Hitlers Heimatgau - Essay von Roman Sandgruber

Neu entdeckte Briefe von Hitlers Vater erlauben einen genaueren Einblick in die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie. Die Kindheit und Jugend des späteren Diktators werden so zu einem Stück Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der österreichischen Provinz.

Roman Sandgruber

Roman Sandgruber - emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz.

Zu Hitler fällt mir nichts ein“, schrieb Karl Kraus im Jahr 1933, als Adolf Hitler in Deutschland gerade die Macht übernommen hatte. Der Satz ist recht typisch für Österreichs Verantwortung für Hitler.

Achtzehn Jahre, also ungefähr das erste Drittel seines Lebens, verbrachte er in Oberösterreich. Mindestens 33 Jahre, also mehr als die Hälfte seines Lebens, hatte sein Vater Alois hier gearbeitet und gelebt. Beide lernten sie das Land an ihren verschiedenen Wohnsitzen aus recht unterschiedlichen Blickpunkten kennen.

Achtzehn verschiedene Wohnsitze hatte Adolf Hitler in den achtzehn Jahren, die er in Oberösterreich verbracht hatte: Die ersten drei Jahre in seinem Geburtsort Braunau, dann in der Grenzstadt Passau, hernach in der Linzer Vorstadt Urfahr, dann im winzigen Bauerndorf Hafeld, wo er die einklassige Volkschule in Fischlham besuchte, hernach im Klostermarkt Lambach, im behäbigen Bauerndorf Leonding und im halb provinziellen, halb großstädtischen Linz. Zuletzt kam Adolf auch in die Arbeiter- und Industriestadt Steyr und wieder zurück nach Urfahr.

Das unbekannte Leben des jungen Hitler

Man wusste allerdings bislang über das Leben der Familie und jenes des jungen Hitler hier in der Provinz fast nichts. Außer den amtlichen Standesdaten und Meldebescheinigung ist wenig an vertrauenswürdigen Quellen erhalten. Nicht einmal der Personalakt des Vaters hat überdauert. So muss es als Sensation gelten, dass nunmehr 31 Briefen des Vaters, die bislang unentdeckt auf einem Dachboden schlummerten, aufgetaucht sind und dem Autor zur Bearbeitung überlassen wurden. Die Briefe zusammen mit einer Reihe weiterer neu entdeckter oder bislang übersehener Quellen ermöglichen nicht nur einen neuen Blick auf die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie, sondern erlauben erstmals auch authentische Rückschlüsse auf soziale Beziehungen und vorherrschende Denkweisen.

Es begann alles so harmlos. Als Adolf Hitler mit seiner Familie in Oberösterreich lebte, war das Land noch durch und durch monarchisch. Hierher kam jedes Jahr der Kaiser auf Sommerfrische, mit ihm kamen der hohe Adel und die von ihm abhängigen Künstler und Adabeis. Es war die „gute, alte Zeit“. Das Fin de Siècle. Die Kaiserzeit. Aber war es auch eine gute Zeit? Man spricht vom bürgerlichen Zeitalter. An den entscheidenden Hebeln der Verwaltung saß aber immer noch der Adel, und von der Sozialstruktur her war das Land immer noch ein Bauernland. Die Vorrechte in der ländlichen Gerichts- und Verwaltungsorganisation hatte die alte Oberschicht verloren. Doch in der leitenden Bürokratie war ihre Position ungebrochen: als Statthalter, Bezirkshauptleute, Offiziere, Diplomaten.

Ein Ziehkind mit allen sozialen Nachteilen

Hitlers Vater war ein uneheliches Kind, ein Ziehkind mit allen sozialen Nachteilen, die damit verbunden waren. Ohne wirkliche Schulbildung machte er einen spektakulären Aufstieg im Zolldienst, der ihn aber rasch auch seine Grenzen erkennen ließ. Ohne Matura und ohne noble Herkunft war seine Karriere auf der mittleren Ebene zu Ende. Und ohne Grund- oder Hausbesitz galt man im Bauernland überhaupt nichts.

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung arbeiteten damals noch in der Landwirtschaft. Auch Alois Hitler wollte nach der Pensionierung wieder ein Bauer sein. Nicht ein gewöhnlicher Bauer, sondern ein Herrenbauer mit einer Schar Dienstboten, mit Ross und Wagen und vor allem mit moderner Bildung, die ihn über die umliegenden Bauern hinaushob als ein fortschrittlicher Landwirt, der glaubte, alles besser zu wissen als seine schlecht gebildeten Nachbarn im Dörfchen Hafeld oder im Großbauerndorf Leonding. Alois Hitler kaufte 1895 mit dem ererbten Geld seiner Frau einen recht großen Bauernhof, für den aber weder das vorhandene Kapital noch seine praktischen Kenntnisse der bäuerlichen Betriebsführung reichten, wie aus den nun aufgetauchten Dokumenten hervorgeht. Nach zwei Jahren scheiterte er als Bauer. Sein Sohn Adolf kommentierte das später erleichtert: Gott sei Dank, dass ich da wegkam


Alois Hitler dachte deutschnational und antiklerikal, aber kaisertreu. Sein Sohn wurde Antisemit und Habsburghasser.

Die Familie verließ 1897 das Dorf und übersiedelte in den Klostermarkt Lambach, der nicht nur deutlich weltoffener war, sondern für den kleinen Adolf auch bessere Schulen zugänglich machte: die gegenüber der einklassigen Volksschule in Fischlham geradezu städtische Volksschule in Lambach und das geistliche Sängerknabeninstitut des Stiftes, das Adolf Hitler in einem ganz anderen Sinne geprägt hat, als der Kirche lieb sein konnte. Leonding hingegen war ab 1899 im Unterschied zu seinem Vater, der sich dort als Pensionist und Hausbesitzer recht aktiv in die Gemeindepolitik einzumischen versuchte, für Adolf Hitler nur Schlafstätte. Lebensmittelpunkt für ihn wurde bereits im Jahr 1900 Linz, wohin er täglich den zweistündigen Weg zur Realschule zurücklegte.

Vier Jahre, von 1900 bis 1904, war Linz Hitlers Schulstadt. Und wenn man das eine Jahr in Steyr und die Jahre bis Anfang 1908 in dem damals noch nicht nach Linz eingemeindeten Urfahr dazurechnet, wird die Zeitspanne noch ein bisschen länger. Weder die Wohndauer noch die mäßigen Schulerfolge, die Hitler in Linz erreichen konnte, würden es aber in Wahrheit rechtfertigen, die Stadt als „Patenstadt des Führers“ zu bezeichnen oder gar neben Berlin, Hamburg, München und Nürnberg unter die fünf „Führerstädte“ des Großdeutschen Reiches einzureihen. Auch als „Gründungsstadt des Großdeutschen Reichs“ wurde es gefeiert, ebenso als „Jugendstadt des Führers“. Aber es hat schon seine Gründe, denn zu keinem anderen Ort entwickelte Hitler eine ähnlich enge Beziehung wie zu Linz. In „Mein Kampf “ schreibt er von Linz als einer „glückseligen Zeit“. Zweifellos hat er nicht Braunau, sondern Linz als seine „Heimatstadt“ betrachtet, so noch am 30. April 1945 in seinem „privaten Testament“.

Linz, Stadt und Provinz

Dass sich Linz auf Provinz reimt, ist ungerecht, aber nicht wegzudiskutieren. Adolf Hitlers Jugendfreund August Kubizek beschrieb das Linz, in das Adolf Hitler in der Realschule kam, als eine noch „stark ländlich bestimmte Stadt“: In den Vororten die „burgenartigen Vierkanthöfe“ der Bauern, zwischen den Mietshäusern noch „Wiesen und weidendes Vieh“, in den Schenken die Leute beim „landesüblichen Most“, überall der „breite, behäbige Dialekt“. Kein Auto, kein elektrisches Straßenlicht, nur eine einzige Straßenbahnlinie, überall Pferdefuhrwerke, Hundegespanne und Frauen mit Tragkörben in der Hand und am Kopf.

Das Linz von Adolf Hitlers Kindheit war Landeshauptstadt, Bischofsstadt, Beamtenstadt, Garnisonsstadt, Schulstadt, Einkaufsstadt und werdende Industriestadt. In Wahrheit war es auch schon damals mehrheitlich eine Arbeiterstadt. War es auch eine Kulturstadt? Im äußeren Stadtbild dominierte der Katholizismus: Kirchtürme überall, der spektakuläre, halbfertige Neubau des Domes, der größten Kirche Österreichs, die geistlichen Spitäler und Schulen, die christlich-konservative Mehrheit im Landtag.

Deutschnationale Väter, antisemitische Söhne

Doch in der Stadtpolitik bestimmten die deutschnationale Geschäftswelt und Beamtenschaft den Ton. Im geschäftigen Betrieb auf der Landstraße hinkte man zwar weit hinter dem abendlichen Leben auf der Wiener Ringstraße hinterher. Aber das deutschnationale Gedankengut war radikaler als in Wien. Das Linz während der Schulzeit Adolf Hitlers war Verlagsort von drei der radikalsten antisemitischen Hetzblättchen im deutschen Sprachraum. Das Land war zwar praktisch fast zur Gänze katholisch. Doch gerade deswegen tobte hier der antiklerikale Kulturkampf ganz besonders heftig. Das Land war auch ohne nationale Minderheiten, und doch war der Tschechen- und sonstige Slawenhass hier besonders stark. Und obwohl es verglichen zu Wien nur wenige Juden gab, nahm die antisemitische Stimmung in der Stadt und am Land immer mehr zu.

Adolf Hitler war schon in Linz zum radikalen Deutschnationalen geworden und kam bereits als Antisemit nach Wien. Adolf Hitler war ein Produkt seiner Umwelt. Zuvorderst war es ein Vater-Sohn-Problem, zweitens ein Schulproblem, und drittens ein Gesellschaftsproblem: Adolf Hitler verehrte seinen autoritären, ihn schlagenden Vater, ahmte ihn im äußeren Verhalten, im autodidakten Bildungsweg und in der Verachtung aller Experten nach und suchte sich doch abzugrenzen, indem er noch weiter nach rechts rückte. Alois Hitler dachte deutschnational und antiklerikal, aber kaisertreu. Sein Sohn Adolf Hitler wurde Antisemit und Habsburghasser.

Aus deutschnationalen Vätern wurden antisemitische Söhne. Weder im Vater-Sohn-Verhältnis noch im Einfluss des geistigen Umfelds war er damit ein Einzelfall: Die drei furchtbarsten österreichischen nationalsozialistischen Täter, Adolf Hitler, Ernst Kaltenbrunner und Adolf Eichmann, besuchten die Realschule bzw. das mit dieser über den Lehrkörper eng verknüpfte Realgymnasium. Sie lasen dieselben Zeitungen, besuchten dieselben Theater und beteiligten sich an der nationalen Festkultur. Der Ideen- und Gedankenwelt, die Adolf Hitler in Linz aufgenommen hatte, blieb er sein Leben lang recht starr verhaftet. Die österreichische Gesellschaft kann Adolf Hitler nicht wegleugnen.

Zur Person

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz. Zahlreiche Publikationen, zuletzt „Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses“ (Molden, 2018).


Buchtipp

  • Roman Sandgruber: Hitlers Vater Wie der Sohn zum Diktator wurde
  • Molden Verlag, 2021 ISBN 978-3-222-15066-1; (272 S.)
  • Preis: 29 €


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