Im Brennpunkt: Österreichs Geschäfte in Nordafrika und Nahost

Die Protestbewegung in Nordafrika breitet sich immer weiter aus – und verändert auch die wirtschaftliche Landkarte für Österreichs Unternehmen. Während OMV, Asamer und Porr um Millioneninvestitionen und -aufträge in Libyen zittern, investiert Agrana bereits wieder in Ägypten.

Im ersten Moment klingt es wie Ironie: „Kommunikation in der Krise“ heißt ein Seminar, das die deutsche Handelskammer jetzt in Tunis anbietet. Zielgruppe sind allerdings nicht langjährige Diktatoren und Herrscherclans, die in Nordafrika und dem Nahen Osten derzeit blutig um den Erhalt ihrer Macht kämpfen, sondern die Unternehmer und Manager des „neuen“ Tunesiens. In Tunesien und Ägypten beginnen langsam die Nachrevolutionszeiten, während in Libyen die Barrikaden brennen und Unternehmen wie die OMV, Asamer und Porr sich weniger um die Zukunft des Geschäfts als um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sorgen.

Nach wie vor ist nicht absehbar, ob der Funke der Volksrevolutionen noch auf weitere Staaten in Nordafrika und dem Nahen Osten übergreift. Dann müssten sich auch große österreichische Unternehmen Gedanken um das Geschäft in der Wachstumsregion machen. Allein in Libyen geht es für drei heimische Schwergewichte um viel:

Die OMV fördert dort zehn Prozent ihrer Gesamtproduktion an Öl und schließt auch einen zeitweiligen Totalausfall nicht mehr aus.

Der Zementhersteller Asamer hat sich für 125 Millionen Euro drei Werke einverleibt und weitere 45 Millionen Euro in deren Modernisierung investiert.

Der Bauriese Porr hat den Zuschlag für das neue Fußballstadion in Tripolis ergattert. Der Auftragswert: 200 Millionen Euro. Wie es damit weitergeht, weiß momentan niemand.

Auch wenn in diesen Tagen der Freiheitskampf in Libyen im Fokus steht – Nordafrika ist wie der Nahe Osten eine Hoffnungsregion für westliche Unternehmen. Noch spielen die Maghreb-Staaten für Österreichs Wirtschaft im Vergleich zu Osteuropa zwar eine untergeordnete Rolle, doch ihre Bedeutung wächst.

Rinder für Marokko

Nach Angaben der Wirtschaftskammer sind die österreichischen Exporte nach Afrika zwischen 2004 und 2009 um mehr als 30 Prozent auf knapp 1,4 Milliarden Euro gestiegen (nur ein Drittel davon entfällt auf Südafrika). Mittlerweile gehen sieben Prozent aller exportierten Waren nach Afrika und in den Nahen Osten, mehr als doppelt so viel wie in die GUS-Staaten. Allein die Ausfuhren nach Marokko, wo sich ebenfalls erste Unruhen regen, sind im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel gestiegen, bestätigt der dortige Außenhandelsdelegierte Manfred Schmid. Begehrte Produkte aus Österreich sind neben Holz, Papier und Maschinen auch Zuchtrinder, die sich auch in Algerien großer Beliebtheit erfreuen.

Exportschlager Richtung Nordafrika ist aber vor allem österreichisches Know-how bei Bau- und Infrastrukturprojekten. Davon profitiert auch die Strabag, die die Umwälzungen in Libyen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Der Baukonzern ist dort bei mehreren Projekten engagiert, die bisher alle über staatliche Partner liefen – und zittert um eine halbe Milliarde Euro Auftragsvolumen. Dazu zählt die groß angelegte Erneuerung von Tajura, einem Vorort von Tripolis. Bis 2012 sollen dort ein komplettes Wasser- und Abwassernetz neu entstehen sowie weitere Versorgungsleitungen für Strom und Telefon – insgesamt 200 Kilometer Rohre. Auftragsvolumen: 434 Millionen Euro. Das Projekt ist zur Hälfte umgesetzt – Zukunft ungewiss. Auch wie es mit der Instandsetzung der Küstenautobahn zwischen Ras Ejdir und Garaboulli sowie der neuen Westeinfahrt nach Tripolis weitergeht, ist offen. Weitere geplante Projekte liegen allesamt auf Eis, heißt es aus der Strabag-Zentrale.

Österreichische Mitarbeiter ausgeflogen

Wie es in Libyen weitergeht, weiß man auch beim Baustoffproduzenten Asamer nicht. „Wir müssen jetzt abwarten“, sagt eine Konzernsprecherin. Asamer hat seine drei Zementwerke heruntergefahren und über 40 internationale Mitarbeiter aus dem Krisengebiet geholt. Ein Österreicher, zwei Tschechen und ein Kolumbianer, die nicht mehr abfliegen konnten, sollen per Schiff nach Europa geholt werden. „Seit Tagen haben wir jedoch keinen Kontakt zu ihnen“, so die Sprecherin. Die Werke sind immerhin unbeschädigt geblieben, lediglich einige Fahrzeuge verschwunden. Völlig ungewiss ist, wie es mit dem geplanten Bau von 10.000 Wohnungen weitergeht, für die Asamer um 90 Millionen Euro Zement liefern sollte.

Entspannter sieht man bei Asamer die Situation in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo die Oberösterreicher seit 1983 aktiv sind – in Abu Dhabi mit einem Zementwerk und in Ras al Khaimah mit dem größten Steinbruch der Gruppe, in dem jährlich fünf Millionen Tonnen Material gefördert werden. Damit will Asamer vor allem vom Bauboom in Katar, speziell durch die Fußball-WM 2022, profitieren.

Auf diesen weiteren Bauboom setzt nach wie vor auch der zur Umdasch-Gruppe gehörende Schalungsbauer Doka, für den der Bau des neuen Flughafens in Doha zu den Prestigeprojekten in der Region gehört. „Wir sind seit rund 30 Jahren auf der Arabischen Halbinsel präsent und erzielen dort 15 bis 20 Prozent des Konzernumsatzes“, sagt der Arabien-Verantwortliche Leopold Hochpöchler. Momentan sieht er keine politische Gefahr für die weiteren Projekte in der Region, etwa die Erweiterung der berühmten Shamiyah-Haram-Moschee in Mekka oder den 381 Meter hohen Elite Residence Tower in Dubai.

„In Nordafrika machten wir bisher nur unter fünf Prozent unseres Umsatzes“, sagt Kurt Steindl, Leiter des Afrika-Geschäfts von Doka. Er steht in ständigem Kontakt zu Mitarbeitern in Libyen, Ägypten, Tunesien, Algerien und Marokko. „Aus Libyen haben wir fünf Sales-Mitarbeiter abgezogen. Die elf Mitarbeiter, die Doka während der Unruhen aus Tunesien ausgeflogen hat, sind bereits wieder vor Ort.“ Die Zukunft in Libyen, wo Doka in Tripolis am Wolkenkratzer Burj al Bahar baut, ist jedoch überhaupt nicht abschätzbar.

Auftraggeber Staat

Ungewiss ist die Zukunft vor allem für Unternehmen, deren Verhandlungspartner staatliche Institutionen sind. Wie beim Krankenhaus-Spezialisten Vamed, der Spitäler in den libyschen Städten Tripolis und Gharian auf Vordermann bringt. „Wir stellen uns solche Fragen nicht“, sagt Vamed-Sprecher Ludwig Bichler, „für uns zählt derzeit nur die Sicherheit unserer Leute.“ Ähnliches gilt für die OMV, die nach italienischen Gesellschaften einer der großen Player im dortigen Ölgeschäft ist: Jeder achte Liter, der in der libyschen Wüste gefördert wird, geht nach Österreich.

Neustart in Ägypten

Deutlich entspannter sind österreichische Unternehmen, die in Ägypten und Tunesien aktiv sind. Der Zuckerverarbeiter Agrana hofft, im April mit einem neuen Fruchtverarbeitungswerk im Großraum Kairo starten zu können. In Marokko hat die Agrana zwei Werke, in denen Erdbeeren verarbeitet werden und im vergangenen Jahr acht Millionen Euro umgesetzt wurden. Gemessen am Gesamtumsatz von zwei Milliarden Euro, ist das bescheiden, aber, so Unternehmessprecherin Ulrike Middelhoff: „Nordafrika ist einer unserer wichtigsten Zukunftsmärkte.“

Auch im Werk von Mayr-Melnhof in Tunesien wird wieder gearbeitet, „wenn auch mit Unterbrechungen, weil es gelegentlich Logistikprobleme gibt“, wie Unternehmenssprecher Stephan Sweerts-Sporck sagt. Der Kartonhersteller ist seit 2006 in Tunesien und produziert dort Faltschachteln für die Verpackung von Lebensmitteln. „Für uns war das der Einstieg in einen Hoffnungsmarkt bei überschaubarem Risiko“, so Sweerts-Sporck, „die Investition liegt im einstelligen Millionenbereich.“

Der hohe Anteil junger Menschen an der Bevölkerung lockt nicht nur Großkonzerne in die Region. Der oberösterreichische Mittelständler Backaldrin hat seit 2006 ein eigenes Werk mit 40 Mitarbeitern in Jordanien und produziert von Amman aus Backprodukt-Grundstoffe für die gesamte Region. Erst vergangenes Jahr wurden zwei Millionen Euro in die Erweiterung gesteckt. „Unser Tochterunternehmen dort entwickelt sich sehr positiv“, sagt Sprecher Wolfgang Mayer, „wir sehen Jordanien als stabiles Land und haben weitere Expansionspläne.“

– M. Bachler, J. GuCanin, A. Johannsen, A. Mueller

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In einem sind sich die 27 EU-Mitgliedsstaaten bereits einig: Gegen Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi werden wegen der massiven Gewalt gegen Demonstranten Sanktionen verhängt. Uneinigkeit herrscht hingegen darüber, wie die Wiederaufbau-Hilfen nach erfolgreichen Revolutionen wie in Tunesien oder Ägypten aussehen sollen. Die südlichen Länder präferieren den Vorschlag von Italiens Außenminister Franco Frattini. Der sieht ein Art Marshallplan mit gut dotierten Wirtschaftshilfen vor – in Diskussion sind bis zu 2,5 Milliarden Euro Direkthilfe und sechs Milliarden Euro Kreditvolumen und Garantien. Dazu müsste allerdings erst das Mandat der EU-Hausbank EIB erweitert werden, denn Kredite für Drittstaaten sind im Moment beschränkt. Und einige Länder, allen voran Deutschland und Großbritannien, stehen dem Plan skeptisch gegenüber.

Geld für Demokratie

Wahrscheinlicher ist deshalb ein Ausbau der „ Union für den Mittelmeerraum“, innerhalb deren schon jetzt EU-Geld als konkrete Budget- und Projekthilfe gewährt wird – wenn sich die Länder im Gegenzug zu politischen Maßnahmen verpflichten, die den Demokratisierungsprozess vorantreiben.

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