu groß. Bei der neuen Regierungspartei Syriza steht die Abschaffung der Privilegien nicht auf der Tagesordnung. Im Regierungsprogramm des Koalitionspartners Anel heißt es gar, die griechische Eroberung der Weltmeere sei ein „maritimes Wunder“ – die Motivation der rechtspopulistischen Partei zum harten Durchgreifen scheint hier eher gering zu sein.

Was bedeutet dies in europapolitischer Hinsicht für Hellas? „Es ist die souveräne Entscheidung des griechischen Staats, wenn er seine Reeder nahezu komplett von der Steuerpflicht befreit“, meint CDU-Politiker Wolfgang Bosbach Anfang Februar gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Allerdings darf Griechenland dann nicht erwarten, dass die Steuerzahler der Eurozone die dadurch Jahr für Jahr entstehenden Einnahmeausfälle in Millionenhöhe kompensieren.“

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