"Ich drohe nicht“

"Ich drohe nicht“

FORMAT: Anders als der Brüsseler SPÖ-Delegationsleiter sitzen Sie nicht im Verhandlungsteam zur Regierungsbildung. Ein Signal, dass die ÖVP das Thema Europa nicht ernst nimmt?

Othmar Karas: Paul Rübig und Elisabeth Köstinger verhandeln mit. Ich bin durch meine Äußerungen in der Öffentlichkeit präsent und werde das Verhandlungsergebnis dann im Lichte der europäischen Notwendigkeiten beurteilen. Ich gehe davon aus, dass die EU-Ziele in allen Kapiteln der Regierungsverhandlungen oberste Priorität haben.

Man hat den Eindruck, dass Sie für Ihre Arbeit überall geschätzt werden, nur nicht von der eigenen Partei. Sie könnten neuerlich nicht Listenführer Ihrer Fraktion bei der EU-Wahl im nächsten Mai werden. Wären Sie gerne Delegationsleiter?

Karas: Die Liste erstelle nicht ich, sondern die ÖVP. Ich trage gerne Verantwortung und setze alles daran, mehrheitsfähig zu machen, was ich für notwendig halte. Es geht jetzt nicht um Funktionen, sondern um Inhalte.

Von Michael Spindelegger gibt es bisher keine einzige Äußerung, dass Sie wieder ÖVP-Delegationsleiter werden könnten.

Karas: Weil er seinen Zeitplan hat, zuerst Regierungsverhandlungen und dann EU-Wahl. Aber der Parteiobmann weiß, worum es geht, er ist im Gespräch mit mir. Ich wünsche mir eine stärkere Europäisierung der Innenpolitik und bin gegen eine Parteipolitisierung von Österreichs Rolle in der EU.

Können Sie sich vorstellen, statt für die ÖVP mit einer eigenen Plattform zur EU-Wahl anzutreten, etwa mit Voggenhuber?

Karas: Es tut weh, ständig gefragt zu werden, ob ich meiner Partei den Sessel vor die Tür stelle. Geben Sie der ÖVP die Chance, zuerst die Regierungsverhandlungen abzuschließen und dann ihre Europa-Schwerpunktsetzung vorzunehmen. Ich werde meine Entscheidungen treffen, wenn die Zeit reif ist. Ich drohe nicht. Das Bürgerforum, das ich mit Johannes Voggenhuber und anderen gegründet habe, wird bei der EU-Wahl nicht als Partei kandidieren.

Aber würde es schmerzen, nicht ÖVP-Listenerster zu werden?

Karas: Was-wäre-wenn-Fragen sind sinnlos. Ich trete in der ÖVP für das ein, was ich für richtig halte. Ich bin nicht auf eine Funktion reduzierbar und auch nicht käuflich. Ich fürchte mich vor keiner Auseinandersetzung, weil ich bewiesen habe, wie ich arbeite und mit dem Vertrauen der Vorzugsstimmenwähler umgehe.

Kommentar
Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) in Wien

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