hintergrund: Für Molterer geht es im Wahlkampf um die persönliche Zukunft

Für Molterer geht es im Wahlkampf auch um die persönliche Zukunft: Wird die ÖVP nicht Nummer eins, ist Molterer am Ende seiner Laufbahn als ÖVP-Obmann.

Es geht um alles: um jede einzelne Stimme, jeden Mann, jede Frau. Es geht darum, ob wir in der Regierung bleiben – oder ob wir von der Bühne weg sind.“ Diese dramatische Rede hielt Wilhelm Molterer zum Wahlkampfauftakt
in Graz und schüttelte dabei mit ungewohnt kämpferischer Geste die Fäuste. Ludwig Scharinger organisierte parallel dazu im Raiffeisenhaus in Linz Motivationsseminare mit der Botschaft „rennen, rennen, rennen“, die Bundesparteizentrale verschickt aufgescheuchte Briefe an die Bürgermeister, in denen das Wording zu den neuesten SPÖ-Ankündigungen verbreitet wird:
Die ÖVP sieht drei Wochen vor der Wahl die Felle davonschwimmen. Nach dem „Es reicht“ des Vizekanzlers im Frühsommer lag die ÖVP in den Umfragen noch weit vorn – nun ist sie, nicht zuletzt aufgrund der dicken Freundschaft zwischen Werner Faymann und der „Kronen Zeitung“, auf den zweiten Platz abgerutscht.

Obmanndebatten
Nicht wenige an der ÖVP-Basis sehen das Problem beim Obmann selbst. „Der Willi ist zu trocken, der hat gegen den Faynachtsmann keine Chance“, meint ein ÖVP-Funktionär aus Wien resigniert – aber im neuen, aggressiveren ÖVP-Wahlkampf-Wording. Molterer, der von Wolfgang Schüssel an die Spitze gebracht wurde und schon bisher keine Begeisterungsstürme in der Partei auslöste, gilt vielen als zu wenig charismatisch für die Nummer eins. Molterer selbst trat im Wahlkampf bisher sehr zurückhaltend auf und versucht sich an einer sanften Imagekorrektur, die den Eindruck des trockenen Sachpolitikers relativieren soll: Er tritt mit Künstlern wie Alfred Hrdlicka auf, lässt sich vor großformatiger moderner Kunst fotografieren – und reckt die Fäuste. Doch erst jetzt, drei Wochen vor der Wahl, wird der Parteiobmann selbst als „die bessere Wahl“ plakatiert.

Nummer eins oder das Aus
Für Molterer geht es in diesem Wahlkampf vor allem auch darum, ob er selbst „von der Bühne verschwindet“: Verfehlt die ÖVP den ersten Platz, ist Molterers Zeit als ÖVP-Obmann beendet. Als Nachfolger steht die langjährige Nummer zwei, Josef Pröll, bereit: Er leitete in der ÖVP die Perspektivengruppe und war gemeinsam mit Werner Faymann Regierungskoordinator. Und Faymann wird auch im Wahlkampf nicht müde, Pröll zu loben und ihn von der „Schüssel-Molterer-ÖVP“ abzugrenzen. Ein zweiter Platz für die ÖVP würde eine große Koalition unter Kanzler Faymann mit Vizekanzler Josef Pröll wahrscheinlich machen. Einziger Ausweg für Molterer wäre dann der Schüssel-Trick: Josef Pröll in der zweiten Reihe zu halten, die SPÖ in Verhandlungen auflaufen zu lassen und dann – so sich Rot-Grün-plus? nicht ausgeht – neuerlich mit der FPÖ (plus?) zu koalieren. Doch das hat der Spitzenkandidat selbst ausgeschlossen.

Von Martina Madner und Corinna Milborn

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