Inside FPÖ: Stolpert Strache über Stronach und das System Haider?

Inside FPÖ: Stolpert Strache über Stronach und das System Haider?

Ein Monat lang herrschte Stille. Facebook hatte die Strache-Seite gesperrt, die vielen Fans des FPÖ-Parteichefs warteten vergeblich auf Updates. Auch sonst waren Strache und seine Partei zuletzt kaum medial präsent. Dabei hatte die FPÖ die rot-schwarze Koalition in der ersten Hälfte der Legislaturperiode noch vor sich hergetrieben. Sogar der erste Platz schien damals in Reichweite.

Dann stieg Frank Stronach in die Politik ein, die FPÖ verlor der Reihe nach Landtagswahlen, und die Abgrenzung zum System Haider funktionierte plötzlich nicht mehr. Inzwischen sind die Blauen in Umfragen ziemlich exakt wieder dort angelangt, wo sie nach der Nationalratswahl 2008 gestartet waren.

Wie sehr schadet Strache das System Haider?

Lange sah es so aus, als könnte Parteichef Heinz-Christian Strache sich von der schwarz-blauen Regierungszeit und ihren juristisch-politischen Nachwehen gut abgrenzen. Doch seit seiner Versöhnung mit den Kärntner Freiheitlichen - damals noch unter Uwe Scheuch - und der Verurteilung des ehemaligen FPK-Chefs spürt die FPÖ die Folgen des Systems Haider. "Straches Feuermauer gegen Schwarz-Blau bröckelt“, sagt Politikwissenschaftler Peter Filzmaier.

Die FPÖ hat ein für sie wichtiges Thema verloren: "Sich als Antikorruptionspartei darzustellen, geht jetzt nicht mehr“, sagt Filzmaier. Wie stark sich das - auch unter Brücksichtigung immer zahlreicher anfallender Gerichtsurteile, die den blauen Dunstkreis betreffen - auf die Nationalratswahl auswirken wird, lässt sich schon vermuten. Munition gegen die FPÖ haben die anderen Parteien genug, etwa die - nicht rechtskräftige - Verurteilung des früheren FPÖ-Werbers Gernot Rumpold im Telekom-Prozess.

Was bedeuten die Kärntner Affären für die FPÖ?

Eine katastrophal verlaufene Landtagswahl, Korruptionsvorwürfe, innerparteiliche Streitigkeiten - die Versöhnung mit der früher so erfolgreichen freiheitlichen Landesgruppe in Kärnten hat sich Strache sicher anders vorgestellt.

In der Partei zeigt man sich trotzdem betont optimistisch. Mit einem ganz auf Strache ausgerichteten Wahlkampf soll zumindest das Ergebnis der Landtagswahl übertroffen werden. Generalsekretär Herbert Kickl: "Wir haben den personellen Schnitt in Kärnten gemacht, und die Wähler werden das honorieren.“

Zumindest rechnerisch dürfte die Rückkehr des früheren Kärntner BZÖ der Bundes-FPÖ tatsächlich guttun. Bei der Nationalratswahl 2008 erreichten die Blauen in Kärnten kein einziges Mandat, das BZÖ hingegen fünf. Selbst die 17 Prozent von der Kärtner Landtagswahl 2013 könnte Strache also auf Bundesebene als Netto-Zugewinn verbuchen. Dank der blauen Wiedervereinigung nach dem Kärntner Affären-Chaos wird die FPÖ Stimmen gewinnen, die man 2008 nicht hatte - und die zum Faktor für das blaue Bundesergebnis werden könnten.

Wer hat das Sagen in der FPÖ und wo bleibt der Nachwuchs?

Bestimmende Kraft in der blauen Hierarchie unter H. C. Strache ist Herbert Kickl, der als intellektueller Stratege der Partei gilt und Programm sowie Linie vorgibt. Weniger zu sagen hat hingegen der zweite Generalsekretär Harald Vilimsky.

Strache selbst ist parteiintern nicht mehr die unumstrittene Führerfigur, als die er in den vergangenen Jahren galt. Viel Macht liegt mittlerweile bei den blauen Burschenschaftern, wegen deren Einfluss der Parteichef auch den schwer angeschlagenen dritten Parlamentspräsidenten Martin Graf trotz dessen Verwicklungen in allerlei Kalamitäten lange nicht los wurde. "Stramme Hardcore-Ideologen“ seien die FPÖ-Burschenschafter, deutet der Journalist Hans Henning Scharsach in seinem Buch "Strache“ die Deutschtümelei an.

Zulauf erhält die FPÖ kurioserweise immer wieder aus dem Lager der wenig gebildeten jungen Immigranten, vor allem aus dem ex-jugoslawischen Raum. Nachhaltiger Nachwuchs für die Parteikader lässt sich daraus jedoch kaum rekrutieren, der kommt derzeit hauptsächlich aus den Burschenschaften. Daher ist auch die Installierung der Tochter des ehemaligen blauen Parteichefs Norbert Steger als Versuch Straches zu werten, sich aus der Umklammerung der Korporierten zu befreien.

Welche Rolle spielen junge Wähler für Straches Wahlkampf?

Straches 137.000 Fans auf Facebook werden gerne als Beleg genommen, dass der FPÖ-Chef gerade bei jungen Wählern beliebt ist. Tatsächlich liegt die Partei in Umfragen vor allem bei Männern unter 30 regelmäßig vorne.

Strache versucht daher, jugendliche Akzente zu setzen. Comics, Rapmusik und Clubbesuche spielen eine wichtige Rolle im blauen Kampf um Wähler. Davon fühlen sich laut Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung aber nicht alle Jugendlichen gleichermaßen angesprochen: "Strache erreicht vor allem die soziale Unterschicht und die verrohte Bürgerlichkeit, die sich aus der Solidargemeinschaft verabschiedet hat.“

Für die Wahl spielen die Jungen aber ohnehin keine tragende Rolle. Denn zahlenmäßig bleiben sie weit hinter anderen Gruppen zurück. Es gibt mehr Pensionisten als Jugendliche.

Kostet Frank Stronach die FPÖ den Wahlerfolg?

Mit dem Team Stronach steht der FPÖ ein besonders unangenehmer, weil noch populistischer agierender Gegner gegenüber. "Plötzlich müssen sie um Aufmerksamkeit kämpfen, die sie vorher abonniert hatten“, sagt Meinungsforscher Christoph Hofinger vom SORA-Institut. Außerdem ist Stronach ein Magnet für EU-kritische Protestwähler, die aber die FPÖ-Ausländerpolitik ablehnen.

Jeder siebte FPÖ-Wähler wechselte bei den den Landtagswahlen in Salzburg, Kärnten und Niederösterreich zu Stronach. Bei der Nationalratswahl würde das die Blauen 2,5 Prozentpunkte kosten - auch weil der FPÖ ihre Kernkompetenz als populistische Protestpartei abhanden gekommen ist. Tatsächlich verliert die FPÖ genau seit Stronachs Einstieg in die Politik an Boden.

War Heinz-Christian Strache kurz davor noch nahe dran, die ÖVP und selbst die SPÖ in der Wählergunst zu überholen, könnte er wegen des Auftauchens von Frank Stronach straucheln. Statt um den Kanzlerjob kämpft er nun ums Überschreiten der 20-Prozent-Marke - und das möglicherweise auf verlorenem Posten, wie die Umfragen prognostizieren.

Bis zur Wahl muss die FPÖ also eine Antwort auf Stronach finden. Dabei dürfte sie in der Endphase des Wahlkampfs bei altbewährten Mustern landen und - ob auf Facebook oder Plakaten - ausländerfeindliche Themen strapazieren. "Glauben Sie mir“, sagt Meinungsforscher Peter Hajek, "der klassische FPÖ-Wahlkampf kommt noch“.

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Franz C. Bauer, trend-Redakteur

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