„Ich war ein Depp“

„Ich war ein Depp“

Der gescheiterte schwarze EU-Parlamentarier und Ex-Innenminister Ernst Strasser über seinen Korruptionsprozess, das angespannte Verhältnis zur ÖVP und warum ihm das Finanzamt gerade im Nacken sitzt.

FORMAT: Herr Strasser, ich werde das Gespräch aufnehmen. Etwas dagegen?

Ernst Strasser: Nein.

Das letzte Gespräch mit Journalisten, die Sie undercover filmten, brachte Ihnen eine Anklage wegen Bestechlichkeit. Wie hat sich Ihr Leben seit Ausbruch der Affäre im März 2011 verändert?

Strasser: Die vergangenen 18 Monate waren die reinste Hölle. Nachdem Ihre Kollegen vom Murdoch-Konzern diese Aufnahme gesetzwidrig ins Internet gestellt haben, war nichts mehr so, wie es einmal war. Die Veröffentlichung des Bildmaterials sollte mich politisch, wirtschaftlich und persönlich umbringen. Politisch ist das gelungen, ich habe mein EU-Mandat verloren. Wirtschaftlich haben sie es fast geschafft. Doch persönlich werden sie sich die Zähne ausbeißen.

Das klingt kämpferisch. Doch Bestechlichkeit ist kein Kavaliersdelikt. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Für einen früheren Innenminister muss das besonders bitter sein …

Strasser: Ich habe volles Vertrauen in die Justiz. Alle Argumente, Beweise und Unterlagen, die ich dem Gericht vorlegen werde, unterstreichen meine Unschuld.

Das berühmt-berüchtigte Video von Ihnen lässt aber wenig Interpretationsspielraum. Verstehen Sie, dass Sie seither in der Öffentlichkeit als Prototyp des geldgierigen Politikers gelten, der nur in seine eigene Tasche wirtschaftet?

Strasser: Ich verstehe die Empörung der Menschen, die das Video anschauen. Es hinterlässt einen fürchterlichen Eindruck. Doch wenn Sie genau hinschauen, dann sehen Sie zwei bis drei Leute, die zusammensitzen und wo einer den anderen anlügt. Die vermeintlichen Lobbyisten wollten mich einer Straftat überführen, und ich wollte herausfinden, wer sie in Wirklichkeit sind.

Die Geschichte, dass Sie Geheimagenten auf der Spur waren, deren Aktivitäten Sie aufdecken wollten, klingt – gelinde gesagt – sehr abenteuerlich. Die Staatsanwältin glaubt Ihnen nicht …

Strasser: Sie vertritt ja die Anklagebehörde. Meine Beweise und Argumente wurden entweder nicht bewertet, missdeutet oder unter den Tisch fallen gelassen.

Wieso soll der Richter Ihren Agenten-Thriller glauben?

Strasser: Weil Beweise wie die Videos verfälscht wurden.

Was wurde manipuliert?

Strasser: Ton und Bild passen laut einem Gutachten nicht zusammen. Alles war inszeniert. Die beiden Journalisten bestellten Wein und suggerierten so, dass ich ebenfalls Wein getrunken habe. Ich habe aber nur Mineralwasser getrunken. Das mache ich bei Geschäftsessen immer so. Zudem wurde der Ton auf dem Video verlangsamt, was den Eindruck erzeugte, dass ich wie betrunken wirke, dass ich lalle. Darüber hinaus wurde – vermutlich absichtlich – entlastendes Material herausgeschnitten. Man sieht nicht, dass ich den Journalisten den Verhaltenskodex für Parlamentarier gegeben und gesagt habe, dass ich nur zu diesen Bedingungen arbeite.

Aber auch die Gesprächsinhalte sind nicht ohne. Sie haben etwa andere Parlamentarier als „faul“ und sich selbst als „Lobbyisten“ bezeichnet.

Strasser: Wie gesagt, da saßen drei Leute, die sich gegenseitig angelogen haben.

Ihre Schilderungen erinnern eher an „Kottan ermittelt“. Sie sind ein Widerspruch zum Ernst Strasser, wie ihn alle kennen, dem VP-Strategen und knallharten Innenminister. Verstehen Sie das?

Strasser: Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe aufgedeckt, dass die Firma nicht existiert, und war kurz davor, sie zu überführen, doch die YouTube-Videos sind mir zuvorgekommen. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war, hier selber recherchiert zu haben. Ich war ein Depp. Doch im Nachhinein ist man immer klüger. Ich habe jedenfalls sofort die Konsequenzen gezogen.

… und sind Ende März 2011 als EU-Parlamentarier zurückgetreten.

Strasser: Genau. Auch wenn ich nichts Unrechtes getan habe. Ich habe auch freiwillig und zum Wohl der Volkspartei meine Mitgliedschaft ruhend gestellt.

Ruhend gestellt? ÖVP-Parteichef Michael Spindelegger und sein Generalsekretär Hannes Rauch sagten, dass Sie rausgeworfen werden mussten.

Strasser: Nochmals, die Mitgliedschaft ruht. Ich habe keinen Brief erhalten, dass ich aus der Partei ausgeschlossen wurde.

Haben Sie noch Freunde in der Partei?

Strasser: Ja.

Wen?

Strasser: Es wäre vermessen, jetzt Namen zu nennen.

Weil es schadet, mit Ihnen in Verbindung gebracht zu werden?

Strasser: Der Fall muss erst einmal gerichtlich abgeschlossen werden. Selbstverständlich verstehe ich die besondere Zurückhaltung. Ich würde wahrscheinlich ähnlich handeln, wenn ich auf der anderen Seite wäre.

Haben Sie Kontakt zu Wolfgang Schüssel? Der telefonierte bekanntlich während der Buwog-Ermittlungen häufig mit Karl-Heinz Grasser.

Strasser: Nein. Der Kontakt zu Wolfgang Schüssel ist seit meinem Rücktritt als Innenminister äußerst zurückhaltend.

Ihr Mentor Erwin Pröll?

Strasser: Nein, kein Kontakt.

Schmerzt es, dass Sie einerseits von der Partei fallen gelassen wurden, aber andererseits das durch die Grippemasken-Affäre belastete Ehepaar Maria Rauch-Kallat und Alfons Mensdorff-Pouilly nicht angetastet wird?

Strasser: Natürlich schmerzt das. Doch ich jammere nicht. Das Leben geht weiter. Und man lernt immer dazu.

Welche Lehren haben Sie gezogen?

Strasser: Ich weiß nun, dass es nicht notwendig ist, überall die Nase hineinzustecken. Kümmere dich um deinen Kram, und überlass den Rest den Profis. Und: Echte Freunde erkennst du dann, wenn du in Schwierigkeiten bis.

Wie geht’s Ihnen eigentlich beruflich? Sie waren ja groß im grenzüberschreitenden Beratungsgeschäft tätig.

Strasser: Mittelmäßig. In den 18 Monaten hat die Staatsanwaltschaft praktisch alle meine Kunden einvernommen, meine privaten und geschäftlichen Konten durchleuchtet und jedes Telefonat zurückverfolgt. Für einen Selbständigen ist das Gift für das Geschäft. Doch es hatte auch Vorteile.

Und die wären?

Strasser: Die Justiz hat alle Geschäfte geprüft und als unbedenklich eingestuft. Die Strafverfahren wurden eingestellt.

In der Anklageschrift werden Alpine Bau, Lotterien, Red Bull und Staatsdruckerei sowie René Benko und Peter Hochegger als Ihre Auftraggeber genannt. Sind die Ihnen treu geblieben?

Strasser: Sie werden verstehen, dass ich Kundenbeziehungen nicht kommentiere. Das mache ich grundsätzlich nicht.

Ein Großteil Ihres Umsatzes wurde über Treuhänder abgewickelt. Das widerspricht dem Transparenz-Gebot. Würden Sie das wieder so machen?

Strasser: Die Kritik ist berechtigt. Als EU-Parlamentarier würde ich das sicher nicht mehr machen, als Privater schon. Der Grund für die Treuhandkonstruktion war, dass gewisse Honorare nicht öffentlich werden sollten. Ich erinnere mich, dass der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder nach Ausscheiden aus der Bundesregierung wegen seiner Beratungsmandate öffentlich zerfetzt wurde.

Womöglich zu Recht?

Strasser: Das will ich nicht beurteilen. Ich wollte mir das ersparen und habe daher gewisse Projekte über Treuhänder abgewickelt. Das war alles legal. Übrigens habe ich nach dem Wechsel ins EU-Parlament viel weniger verdient als davor.

Als EU-Abgeordneter bekamen Sie monatlich 7.800 Euro, plus 4.200 Euro Spesenpauschale, plus Kostenersatz für Bahn- und Flugtickets. Das ist nicht wenig. Darüber hinaus brachten Ihre sieben „Privatkunden“ jeweils zwischen 60.000 und 100.000 Euro im Jahr. In der Anklageschrift steht, dass Sie „sich selbst mehr als Geschäftsmann denn als Politiker“ sahen. Was halten Sie dagegen?

Strasser: Das ist falsch. Ich war immer der Meinung, dass es der Politik guttut, wenn sich Leute engagieren, die einen Brotberuf haben. Das habe ich auch Josef Pröll vor meinem Antreten bei den EU-Wahlen gesagt, und er war einverstanden.

Ihr Gerichtsprozess startet am 26. November, parallel ermittelt das Finanzamt wegen Ihrer versteckten Treuhandverträge. Wie ist der aktuelle Stand?

Strasser: Das Verfahren läuft. Es gibt eine Betriebsprüfung. Mein Steuerberater hat mir zur Selbstanzeige geraten. Das habe ich gemacht und warte jetzt. Ich bin überzeugt, dass sich auch hier meine Unschuld herausstellt.

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