Abschiedsinterview mit Michael Häupl: Servas, Pfiat di, Baba!

Michael Häupl, 68, Wiener Bürgermeister seit 1994

Michael Häupl, 68, Wiener Bürgermeister seit 1994

Der trend verabschiedet sich mit einem letzten Interview von Michael Häupl als Wiener Bürgermeister. Nach fast einem Vierteljahrhundert ist er am 24. Mai 2018 abgetreten. Ein Gespräch über Zynismus, Wiener Schmäh, psychische Schäden, Populisten, Radtouren mit Erwin Pröll und letzte Worte.

Michael Häupl , 68, wurde 1994 Wiener Bürgermeister. Er schlug für die SPÖ fünf Gemeinderatswahlen, erreichte zweimal die absolute Mehrheit. Am 24. Mai übergibt er sein Amt an Nachfolger Michael Ludwig. Der Langzeitregent hinterlässt ein schwieriges Erbe. Die Partei ist in einen linken und rechten Flügel gespalten, das Wiener Gesundheitssystem kränkelt, die Zuwanderung stärkt die FPÖ.

Im trend-Interview Ende April mit den Redakteuren Othmar Pruckner und Andreas Weber hat Häupl noch einmal alle Register gezogen.

trend: Herr Häupl, nach knapp einem Vierteljahrhundert als Wiener Bürgermeister: Was war Ihr absolutes Highlight?
Michael Häupl: Ein Höhepunkt war zweifelsohne der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und die Riesenchance, Wien in diese Union hineinführen zu können. Was wir, so glaube ich, sehr gut gelöst haben.

trend: Wie haben Sie selbst sich in all den Jahren verändert? Wurden Sie härter, weicher oder zynischer?
Häupl: Ich denk, ich war bis zu einem gewissen Grad auch vorher schon zynisch, aber immer gepaart mit originärem Wiener Schmäh. Ich habe - auf gut Wienerisch - keine manifeste Lettn (Anm.: Schaden) davongetragen. Ich fühle mich psychisch und physisch sehr gut. Sogar meine Frau ist mit meinen gesundheitlichen Werten zufrieden.

trend: Was ist Ihnen nicht gelungen?
Häupl: Ich werde mich bemühen, jetzt nicht die Arbeit der Opposition zu erfüllen! Aber etwas geht mir schon ab: die Reform der Bildungspolitik. Die Schule des 21. Jahrhunderts mit Ganztagsschule, gemeinsamer Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, der verschränkte Unterricht, Leistungsmodulen. Das gibt es alles leider nicht. Das hätte mit Sozialismus nichts zu tun, diese Schule gibt es in Südtirol ebenso wie in Skandinavien. Die Schule von heute präsentiert sich im Wesentlichen wie in den 50er-Jahren. Wir werden das langsam merken in Hinblick auf den Industrie- und Wissenschaftsstandort. Das erfüllt mich mit größter Sorge. Man hätte die Zweidrittelmehrheit in Bildungsfragen abschaffen sollen, aber da waren auch die Meinen etwa in der Gewerkschaft immer dagegen.

trend: Was bleibt als Leuchtturmprojekt Ihrer Ära?
Häupl: Auf einem gewissen Abstraktionsniveau: das enorme Ansehen Wiens in Osteuropa. Und: Wien hat trotz fehlender Bildungsreform gewaltige Fortschritte Richtung Stadt des Wissens gemacht. Das hat positive wirtschaftliche Auswirkungen. Wir reden hier über die Arbeitsplätze unser Kinder und Enkelkinder.

trend: Der Genetiker Josef Penninger geht nach Kanada ...
Häupl: Ich halte den Abgang von Josef Penninger für eine Bereicherung und nicht für eine Schwächung. 20 Prozent seiner Arbeitszeit wird er weiterhin in Wien verbringen, und gleichzeitig stehen uns nun 86 Life-Science-Institute in Kanada zur Zusammenarbeit offen.

trend: Bei Infrastrukturprojekten scheint die Politik hingegen jede Gestaltungskraft verloren zu haben.
Häupl: Um jeden Schrebergarten wird gekämpft, aber Großprojekte, die die Stadt verändern, sind scheinbar undurchführbar geworden. Vielleicht sind unsere U-Bahnstationen nicht ganz so schön wie die Stadtbahn von Otto Wagner. Aber in der Substanz ist sehr viel passiert. Wir haben die U2 nach Aspern gebaut und entwickeln mit der Seestadt einen ganzen Stadtteil dazu.


Strache ist ein Maulheld, alles Geschwätz! Die Populisten können eines: sich als Opfer darstellen.

trend: Jedenfalls versagt haben Sie beim Bau eines neuen modernen Nationalstadions. Das Happel-Stadion ist eine Ruine und nicht mehr zeitgemäß.
Häupl: Dort haben wir 2008 immerhin eine hervorragende Europameisterschaft ausgetragen!

trend: Der neue Sportminister Heinz-Christian Strache will es abreißen und neu bauen.
Häupl: Er wird es nicht machen. Er ist ein Maulheld! Er soll mit einem Bescheid vom Bundesdenkmalamt kommen, dass das Stadion nicht mehr denkmalgeschützt ist. Im Übrigen hat er nur 70 Millionen Euro zur Verfügung. Damit kann er nicht einmal den VIP-Bereich neu gestalten. Das ist alles Geschwätz erster Güte! Aber ich habe einen konstruktiven Vorschlag: Wir nehmen die Leichtathletik komplett heraus und bauen an anderer Stelle im Prater ein Trainingscenter für sie. Im Stadion ziehen wir die Tribünen ganz hinunter. Und wir überlegen uns, wie wir ein Dach bauen, das man fast ganz zumachen kann. Gleichzeitig erweitern wir den VIP-Bereich, vervielfachen die Zahl der Buffets und bauen endlich ordentliche WC-Anlagen. Die sind nämlich eine wirkliche Schande.

trend: Selbst Gutmeinende sagen: In Wien braucht man für Betriebsgenehmigungen einen dicken Bene-Ordner, in Niederösterreich reichen zwei DIN-A4-Blätter.
Häupl: Niederösterreich ist für uns keine Konkurrenz. Unsere Konkurrenz sind Mailand, London, Paris, Berlin. Und nicht St. Pölten! Fragen Sie Manager von großen Unternehmen wie Siemens, Bombardier, Böhringer: Im Vergleich zu anderen Millionenstädten sind alle von Wien begeistert. 52 Prozent aller Auslandsinvestitionen in Österreich werden in Wien getätigt. Und nicht in Wiener Neustadt.

trend: Welche politische Rolle spielt Wien in Europa?
Häupl: Seit unserem EU-Beitritt haben wir beispielsweise im Städtebund im Heranführen unserer südlichen und östlichen Nachbarn eine Menge geleistet und tun das noch immer. Wir haben Budapest, Prag, Warschau bei der EU-Eingliederung geholfen. Jetzt versuchen wir, den Ländern, die sich in einem Annäherungsprozess befinden, Hilfestellung zu geben.

Der letzte seiner Art: Michael Häupl mit den Redakteuren Othmar Pruckner (li.) und Andreas Weber.

Der letzte seiner Art: Michael Häupl mit den Redakteuren Othmar Pruckner (li.) und Andreas Weber.

trend: Ist die Entwicklung der EU durch die populistischen Bewegungen in diversen Staaten nicht insgesamt gefährdet?
Häupl: Keine Frage, die Entwicklung ist mit großer Sorge zu betrachten. In Polen oder Ungarn sind zentrifugale Kräfte am Werk, die uns mittlerweile ja auch in Westeuropa nicht mehr fremd sind. Die Populisten können eines: sich als Opfer darstellen. Aber in Wirklichkeit sind sie Täter. Die Politik muss ein Konzept zur inneren Demokratisierung der Europäischen Union entwickeln. Wir brauchen neue Schritte hin zu einer Europäischen Verfassung - vom Rahmen her mehr Europa, auf der anderen Seite aber auch Dezentralisierung, mehr Entscheidungen vor Ort. Die Landwirtschaft etwa ist extrem zentralistisch organisiert. Das wird auf Dauer so nicht funktionieren. Und warum zum Beispiel Arten- und Naturschutz eine Angelegenheit der EU sein soll, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Andererseits hat man nicht den geringsten Versuch unternommen, die Steuersysteme zu vereinheitlichen. Was wesentlich bedeutsamer für eine gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung wäre.

trend: Populisten gibt es nicht nur in den Nachbarländern, auch in Wien werden sie immer stärker.
Häupl: Gar keine Frage. Aber wir haben es bisher einigermaßen gut geschafft, sie unter Kontrolle zu halten. Und ich glaube, dass das in Zukunft sogar noch leichter wird. Mit dem Eintritt in die Bundesregierung hat die FPÖ alles, was sie den sozial Schwächeren versprochen hat, auch schon wieder gebrochen. Es findet eine Umverteilung von unten nach oben statt. So etwas hat sich nicht einmal in der ersten ÖVP-FPÖ-Regierung so abgespielt. Das muss man ohne Schaum vor dem Mund, aber permanent und deutlich darstellen. Ständige Wiederholung sichert den Unterrichtsertrag!

trend: Mit Ihrem Abtritt kommt das Aushängeschild des Kampfes gegen die FPÖ abhanden. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass Wien nach den nächsten Wahlen 2020 von einem blauen Bürgermeister regiert wird?
Häupl: Geben wir der neuen Führung der Wiener SPÖ eine Chance. Ich bin überzeugt, dass der Bürgermeister auch nach der nächsten Gemeinderatswahl Michael Ludwig heißen wird.


Alleinstellungsmerkmal der Sozialdemokratie war immer, dass sie auf den sozialen Zusammenhalt achtet.

trend: Insgesamt wird die Sozialdemokratie aber in ganz Europa schwächer. Ist den Menschen die soziale Frage nicht mehr so wichtig?
Häupl: Das glaube ich nicht. Wenn man von einem Auseinanderfallen der Gesellschaft spricht, so ist dieses Phänomen in Wien bei Weitem nicht so stark zu bemerken wie in anderen europäischen Großstädten. Ich glaube, dass der Schwurbelsprech der Politik, der aus Kunstworten der Bürokratie besteht, hauptverantwortlich für die Schwierigkeiten ist. Und dazu kommt noch, dass der dritte Weg, der in Deutschland mit Gerhard Schröder in Hartz IV gemündet hat, der Sozialdemokratie ungemein geschadet hat. Das Alleinstellungsmerkmal der Sozialdemokratie war immer, dass sie auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft achtet: Armutsbekämpfung, Bildungspolitik, die nicht von der Brieftasche der Eltern abhängig ist, einer optimalen Gesundheitsversorgung auch für Nichtreiche, Zugang zu Kultur etc. Den Populisten ist der soziale Zusammenhalt aber vollkommen wurscht.

trend: Sehen Sie durch die neue Bundesregierung den sozialen Zusammenhalt gefährdet?
Häupl: Ganz unmissverständlich: Ja. Die AUVA auflösen zu wollen, ist eine reine Zerstörungsmaßnahme. Herr Strache hat von nichts irgendeine Ahnung und sagt, die AUVA solle ihre Kernaufgaben wahrnehmen. Aber das Meidlinger Unfallkrankenhaus, das von der AUVA in Wien betrieben wird, betreut mehr als 50 Prozent aller Unfallopfer. Und wieso bitte soll eine Unfallversicherung keine Rehabilitationszentren führen? Was wäre nicht Kernaufgabe?

trend: Das Problem ist, dass so wie im Krankenhaus Nord im gesamten Gesundheitsbereich die Kosten davonlaufen.
Häupl: Die laufen dort davon, weil man vor zehn Jahren Zahlen genannt hat, die Schätzungen in die Zukunft waren. Ja, es sind auch Fehler passiert. Aber wenn irgendjemand glaubt, dass er daraus einen politischen Skandal destillieren kann, irrt er.

trend: Sie sind jetzt energetisch gut aufgeladen, daher die Frage: Gilt Ihr Satz auch für den energetischen Schutzring rund um das Krankenhaus?
Häupl: Der ist ein kompletter Blödsinn. Ein Schmarrn in der Sache und politisch deppert - daran besteht kein Zweifel.

trend: Bei jeder Spar-Diskussion ist die Sozialdemokratie in der Defensive. Sehen Sie denn nirgendwo Sparmöglichkeiten im Gesundheitssystem?
Häupl: Ich bin sehr für die Harmonisierung der Leistungen der neun Gebietskrankenkassen. Das wäre vernünftiger als gleich alle neun Kassen zusammenzulegen. Ich bin aber dagegen, dass die Selbstverwaltung zerstört wird, damit private Krankenversicherer noch mehr Chancen am Markt haben.

trend: Sitzen in der Bundesregierung lauter Ahnungslose?
Häupl: Nein, es gilt das abgewandelte Sprichwort: "Herr, verzeihe ihnen nicht, denn Sie wissen, was sie tun". Die haben die Idee, staatliche Strukturen zu beschädigen, um private Strukturen zu forcieren. Das ist sozial nicht gerecht. Nur wer eine dicke Brieftasche hat, dem wird es im Steuer-, Bildungs- und Gesundheitsbereich besser gehen.

trend: Die Menschen habe doch dieses Programm von ÖVP und FPÖ gewählt.
Häupl: Kein Mensch kennt das Programm! Es wurde ein relativ junger Mann mit eloquentem Auftreten gewählt. Auf Dauer wird es nicht gehen, dass sich der Regierungschef für die vielen Sachfragen der Regierungsarbeit nicht interessiert und seine Fachminister ohne jegliche politische Hausmacht agieren.

trend: Sie waren in Ihrer Jugend schlagender Burschenschafter. Wie gefährlich ist der Durchmarsch der Verbindungsbrüder in die Spitzenpositionen des Staates?
Häupl: Meine aktive Zeit war während der Mittelschule. Damals waren wir in diesem Alter fast noch Kinder. In dem Augenblick, wo ich mitgekriegt habe, welche Ideologie da dahintersteht, bin ich ausgetreten.
Aber zur Frage: Ich sehe keine Gefährdung des Rechtsstaats und der Demokratie. Es gibt bei den Burschenschaftern durchaus Leute, die weder als Seminoch als Kellernazis zu bezeichnen sind. Aber im Umfeld einzelner Ministerinnen und Minister gibt es Personal, bei dem ich mir denke, dass man so etwas in einer Bundesregierung des 21. Jahrhunderts nicht wirklich braucht. Einzelne Personen können sicher erheblichen Schaden anrichten.

trend: Diese Regierung ist auch durch eigenes Verschulden der SPÖ am Ruder. Hatte SP-Nationalratspräsidentin Doris Bures doch recht, als sie einst meinte, Christian Kern könne Politik nicht? Er war ja auch nicht Ihr Favorit für die Nachfolge von Werner Faymann.
Häupl: Ich wollte niemand durchdrücken, es ging um die größtmögliche Akzeptanz in der Partei. Kern war einfach präsenter als Gerhard Zeiler. Aber natürlich sind Fehler passiert. Sich jemanden, mit dem niemand etwas zu tun haben sollte, ins Wahlkampfteam zu holen, war einer davon.

trend: Sie meinen Tal Silberstein. Er hat ja auch Sie beraten.
Häupl: Nein, er hat mich nicht beraten, er war nur im Team von Stanley Greenberg, das uns seinerzeit in Wien beraten hat. Ich brauche sicher keine Ratschläge von jemandem, der von der Wiener Situation keine Ahnung hat. Aber um noch einmal zu vorigen Frage zu kommen: Ich spreche Christian Kern sicher nicht die Politikfähigkeit ab.

trend: Er will als Spitzenkandidat in die nächsten Nationalratswahlen gehen. Gute Idee?
Häupl: Selbstverständlich. Er sagte ja bei Amtsantritt, dass er für gute wie für schlechte Zeiten zur Verfügung steht. Ich halte ihn an und für sich für einen guten Mann.

trend: Haben Sie eigentlich Ihren Freund Erwin Pröll nach seinem Abgang schon einmal getroffen?
Häupl: Ja, es geht ihm blendend! Er ist sehr locker und nach seinem Sturz auch wieder in der Lage, Rad zu fahren. Er war gerade auf einer Trainingswoche in Mallorca. Ich fahre übrigens auch gern Rad.

trend: Dann haben sie schon ein Programm für den Ruhestand und können mit Erwin Pröll Radtouren unternehmen.
Häupl: Nein. Ich kann mit ihm nicht mithalten.

trend: Haben Sie sonst Pläne für die Pension? Werden Sie ein Start-up gründen, ein Wirtshaus aufmachen?
Häupl: Die Wirtshaus-Idee ist derzeit in Mode. Wohlbestallte Anwälte kaufen gerade der Reihe nach alte Wiener Wirtshäuser. Ich könnte beispielsweise mit Erwin Pröll gemeinsam ein Geschäft aufsperren: "Eröffnungen aller Art".

trend: Haben Sie sich schon überlegt, was Sie bei Ihrem Abschied am 24. Mai sagen werden?
Ihr Vorgänger Helmut Zilk hat sich gerne mit dem Wort "Servaspfiatdibaba" verabschiedet.

Häupl: Ich weiß es noch nicht. Sicher ist nur, dass ich eines nicht sagen werde: "Passt mir auf dieses Wien auf." Denn dieses Zitat ist schon besetzt.

trend: Herr Bürgermeister, wir danken für das Gespräch.

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