"Hier kollidieren Wirtschaft und Ethik unmittelbar"

Evangelismos in Athen, die größte staatliche Klinik Griechenlands: 1.000 Betten, elf Stock hoch, gleich gegenüber dem hellenischen Kriegsmuseum gelegen. Ein Zufall mit Symbolkraft. Denn auch Klinikdirektor Mihalis Theodorou fühlt sich durchaus "an Kriegszeiten erinnert“. Er befindet sich derzeit im täglichen Kampf um das Nötigste.

In der Notaufnahme warten jeden Tag 1.200 Patienten auf Behandlung. Heilbehelfe und vor allem Medikamente fehlen, klagt der Mediziner. Ein drastischer Personalabbau führt immer häufiger zu Engpässen, aber es gibt auch immer weniger Geld für Arzneien. Die Außenstände gegenüber der Pharmaindustrie sind enorm. "Wir haben Schulden aufgebaut“, gibt Theodorou zu, der die Gründe dafür dem System zuschreibt. Evangelismos, ein einziges Krankenhaus, hat derzeit geschätzte 300 Millionen Euro Verbindlichkeiten für nicht bezahlte Geräte, Heilbehelfe und vor allem Medikamentenlieferungen.

Lieferstopps
Und das Athener Großklinikum ist kein Einzelfall. Staatliche Krankenhäuser in anderen Teilen Griechenlands haben laut Pharmaunternehmen seit mehr als vier Jahren überhaupt keine Rechnungen mehr beglichen. Die Branche ist in Aufruhr. Die Pharmakonzerne Nycomed und Roche haben ihre Lieferungen teilweise gestoppt. "Wir sehen uns mit einer herausfordernden Situation konfrontiert“, sagt Roche-CEO Severin Schwan, "derzeit beobachten wir die Situation und sind mit den betroffenen Kliniken in Gesprächen, um für beide Seiten akzeptable Lösungen zu finden.“ Der Österreicher Schwan verweist auf das Roche-Notfallprogramm. Lebensnotwendiges wie Krebs- oder HIV-Medikamente würde in jedem Fall nach Bedarf geliefert, so versichert man. Auch Novartis bekennt sich zu einem "Life saving medicines“-Programm, ohne Rücksicht auf ausstehende Zahlungen. "Aber Sie können sich vorstellen, wie schwierig so eine Entscheidung ist“, sagt Christian Seiwald, Österreich-Chef des Pharmariesen Novartis.

"Hier kollidieren Wirtschaft und Ethik unmittelbar“, bringt Seiwald das Dilemma auf den Punkt. Auf der einen Seite verhageln ihnen offene Rechnungen in Schuldenstaaten wie Griechenland, Spanien oder Italien die Bilanz. Auf der anderen Seite verbieten ethische Gründe eine radikale Vorgangsweise. Zudem herrscht Angst vor einem Imageschaden, wenn in Teilen Europas die Gesundheitsversorgung zusammenbricht. In geheimen Treffen berät die Pharmabranche derzeit, wie sie dieser Zwickmühle entkommen kann. Es wird gefeilscht, wer die bitteren Pillen schlucken muss.

Roche nahm bereits ein Angebot der griechischen Regierung an, Forderungen an Kliniken in Höhe von 400 Millionen Euro mittels Null-Prozent-Staatsanleihen, die zwischen 2011 und 2013 fällig werden, zu begleichen. Einen Großteil der Anleihen konnte Roche weiterverkaufen, musste dabei aber herbe Verluste hinnehmen. Diese Verluste, so Schwan, "entsprechen einem Preisnachlass von 114 Millionen Euro, was einen durchschnittlichen Rabatt von 26 Prozent ergibt“.

Die EU-Hilfe für Griechenland hat zwar zu einer leichten Entspannung geführt. Die Schulden für Pharmazeutika betragen per Ende 2011 aber noch immer eine Milliarde Euro (siehe Grafik). Laut Hellenic Association of Pharmaceutical Companies (SFEE) sind im Vorjahr Rechnungen zu 58 Prozent beglichen worden. Gleichzeitig sind aber schon die Folgen einer restriktiveren Lieferpolitik erkennbar: Das Volumen der Medikamente, die Griechenland erreichten, sank 2011 um 250 Millionen Euro (minus 18,4 Prozent).

Milliardenschulden der Spanier

Kleiner Lichtblick: Das griechische Finanzministerium hat festgestellt, dass offene Forderungen der Pharmakonzerne nicht von einem bevorstehenden Haircut - also Staatsschuldennachlass - betroffen sind. Die Konzerne rechnen trotzdem mit Ausfällen - und sie sind auch mit einer Verschärfung der Krise in Spanien und Italien konfrontiert. Roche, Marktführer in diesen Ländern, macht dort bereits Forderungen von 2,1 Milliarden Franken (über 1,7 Milliarden Euro) geltend. "Irgendwann kommt der Punkt, an dem das Geschäft nicht mehr tragbar ist“, sagt Schwan, der jetzt überlegt, auch für einige spanische Kliniken Lieferstopps zu verhängen.

Die Situation ist dramatisch. Die Außenstände der Spitäler belaufen sich inzwischen auf fast 60 Prozent eines Jahresumsatzes der gesamten Pharmawirtschaft in Spanien: Das sind 6,4 Milliarden Euro. Die Zahlungsziele betragen derzeit 800 Tage. Zum Vergleich: 300 Tage sind in südosteuropäischen Ländern schon Normalität. In Österreich betragen sie im Schnitt zwei Wochen.

Drei spanische Provinzen haben ihre Zahlungen gänzlich eingestellt. Zu den schlechtesten Schuldnern zählen die öffentlichen Krankenhäuser in Valencia mit Außenständen von 92 Prozent im Pharma-bereich. In absoluten Zahlen führen andalusische Kliniken mit 1,5 Milliarden Euro Schulden, gefolgt von Madrid mit 527 Millionen.

Verhandlungen mit der spanischen Regierung

Die kürzlich neu gewählte spanische Regierung beginnt jetzt Gespräche mit der Pharmaindustrie über eine Lösung der Probleme. Dabei geht es darum, wie verschuldete und von Lieferstopps bedrohte Spitäler weiterarbeiten und die Versorgung sicherstellen können. "Die Regierung hat uns versprochen, dass die Spitalsschulden Priorität vor anderen Problemen haben“, erklärt Humberto Arnés von der spanischen Vereinigung der Pharmafirmen. "Wir zweifeln nicht, dass unsere Forderungen zur Gänze bezahlt werden.“ Nicht mehr als eine Hoffnung.

Sicher ist, dass die Spanier die Gesundheitsausgaben drastisch kürzen wollen, wie das auch in Griechenland und Italien geplant ist. Das geschieht bei den Medikamentenkosten in erster Linie durch den Kauf von billigeren Generika. Dazu kommen harte Preisverhandlungen mit den Herstellern der Originalpräparate. "Innovative Medikamente werden immer häufiger preislich mit dem billigsten Generikum verglichen, und dann erhalten Pharmaunternehmen, die Milliarden in Forschung und Entwicklung in neue Medikamente investieren, lediglich den Preis für Generika“, klagt Novartis-Manager Seiwald.

Vertreter von Roche und Novartis in Spanien verhandeln derzeit ähnliche Lösungen, wie sie in Griechenland mit Nullcoupon-Anleihen getroffen wurden. Ziel ist letztlich, Staatshaftung zu bekommen - in Verbindung mit einer geordneten Rückzahlung der Schuldner, in Raten bis zu zehn Jahren. Sollte sich die spanische Wirtschaftslage nochmals drastisch verschlechtern, sei man sogar bereit, über weitere Zahlungsaufschübe zu verhandeln, sagt Interessenvertreter Arnés.

Die Rezepte

Novartis rechnet schon Worst-Case-Szenarien durch. "Wir sind als Konzern vorbereitet“, sagt Seiwald, "jede Niederlassung hat einen genauen Zahlungsplan. Wir arbeiten an verschiedenen Szenarien gleichzeitig, zum Beispiel: Was passiert, wenn die griechische Drachme wieder eingeführt werden sollte? Was, wenn Länder keine entsprechenden Preise für innovative Produkte mehr zahlen wollen? Vor allem letztere Frage macht mir große Sorgen.“

Ein weiteres Schreckensszenario muss die Branche bereits durchspielen: Denn auch das italienische Gesundheitssystem schwächelt zunehmend. Die Pharmaindustrie sieht sich auch in Italien steigenden Zahlungsausfällen gegenüber. Es gibt noch keine klare Übersicht über Zahlen. Nur so viel: Es sieht nicht gut aus.

Doris Gerstmeyer

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