Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: Die dunklen Geschäfte der Schlepperbanden

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Für die Überfahrt nach Europa zahlen Flüchtlinge horrende Preise. Die Profiteure agieren unerkannt im Hintergrund.

Allein in den ersten Monaten des Jahres sind im Mittelmeer rund 1500 Menschen gestorben. Die Schlepper verdienen an dem Geschäft mit der Verzweiflung, die Bosse der Banden machen pro Fahrt rund 400.000 Dollar Gewinn. EU-Politiker wollen die Bekämpfung nun engagierter angehen - doch dafür sind auch finanzielle Mittel notwendig.

Das jüngste Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, bei dem bis zu 950 Menschen gestorben sind, rückt erneut das schmutzige Geschäft der Schlepperbanden ins Licht. So betonte etwa Italiens Premier Matteo Renzi, dass man die Situation nur verbessern könne, indem man die Banden ausmerzt, die von Ländern wie Libyen aus in See stechen. Italien verschärft nun die Offensive gegen Menschenhandel – am Montag wurde etwa von der Polizei von Palermo ein internationaler Schlepperring zerschlagen, der hunderte Menschen nach Italien geschleust haben soll.

Doch welchen Preis zahlen Flüchtlinge eigentlich an die Schlepper, die sie dann unter lebensbefrohlichen Umständen über das Meer bringen? Die Website havocscope.com hat sich darauf spezialisiert, Preise auf dem Schwarzmarkt zu ermitteln und darauf basierend Länderrisiko-Profile zu erstellen; die genannten Werte basieren auf Polizei- und Gerichtsprotokollen und anderen juristischen Dokumenten. Die teuerste Strecke ist demnach der Weg von Indien nach England (277.000 Dollar); Flüchtlinge von Marokko nach Europa zahlen rund 24.000 Dollar.

Die Preise der Schlepperbanden
Von Nach Preis (USD)
Afghanistan England 25.000
Afghanistan Iran 700
Afrika Israel 1500
Asien Australien 10.000
Bangladesh Brasilien 10.000
Brasilien USA 16.000
China USA 50.000
China England 41.800
Kuba USA 10.000
Guatemala USA 7000
Haiti Puerto Rico 1500
Indien England 277.000
Indien USA 60.000
Iran EU 23.315
Irak England 10.500
Laos Thailand 190
Mexiko USA (Landweg) 4000
Mexiko USA (Seeweg) 9000
Marokko EU 24.000
Nordkorea Südkorea 6000
Pakistan USA 22.000
Somalia USA 10.000
Thailand Japan 21.000
England Frankreich 2373
Vietnam Europa 28.500
Quelle: Havoscope.com

Die großen Nutznießer sind nicht die Skipper auf den Booten, sondern dunkle Hintermänner, die verdeckt agieren und ein weit gespanntes Netz aus Kontakten nutzen – das beschreiben die Autoren Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci in ihrem Buch „Bekenntnisse eines Menschenhändlers: Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“, das ursprünglich in Italien und nun auch in deutscher Sprache erschienen ist. Für das Buch haben die Autoren mit Schleppern über ihr schmutziges Geschäft gesprochen.

500.000 Dollar pro Todesfahrt

Als Beispiel wird von den Autoren der Schlepperboss Muammer Kücük genannt – er schmiert Beamte, bedroht Polizisten und lässt andere die Drecksarbeit machen. Wenn eine einzige Bootsfahrt mit einem 20 Meter langen Fischkutter 500.000 Dollar einbringt, bleiben Kücük nach Abzug von Schmiergeldern und Handlanger-Honoraren 400.000 Dollar, so das Nachrichtenmagazin Focus: Zeitweise beschäftigt der Boss dutzende Kapitäne, die fünf bis sechs Fahrten pro Saison übernehmen; den Ertrag hat er inzwischen in ein Pharmaunternehmen und in Immobilien investiert, allein in der türkischen Stadt Izmir sollen ihm 100 Häuser gehören.

Nützlich sind ihm auch die Kontakte in die Politik: Zwar ist Kücük im Jahr 2011 festgenommen worden – drei Jahre später weiß aber keiner der Ermittler, ob Kücük jemals verurteilt wurde; auch sein Aufenthaltsort ist nun unbekannt.

Heuer schon rund 1500 Opfer

Die Opferzahlen dieser dunklen Geschäfte sind schwindelerregend: Allein seit Jahresbeginn sind im Mittelmeer auf der Flucht nach Europa rund 1500 Menschen gestorben, im Jahr 2013 waren es fast 3500 Opfer. EU-Außenminister wollen sich diese Woche treffen, um über die europäische Flüchtlingspolitik zu beraten – die Erwartungen werden aber bereits im Vorfeld gedämpft: "Ganz schnelle Lösungen" werde es nicht geben, sagt etwa der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Als ersten möglichen Schritt nannte er eine Verbesserung der Seenotrettung.

EU-Kommissar Günther Oettinger forderte dazu die sofortige Wiederaufnahme des Rettungseinsatzes "Mare Nostrum". Das von der italienische Regierung finanzierte Programm, das mittlerweile vom EU-Grenzschutzeinsatz Triton abgelöst wurde, habe zwar nicht alles Leid verhindern, es aber zumindest lindern können. Die EU-Partner könnten nicht Italien und Griechenland die gesamte Aufgabe überlassen und müssten dringend mehr Geld, Mitarbeiter und Schiffe zur Verfügung stellen, so Oettinger. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz fordert Flüchtlingszentren in Nordafrika, um das Problem bereits vor Ort bekämpfen zu können. "Natürlich muss man auch Geld in die Hand nehmen", sagt er in Bezug auf die italienische Forderung nach finanzieller Unterstützung.

Steigende Flüchtlingszahlen

Nach Angaben des UNHCR wurde im vergangenen Jahr die höchste Zahl von Asylanträgen in Industriestaaten seit 22 Jahren verzeichnet. Insgesamt wurden im letzten Jahr geschätzte 866.000 Erstasylanträge gestellt – ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Erklärt wird der hohe Anstieg mit den Kriegen in Syrien und dem Irak – 150.000, also ein Fünftel aller Anträge, kamen aus Syrien. Die meisten Asylwerber weltweit wurden 2014 in Deutschland registriert: 173.000 Anträge gab es, ein Viertel davon von Syrern. Auf Platz 2 folgen die USA mit 121.000 Asylanträgen. Im Verhältnis zur seiner Einwohnerzahl ist Schweden das Land mit den meisten Asylsuchenden (im Durchschnitt 24,4 pro 1.000 Einwohner während der letzten fünf Jahre), gefolgt von Malta, Luxemburg, der Schweiz und Montenegro.

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