H.-C. Strache – Der Schuss ins Blaue

Als H.-C. Strache Kanzler und Vizekanzler im Vorjahr auf der Aschermittwochs-Rede als "Doppelnull“ bezeichnet hatte, lag die FPÖ zwischen 26 und 29 Umfrageprozent. Als er heuer erneut den Kanzleranspruch stellte, sind es gerade einmal 20 bis 21 Prozent, gänzlich unbeeinflusst vom Stiftungsskandal eines Martin Graf oder "Juden-Sagern“ auf Burschenschafter-Veranstaltungen.

H.-C. Strache – Der Schuss ins Blaue

Die Null nach der Zwei hält sich hartnäckig, seit Frank Stronach im blauen Wählerteich wildert und die FPÖ ihre jahrelange Monopolstellung als Protestpartei verloren hat. Und damit auch ihr Wahlkampfkonzept.

Eiertanz

EU-Ausstieg, Systemkritik, sogar das Ausländerthema wird von Stronach besetzt ("Das Boot ist voll“). Und die FPÖ kann mit der Konkurrenz im Partisanenkampf nicht umgehen. "Die Erfahrung, die die SPÖ mit der FPÖ machen musste, macht die FPÖ nun mit Stronach: Wie mache ich den Gegner schlecht, ohne dessen Wähler schlechtzumachen?“, meint Politologe Peter Filzmaier.

Statt Frontalangriff in gewohnter Manier wird entsprechend herumlamentiert. Generalsekretär Harald Vilimsky will grundsätzlich niemanden ausschließen, Martin Graf ist für eine FPK-Stronach-Koalition in Kärnten. Strache selbst schimpft zwar auf Stronachs "gekaufte BZÖ-Hinterbänkler“ und gescheiterte Projekte, lobt aber gleichzeitig dessen wirtschaftliche Erfolge in Kanada.

Dass er es besser könnte, demonstriert er nur auf seiner Facebook-Seite. Dort wird der Austrokanadier Ende Jänner zum Steuerflüchtling erklärt, der maßgeblich am Eurofighter-Deal beteiligt war, Kritiker mit Geld zum Schweigen bringt, sich mit Karl-Heinz Grasser und dessen Freunden Walter Meischberger und Peter Hochegger ins Bett legt und die abgehalfterten Spalter von Knittelfeld salonfähig machen will.

"Facebook ist Straches Barometer“, sagt Vilimsky. "Hier sieht er gleich, ob er mit einem Thema abstinkt oder ihm die Herzen zufliegen.“ In diesem Fall dürfte der Rücklauf verhalten gewesen sein. Dem Posting folgten bisher keine weiteren.

Duell zu dritt

Stronachs Erfolg ist im Moment nur geborgt. Ein erster Testlauf wird die Niederösterreich-Wahl am 3. März werden, wenn sich die Umfragewerte in handfesten Ergebnissen niederschlagen. Ob und wie viele Anhänger von den Blauen zu Stronach überlaufen, werden Wählerstromanalysen zeigen. Fährt Stronach im Gesamtergebnis und beim FPÖ-Wählerentzug Erfolge ein, wird er im weiteren Wahlkampf zur Zielscheibe.

Können beide Parteien im Protestlager ausreichend Stimmenpotenzial generieren, wird man sich’s mehr oder weniger richten. Bis dahin wird das Team Stronach kleingeredet. "Wir führen die Auseinandersetzung nicht mit Stronach, sondern mit dem Bundeskanzler und der ÖVP, die sich mit der dienenden Rolle abgefunden hat“, sagt Straches Chefstratege Herbert Kickl. Nachsatz: "Stronach ist nur ein Nebenaspekt.“

Der weiterhin aufrechte Kanzleranspruch stellt die FPÖ prompt vor neue Probleme. Denn Regierungstauglichkeit attestiert der Wähler nur einer Partei, die im Wahlkampf nicht Rumpelstilzchen spielt und mit einem breiten Themenmix punktet: Soziales, Gesundheit, Familienpolitik etc. "Man kennt das von der Haider-FP֓, meint Meinungsforscher Peter Hajek. "Ab Mitte der 1990er ging die Partei thematisch in die Breite, die Kampagnen wurden abgesoftet. Das funktioniert aber nur in der Aufwärtsbewegung.“ Die Inszenierung als Politiker der Herzen fällt Strache derzeit folglich schwer. Und die Duellszenerie wirkt nur authentisch, solange es bloß einen Herausforderer gibt. Betritt ein zweiter Desperado die Bühne und verschießt dieselbe Munition, fällt das Bild zusammen. "Die Wien-Wahl 2010 war ein klar inszeniertes Duell gegen einen übermächtigen Gegner“, sagt Peter Filzmaier. "In dem Moment, wo diese Situation nicht mehr linear kommuniziert werden kann, weil eine weitere Persönlichkeit auftaucht, wird die Inszenierung schwierig.“

Doppelmühle

Bleibt der Rückzug auf Kernthemen. Die FPÖ hat noch vor jedem Wahltag die Ausländerkarte ausgespielt und andere Parteien rechts überholt. Wird der Konkurrenzdruck zu groß, wird künftige Regierungseloquenz wohl der Kernwählermobilisierung geopfert werden. Bei Herbert Kickl klingt das so: "Wir stehen am Beginn der Kommunikation, diese wird sich von Monat zu Monat verdichten. Das Thema Identität und deren Bedrohung spielt natürlich eine Rolle, weil es auch eine Entscheidungsfrage für die Zukunft des Landes ist.“

Bei der vorigen Wien-Wahl spielte die FPÖ die "Überfremdung“ für ihre Verhältnisse fast schon dezent aus. Für Wirbel sorgte nur der Slogan "Mut zu Wiener Blut - zu viel Fremdes tut niemandem gut“. Diesen Herbst könnte die Situation eine andere sein. "Wenn Stronach auch nur halbwegs erfolgreich ist, wird die FPÖ einen zuwanderungs-und islamkritischen Wahlkampf führen, der beispiellos sein wird“, glaubt Peter Hajek. Auf der Strecke bliebe die Kanzlerwürde...

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