Hahn: "In Zeiten wie diesen 20 Prozent mehr Geld möge man mir bitte vorhupfen"

Der Wissenschaftsminister und Neo-EU-Kommissar im Interview über die Misere der Universitäten, seine EU-Visionen und seinen Krebs.

FORMAT: Herr Minister, der Protest an den Universitäten ist beachtlich, die Demonstrationen sind ein starkes Symbol. Ist das Ausdruck einer verfehlten Wissenschaftspolitik Ihrerseits?
Hahn: Wenn es um die Verbesserung der Studienbedingungen geht, muss man sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Das nehme ich auch vice versa für meine Argumente in Anspruch. In manchen Bereichen teile ich den Befund meiner Kritiker.
FORMAT: Aber die Unis sind chronisch unterdotiert.
Hahn: Da werde ich nicht müde zu betonen: Ich habe bei den Verhandlungen mit dem Finanzminister 17 Prozent mehr Budget für die Unis rausgeholt. Dazu kommen sieben Prozent Studienbeitragsrefundierung. In Zeiten wie diesen über 20 Prozent mehr Geld zu verhandeln, das möge man mir bitte vorhupfen.

"Verschulung teils zu Recht kritisiert"
FORMAT: Warum haben Sie mit den Studenten noch nicht gesprochen?
Hahn: Ich habe bereits vergangenen Freitag ein Gespräch mit der ÖH angeboten.
FORMAT: An der läuft ja der Protest vorbei.
Hahn: Dann muss sich die ÖH damit beschäftigen. Die ÖH ist die Studierendenvertretung, und jeder Student muss ja ÖH-Mitglied sein. Ich kann als Minister nicht sagen, ich ignoriere die ÖH. Am Donnerstag gab es ein erstes Gespräch.
FORMAT: Einer der wesentlichen Kritikpunkte der Studenten ist der Bologna-Prozess. Es heißt, Bologna sei in den vergangenen Jahren von allen europäischen Regierungen zu sehr mit neoliberalen Inhalten befeuert worden. Halten Sie diese Kritik für berechtigt?
Hahn: Die Entwicklung der Studienpläne liegt in der absoluten Souveränität der Universitäten. Ich bin eher mit gegenteiliger Kritik befasst, dass die Studienpläne so weit auseinanderliegen, dass ein Wechsel schwer möglich ist. Was zum Teil zu Recht kritisiert wird, ist die teilweise Verschulung mancher Studienarten. Man muss aber auch sagen, dass 90 bis 95 Prozent der Studierenden von den Unis erwarten, dass sie eine ordentliche Berufsausbildung erhalten.
FORMAT: Wie geht es mit den Protesten weiter? Wie kann eine Lösung aussehen?
Hahn: Im Befund sind wir zum Teil einig. Schon vergangene Woche habe ich einen Drei-Schritte-Plan auf den Tisch gelegt. Ein erster Punkt ist, die Studienberatung in den Schulen zu intensivieren.

"War einer der ersten EG-Befürworter"
FORMAT: Stehlen Sie sich mit Ihrem Wechsel nach Brüssel aus der Verantwortung?
Hahn: Keineswegs. Ich werde voraussichtlich bis Ende des Jahres Wissenschaftsminister bleiben und dieses Amt mit Verantwortung ausfüllen. Außerdem flüchte ich nicht, sondern steige um. Über die Nominierung meiner Person wurde bereits in den vergangenen Wochen nachgedacht.
FORMAT: Kommissionspräsident Barroso will in Zukunft mit der Kommission stärker gegenüber den Nationalstaaten auftreten. Sie kommen als Minister soeben aus der Perspektive eines Mitgliedslandes. Trauen Sie sich den Job zu?
Hahn: Meine politische Biografie zeigt, dass ich einer der Ersten in Österreich war, die sich für einen EG-Beitritt ausgesprochen haben. Das war Anfang der 80er-Jahre bei der Jungen ÖVP gegen die damalige Linie der eigenen Partei, aller anderen sowieso. Weggefährten damals waren Othmar Karas und Christoph Leitl. Es ist wichtig, dass Europa als Mehrwert noch stärker in den Köpfen der Menschen verankert wird.
FORMAT: Was ist dieser Mehrwert?
Hahn: Dass Europa für jeden Einzelnen einen Vorteil an persönlicher Lebensperspektive bietet. Das würde ich als Vertreter eines mittelgroßen Landes einbringen, das an der Schnittstelle zwischen Mittel- und Osteuropa liegt.
FORMAT: Wie hat Ihre zwanzigjährige Erfahrung mit einer Krebserkrankung Ihre Einstellung zur Politik verändert?
Hahn: Im Grunde tut sie das bis heute, weil ich alle drei Monate zur Kontrolle gehe. Das geht seit 1979 so. Die Krankheit hat mich als Mensch geprägt, was natürlich auf meine politische Art durchgeschlagen hat. Mir wird oft attestiert, ich sei gelassener. Was aber nicht heißt, dass ich leidenschaftslos bin. Ich bin auch lange keine finanziellen Risiken durch Eigentumsbildung eingegangen, aus Rücksicht auf meine Familie. Wir wohnen bis heute in einer Mietwohnung.

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