IHS-Direktor Felderer: "Verschrottungsprämie kurbelt die Wirtschaft anderer Länder an"

Länder wie Österreich und Deutschland, die Investitionsgüter produzieren, trifft die Krise laut IHS-Chef Felderer früher als andere.

Format: Wo sehen Sie die Unterschiede der Auswirkungen der Krise auf Österreich und Deutschland?
Bernhard Felderer: Beide Länder wurden über Exporte getroffen. Die Deutschen früher und heftiger, aber es ist völlig klar, dass die Schädigung auch in Österreich über diesen Kanal kommt. Sie trifft bereits Autozulieferer, Maschinenbauer, die Papier- und Holzindustrie. Österreich hatte allerdings mehr Ausgleich im Osten, der konjunkturell nach wie vor nicht so schlecht liegt. Da die Krise von Westen nach Osten zieht, könnte es auch bei uns noch Nachzieheffekte geben. Beide sind zudem – im Unterschied zu Franzosen oder Italienern, wo Konsumgüter und Haushaltsartikel eine größere Rolle spielen – Exporteure von Investitionsgütern. Das bedingt aber im Wirtschaftsabschwung einen stärkeren Exportrückgang, zum Beispiel bei Stahl und Maschinenbau. Im Wirtschaftsboom haben sie dafür überproportionale Impulse.

Über die Grenze geschaut
Format: Federt die Dienstleistungsorientierung Österreichs die Finanzkrise ab?
Felderer: Wir haben anteilsmäßig eine stärkere Tourismus- und Bauwirtschaft als die Deutschen. Beides läuft noch sehr gut, deshalb schätzten wir die Auswirkungen der Krise auch immer geringer ein. In Deutschland hat die Bauwirtschaft bereits ein Nullwachstum, während in Österreich die Abschwächung ab Mitte des Jahres abgefangen werden könnte. Allerdings werden wir uns durch die enge Industrieverflechtung nicht ganz abkoppeln können.
Format: Über die Grenze nach Deutschland zu schauen ist gerechtfertigt?
Felderer: Ja, denn außer den Exporten nach und Importen aus Deutschland gibt es sehr viele gemeinsame Firmen. Diese planen global, deshalb sind auch die Investitionen der Standorte in Österreich betroffen. Viele deutsche Firmen haben außerdem Eigentum in Österreich, etwa in der Medienbranche. Auch hier gilt: Wenn die Inhaber betroffen sind, wird auch in Ländern, in denen man gut verdient hat, gespart. Außerdem wirken sich die Veränderungen auf den Aktienmärkten weltweit aus, wobei die USA zwar dominieren, für Österreich aber auch die Frankfurter Börse eine richtungsweisende Rolle spielt.

"Ökologische Dimension fehlt"
Format: Beide Länder arbeiten sehr traditionell mit Investitionen in der Bauwirtschaft. Fehlt das Innovative?
Felderer: Eine ökologische Dimension fehlt in der Tat. Die Konjunkturpakete sind in der Panik, dass Arbeitsplätze verloren gehen könnten, nur arbeitsplatzsichernd konzipiert. Man könnte die Bundesländer ins Boot holen und die Wohnbauförderung von ein paar Prozentpunkten auf einhundert Prozent thermische Sanierung umstellen. Das würde nicht viel kosten, die Bauordnungen der Länder müssten nur geändert werden. Warum das seit Jahren nicht passiert, ist mir ein Rätsel.
Format: Die Verschrottungsprämie wird als ökologische und arbeitsrettende Maßnahme verkauft. Ist sie das?
Felderer: Hier gibt es große Unterschiede: Deutsche fahren deutsche Autos, Österreicher fahren Autos aus aller Herren Länder, aber keine österreichischen. Wir können nicht wie die Deutschen argumentieren, dass die Verschrottungsprämie Arbeitsplätze sichert. Wir kurbeln damit die Wirtschaft anderer Länder an und helfen in selektiver Weise den österreichischen Autohändlern, einer Branche, in der es nicht viele Arbeitsplätze gibt.

"Österreichische Regierung ist freier"
Format: Besteht bei staatlichen Garantien nicht auch die Gefahr, dass sie ohnehin marode Unternehmen stützen?
Felderer: Da sind sicherlich Gefahren dabei. Krisen sind normalerweise auch positiv, da nicht wettbewerbsfähige Unternehmen verschwinden. Deshalb sollte auch bei uns wie in Deutschland geprüft werden, ob ein Kredit nur wegen zu großer Risikopräferenz der Banken in der Krise nicht vergeben wird. Nur dann sollte der Staat die Garantie übernehmen, dass der Kredit zurückgezahlt wird.
Format: Hat es die Regierung in Österreich einfacher als die deutsche, die Neuwahlen im Herbst erwartet?
Felderer: Die österreichische Regierung ist natürlich freier. Sie könnte sogar härtere, unpopuläre Maßnahmen umsetzen. Für die Deutschen sind die Pakete aber auch Wahlkampfmunition.
Format: Ist der Kurswechsel hin zu mehr Staat für die CDU schädlich?
Felderer: Das ist zwar in der öffentlichen Wahrnehmung richtig. Die Wähler der Partei wissen allerdings, dass die Marktwirtschaft im Prinzip von niemandem infrage gestellt wird. Man wird aber nicht mehr sagen, dass man überhaupt keine Regulierung braucht.

Zur Person:
Bernhard Felderer, geboren 1941, ist Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS). Seit 2006 ist er Präsident des Staatsschuldenausschusses. Er war Mitglied der Steuerreform-Kommission. Felderer lehrte außerdem mehr als zwei Jahrzehnte als Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Bochum.

Interview: Martina Madner

Italien-Budget - EU-Kommission will Strafverfahren gegen Rom starten

Politik

Italien-Budget - EU-Kommission will Strafverfahren gegen Rom starten

Politik

Brexit: Theresa May kämpft um ihr politisches Überleben

Interview
Heinz-Christian Strache

ÖVP/FPÖ-Bundesregierung

Herr Strache, sprechen Sie Wirtschaft?