Inflationsalarm

Inflationsalarm

Experten wie die Chefs der Deutschen Bank rechnen für die kommenden Jahre mit einer kräftig ansteigenden Inflationsrate. Das sei der Preis für die lockere Geldpolitik zur Rettung des Euro.

Da haben wir den Salat: Um 37 Prozent ist das grüne Gemüse heuer teurer als 2011, und schon damals kostete es deutlich mehr als im Jahr zuvor. Auch für eindeutig weniger grüne Produkte muss man immer tiefer in die Tasche greifen: Eurosuper zum Beispiel war noch nie so teuer wie diese Woche, es erreichte mit einem Durchschnittspreis von 1,534 Euro pro Liter laut ARBÖ ein neues Allzeithoch. Bei jedem Stopp an der Tankstelle, bei jedem Einkauf im Supermarkt spürt man es: Wir bekommen immer weniger für unser Geld.

Die Gesamtinflation liegt zwar mit 2,2 Prozent im August nur knapp über dem Zielwert von 2 Prozent - doch das könnte sich ändern. Die Inflation könnte kräftig steigen, denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Geldschleusen geöffnet. "Kommt die Inflation, oder kommt sie nicht?“, lautet dieser Tage deshalb eine der am häufigsten gestellten Fragen an Ökonomen. Dabei müsste die eigentliche Frage wohl nur lauten: "Wann kommt sie?“

"Die Zeichen stehen klar auf Inflation“, bestätigt Thomas Gehrig, Professor an der Universität Wien. Wann es mit dem Preisschub aber wirklich losgeht und welche Zuwachsraten zu erwarten sind, sei schwer zu sagen. Steigerungen von 3,5 bis 4 Prozent hält Gehrig für realistisch. Superfund-Gründer Christian Baha schließt mittelfristig 10 bis 15 Prozent Inflation in den nächsten Jahren nicht aus. Werte, bei denen gerade in Österreich und Deutschland die Alarmglocken schrillen, denn zu düster sind die Erzählungen von der mehrmaligen Geldentwertung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die meisten Experten halten diese Werte jedoch für überzogen, einige rechnen in Europa kurzfristig sogar mit der umgekehrten Entwicklung, einer Deflation. Mittelfristig sieht das jedoch anders aus. "Die Inflationsgefahr ist real“, betont Gehrig, "was uns jetzt noch davor schützt, ist, dass es noch Kapazitäten bei der Produktion gibt.“ Doch sobald die Industrie voll ausgelastet sei und die Wirtschaft anspringe, würden höhere Preise die Folge sein.

Notenbanken auf Ausgabekurs

Der Grund für diese neuerliche Inflationserwartung sind nicht nur die steigenden Kosten für Nahrungsmittel und Energie, sondern die neue Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die sich mittlerweile ähnlich verhält wie die US-Notenbank Fed: Erstens hält sie den Leitzinssatz momentan auf einem Rekordtief von 0,75 Prozent, angesichts der schwachen Wirtschaft ist keine Steigerung in Sicht. Im Gegenteil: Weitere Senkungen werden im Moment nicht ausgeschlossen. Der Zinssatz überträgt sich auf die Kreditzinsen, man kommt also momentan verhältnismäßig günstig an Geld. Bankberater berichten von Privatkunden, die ohne wirklichen Bedarf derzeit einen Kredit mit fixer Verzinsung aufnehmen - offenbar um sich damit gegen eine mögliche höhere Inflation zu wappnen.

Gleichzeitig stützt die Zentralbank die europäischen Banken mit sehr günstigen Krediten. Rund 1,5 Billionen Euro hat sie über ein spezielles Programm den Instituten zur Verfügung gestellt und dadurch die Geldmenge wieder ausgeweitet. Und drittens wird die EZB auch durch weitere Anleihenkäufe für mehr Geld sorgen, vor allem bei den Banken, die momentan auf den Krisenpapieren sitzen. Für die Chefs der Deutschen Bank ist eine höhere Inflation daher der Preis für die Euro-Rettung.

Solange die Wirtschaft weiter vor sich hin dümpelt, wie sie es momentan tut, und Kredite von Unternehmen weniger nachgefragt werden, stellt das kein großes Problem dar. "Aber sobald sich die Situation beruhigt und die Geschäftsbanken das Geld über Kredite an die Wirtschaft weitergeben, besteht Inflationsgefahr“, sagt Thomas Hürlimann, Ökonom an der französischen Universität Angers.

Kalte Enteignung

Aber wäre das wirklich so schlimm? Selbst der Internationale Währungsfonds hat vor wenigen Monaten zwischenzeitliche Inflationsraten von vier Prozent für durchaus verkraftbar erklärt. Auch in Europa finden sich Fürsprecher einer weicheren Geldpolitik, weil der schwächere Euro für mehr Exporte sorgen könnte. Und gerade für die Staatsschulden-Problematik wären die Folgen der Inflation positiv: Sie würden bei einer hohen Inflation bei niedrigen Zinsen real Jahr für Jahr weniger. "Seine Schulden über Inflation abzubauen kann allerdings, wenn überhaupt, nur längerfristig funktionieren. Immer vorausgesetzt, dass gleichzeitig eine dynamische Wirtschaft für mehr Steuererträge sorgt“, warnt Hürlimann.

Während die Inflation die Schuldner belohnen kann, straft sie die Sparer: Liegen die Zinsen unter der Inflationsrate, schrumpft das Vermögen. Auch die Erträge von Lebens- und Pensionsversicherungen schwinden. Finanzielle Repression nennen das Ökonomen, andere sprechen von kalter Enteignung, die geräuschlos und langsam vor sich geht und gar nicht jedem gleich auffällt.

Nachdem etwa in Deutschland viele Verträge nicht automatisch an den Preisindex angepasst werden, ist gerade dort die Angst vor einer Armut im Alter bereits besonders ausgeprägt.

Geldmenge verknappen

Noch besteht die Hoffnung, dass eine stärkere Inflation ausbleibt. Theoretisch nämlich ist es möglich, dass die EZB das Geld, das sie in großen Mengen ausgibt, auch wieder einsammelt. Sie könnte dann, sobald die Wirtschaft anspringt, ihre kurzfristigen Geldvergaben an Banken zurückfahren oder sogar einstellen. Sie könnte auch die Anleihen, die sie nun aufkaufen wird, wieder am Markt abgeben. Einige Experten halten das allerdings für unwahrscheinlich. "Würde die EZB Staatsanleihen verkaufen, sobald sich die Situation stabilisiert, könnte sie die Ruhe damit schnell wieder aufs Spiel setzen“, so der Ökonom Hürlimann. "Die gesamte Wirtschaftslage ist fragil.“ Er hält es deshalb für wahrscheinlicher, dass eine höhere Inflation in Kauf genommen wird.

Die Vorboten sind bereits sichtbar: Investoren ziehen ihr Geld aus Eurokrisenstaaten ab. Viele flüchten in Sachwerte wie Eigentumswohnungen und Wohnhäuser, deren Preise auch in Österreich zuletzt stark gestiegen sind. An den Kursen für Edelmetalle lässt sich die Inflationsangst ebenfalls ablesen: Seit das deutsche Bundesverfassungsgericht vergangene Woche mit seiner Entscheidung grünes Licht für den Eurorettungsschirm ESM - und somit die Haftungsgemeinschaft der Euroländer - gab, ist der Goldkurs deutlich gestiegen. Auch dass der Ölpreis trotz schwacher Konjunktur wieder anzieht, wird als Zeichen für weiter steigende Inflation gesehen. Das könnte aber auch ein Zeichen für Spekulation sein: Wenn zu viel Geld im Umlauf ist, es aber zu wenige Investitionsmöglichkeiten gibt, können an vielen Stellen neue Spekulationsblasen entstehen.

"Wir sind schon mitten drin in einer Inflationswelle“, sagt Superfund-Chef Christian Baha. "Jedermann spürt, dass der Euro an Wert verliert.“ Zuletzt lag die Teuerungsrate in Österreich bei 2,2 Prozent. Die offiziellen Zahlen werden aber vielerorts angezweifelt. "Die veröffentlichten Raten stimmen nicht, das merkt man beim Tanken und beim täglichen Einkauf“, sagt Elmar Podgorschek, Finanzsprecher der Freiheitlichen. Für Baha liegt die wahre Inflation in Österreich zwischen 5 und 7 Prozen. "Der Warenkorb ist falsch zusammengestellt“, sagt er.

Dem widerspricht Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria. "Der Verbraucherpreisindex spiegelt den Preisanstieg eines durchschnittlichen Warenkorbs wider“. Weil sich dieser nicht nur aus den alltäglichen Einkäufen speist, deckt er sich zwar scheinbar nicht mit unseren Alltagserfahrungen, entspreche aber sehr wohl dem durchschnittlichen Ausgabeverhalten.

Höhere Inflation

Ab welcher Höhe Inflationsraten überhaupt zum Problem werden, lässt sich schwer sagen. Einige Länder leben auch mit Raten über zehn Prozent gut. "Das ist von Land zu Land unterschiedlich“, sagt Gehrig. Dort, wo in vielen Verträgen eine Anpassung an die Inflation vorgesehen sei, wie in Österreich, sei Inflation in Höhe von drei, vier Prozent weniger ein Problem. Auch in Südeuropa sei man galoppierende Preise mehr gewohnt. In Deutschland, wo Preisstabilität oberstes Ziel der Bundesbank ist, löst jeder Anstieg gleich große Sorgen aus, die auch auf Österreich überschwappen.

Steigender Widerstand gegen die "italienische“ Politik der Europäischen Zentralbank macht sich in Deutschland schon breit. Laut Umfragen sind zwei von drei Deutschen der Meinung, dass es ihnen persönlich besser ginge, wenn es anstelle des Euros noch die D-Mark gäbe.

EZB-Chef Mario Draghi bekennt sich zwar zu einer Politik der Geldwertstabilität. Einige befürchten allerdings, dass er das "italienischer“ interpretiert und auch andere Ziele in den Vordergrund rückt. Und dass in weiterer Folge nicht nur der Salat, sondern auch alles andere Jahr für Jahr deutlich teurer wird.

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