Im Kurs geparkt: Weiterbildungen für AMS-Kunden machen oft nur begrenzt Sinn

Findet das Arbeitsmarktservice für seine Kunden keinen Job, schickt es die Arbeitslosen in Kurse. Das verschönert die ­Statistik – doch sinnvoll ist es vielfach nicht.

Heute muss Herbert Schmidt ( im Bild ) schallend lachen, wenn er an seine AMS-Erfahrungen zurückdenkt. Nach seinem Grafik-Design-Studium hoffte er, im Herbst 2008 mithilfe des Wiener Arbeitsmarktservice einen Job zu finden, musste aber bald feststellen, dass Service und professionelle Beratung manchmal nur auf der Stempelkarte stehen (siehe auch Bildergalerie der AMS-Kursbesucher ) .

Grafiker im Kochkurs
Als die Jobsuche mangels Angeboten nicht auf Anhieb klappte, wurde ihm ein Kurs verordnet. Zur Auswahl standen Deutsch, Englisch und EDV für Anfänger. Der Englisch-Trainer riet Schmidt, der seine Diplomarbeit auf Englisch verfasst hatte, dezidiert von der Teilnahme ab. Also musste er nehmen, was übrig war – und landete für drei Wochen in einem Kochkurs. Das war die einzige Möglichkeit, sagt Schmidt: „In den anderen Bereichen war ich weit über das Anfängerniveau hinaus.“ Die begehrte Arbeit als Grafiker folgte darauf nicht, stattdessen gab es einen weiteren dreiwöchigen AMS-Kurs, dieses Mal zur „Jobaktivierung“. Und obwohl er als ehemaliger FH-Student durchaus in der Lage war, einen Bewerbungsbrief zu ver­fassen, musste Schmidt auch hier bis zum Schluss dabeibleiben. Heute hat er (ohne AMS-Hilfe) einen Job bei einem internationalen Internet-Design-Unternehmen und nimmt es mit Humor: „Immerhin freut sich meine Freundin darüber, dass ich ihr nun ein Abendessen zaubern kann.“ Humor, der nicht nur anderen Kursteilnehmern, sondern auch dem Steuerzahler wohl fehlt. Vor allem wenn man weiß, was solche Kurse kosten: je nach Art und Dauer des Kurses 880 bis 1.500 Euro pro Person.

320.000 Menschen ohne Job
Derzeit stehen beim AMS schon weit mehr Menschen Schlange als im vergangenen Herbst: Die Arbeitslosigkeit steigt, schon im April waren um 25 Prozent mehr arbeitslos als im Vorjahr – 258.240. Rechnet man jene dazu, die in Schulungen stecken, sind 322.409 Menschen in Österreich ohne Arbeit. Und die Krise zieht ihre Kreise: Nach Leih- und Industriearbeitern folgen Kündigungen in Speditionen, mangels Kaufkraft sind als Nächste Dienstleis­tungen und der Tourismus dran. Manche Experten sprechen von bis zu 500.000 Arbeitslosen bis zum Jahresende: Auf das AMS kommt ein Ansturm von Jobsuchenden zu. Und ein guter Teil davon wird in Kursen verschwinden. Denn wer geschult wird, scheint in der Statistik nicht auf. Immerhin: Das Budget wurde aufgestockt, heuer bekommt das Arbeitsmarkt­service eine Milliarde Euro anstelle der 880 Millionen im letzten Jahr. Es wird allerdings auch großzügig ausgegeben: Rund 700 Millionen sind für die Qualifizierung reserviert. Der Großteil dieser Kurse bietet Stapler-Führerscheine, EDV- oder Sprachkurse, Buchhaltung und Ausbildungen zur Heimhelferin. 15 Prozent fließen in Coachings und Bewerbungstrainings.

Schulungsabsurditäten
Was auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, entpuppt sich in der Praxis allerdings oft als Humbug. Der 24-jährige Michael G. etwa langweilt sich seit drei Wochen bei EDV-Basics, obwohl er mit dem Computer bereits als Kind umgehen konnte. Einziger Nutzen: „Mein Auftritt bei Facebook hat jetzt zahlreiche Einträge mehr.“ Der 60-jährige Erich Eichinger durfte so manchen Kurs mit denselben Inhalten bereits zum fünften Mal besuchen. Darunter war auch ein Englisch-Kurs – und das, obwohl der Speditionskaufmann acht Jahre in Hongkong lebte und bilin­gual erzogen wurde. Noch absurder traf es Gabriele S.: Der gebürtigen Österreicherin wurde von ihrer AMS-Beratung ein Deutschkurs für Migranten aufgebrummt. Später hatte sie zwar mehr Glück und bekam eine Aus­bildung zur Bilanzbuchhalterin zugeteilt. Allein, arbeiten kann sie damit nicht. Denn das AMS bezahlte zwar den Kurs, nicht aber die Prüfungsgebühr.

Wenig Flexibilität
Mit solchen Kurs­vergaben konfrontiert, gesteht AMS-Geschäftsführer Johannes Kopf „klare Fehler, die korrigiert werden“ ein und erklärt: „Bei den großen Mengen an Kunden im großstädtischen Bereich und der knappen Zeit gelingt die individuelle Beratung nicht immer in der Qualität, wie wir uns das wünschen.“ Die passende Verteilung der Kursmaßnahmen bleibt demnach in manchen Fällen auf der Strecke. Herbert Schmidt formuliert das weit drastischer: „Das AMS gibt für nichts Geld aus.“ Sinnvolle Kurse sind für viele nicht zu finden. Anna P. aus Graz erklärt, warum: „Die Kurse müssen mindestens zehn Wochenstunden umfassen und dürfen nicht am Abend stattfinden. Es bleiben also nur jene, die extra für das AMS geschaffen wurden.“ Außerdem kommen für P., die eine kaufmännische Ausbildung hat, nur Sprachkurse oder kaufmännische Kurse infrage – meist unter ihrem Niveau. Eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin, die sie selbst finanzieren wollte, wurde ihr verwehrt: Sie müsse tagsüber für die Jobsuche zur Verfügung stehen, erklärte man ihr beim AMS.

Aktivierungskurs mal sechs
Nutznießer sind also auch die Institute, die über das AMS Kurse anbieten – die allerdings auch daran ­gemessen werden, wie viele der Kursbesucher danach „in Arbeit kommen“. Folge: „Viele werden in Praktika oder Zeitarbeitsfirmen gepresst“, sagt Anna P. Am unbeliebtesten sind Kurse zur „Aktivierung“, die auch unter dem Titel Jobcoaching oder Bewerbungstraining laufen. Manchen nützt das – viele langweilen sich. Sonja Baumgartner etwa musste denselben Kurs namens Jobcoaching gleich sechsmal besuchen – allerdings mit widersprüchlichen Erfahrungen: Während der eine Coach ihre Formulierung „mit Auszeichnung bestanden“ als zu hochtrabend kritisierte, riet ihr ein anderer dazu, ihren berufsbegleitenden Matura-Abschluss als „zweitklassigen Abschluss“ gleich ganz aus der Vita zu streichen. Und als sie sich auf ein vom Coach ausgeteiltes Inserat hin bewerben wollte, meinte dieser nur: „Lassen Sie es bleiben. Sie sind für diesen Job ohnehin zu alt.“

Die Macht des AMS
Trotz all dem gilt: Die Kurse müssen besucht werden – wer sich weigert, dem wird der Bezug gestrichen. Auch wenn ein Kurs manchmal nur einen einzigen Zweck hat, wie Kopf zugibt: die Leute daran zu hindern, sich in ihrer Arbeitslosigkeit gemütlich einzurichten. Allerdings präzisiert er: Das Arbeitslosengeld darf nur gesperrt werden, wenn „das AMS begründen kann, warum der Kurs für die konkrete Person sinnvoll ist.“ Um gegen unberechtigte Sperren vorzugehen, organisieren sich Arbeitslose mittlerweile. Beratung gibt es bei selbst organisierten Initiativen wie dem Verein Amsel in Graz, bei „Am Sand“ und den Treffen des Arbeitslosennetzes in Wien – oder dem Rechtsanwalt Herbert Pochieser. Letzterer geht davon aus, dass „Sperren oftmals missbräuchlich verhängt werden“. Natürlich hänge es von der Sachlage ab, aber: „Bei den von mir vor Gericht Vertretenen stellte sich heraus, dass einhundert Prozent der Beschwerden wegen ihrer Kurszuweisungen berechtigt waren.“

Skurrile Bewerbungsgespräche
Berechtigte Beschwerden könne man bei den Ombudsstellen des Arbeitsmarkt­service deponieren – oder gleich beim Leiter: „Um die Personen, mit denen ­FORMAT gesprochen hat, kümmere ich mich, wenn sie das wollen, per Mail höchstpersönlich“, versichert AMS-Chef Kopf. Doch auch Menschen, denen ein Job vermittelt wurde, fühlen sich vom AMS oft gemobbt. Grundsätzlich gilt: „Sobald mit dem Notstandshilfebezug jede Arbeit zumutbar ist, ist ein Aussetzen des AMS-Bezugs bei Verweigerung gesetzeskonform.“ Das führt manchmal zu skurrilen Bewerbungsgesprächen: Markus Moschner etwa, Mathematiker mit akademischem Abschluss, muss­te sich als Fiakerfahrer, Küchengehilfe und Metallarbeiter vorstellen – wie zu erwarten, erfolglos. Er vermutet eine Racheaktion. Denn die Angebote trafen per Einschreiben erst ein, nachdem er dem AMS indirekt mit Klage gedroht hatte.

Nach drei Wochen langzeitsarbeitslos
Auch Andrea Mayer-Edoloeyi staunt über ihre erste Jobzuweisung: Die Erwachsenenbildnerin mit 16 Jahren Berufserfahrung und fast fertigem Theologiestudium wurde nach nur drei Wochen Arbeitslosigkeit an ein Sozialprojekt für Langzeitarbeitslose vermittelt: Dort sollte sie unter sozialarbeiterischer Betreuung Altkleider verkaufen. Der Beraterin war nicht zu vermitteln, dass Mayer-Edoloeyi nicht zur Zielgruppe solcher Projekte zählt. Als sie sich bei der Arbeiterkammer und dem ÖGB ­beraten ließ und der AMS-Beraterin davon erzählte, nahm diese zwar von solchen Jobangeboten Abstand – verpflichtete Edoloeyi unter Androhung der Sperre aber zu einem Kurs. Inhalt: „Geschäftsbedingun­gen des AMS.“ Mayer-Edoloeyi brauchte den Inhalt nicht lange, sie fand nach wenigen Wochen ihren Traumjob. Allerdings ohne Hilfe des AMS.

Von Selina Kolland, Martina Madner und Corinna Milborn

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