"Großbrand nicht mit der Gießkanne löschen": Hannes Androsch im FORMAT-Interview

Der Industrielle über Kündigungen, Managerschelte und kleinmütige Krisenbekämpfung.

Format: AT&S kündigt am Standort Leoben-Hinterberg ein Drittel der Belegschaft. Eine Folge der Finanzkrise?
Androsch: Nein, das ist Folge eines Strukturwandels, der nicht nur bei uns schon länger in Gang ist: Verlagerung von Produktion nach Fernost und in der Folge eine schleichende De-Industrialisierung in Europa. Die USA sind von diesem Prozess schon seit längerem betroffen, die Autoindustrie ist dafür ein Beispiel, wobei die Situation durch die aktuelle Wirtschaftskrise noch verschärft wird. Davon ist auch AT&S als Zulieferer betroffen.

"Großbrand nicht mit Gießkanne löschen"
Format: Sind die Folgen der Krise noch aufzuhalten?
Androsch: Es war seit langem klar, dass eine Rezession kommt, was aber nicht zur Kenntnis genommen wurde. Das Jahr 2009 ist eigentlich schon verloren. Jetzt stellt sich die Frage, wie lang und tief die Krise ausfällt oder ob gar eine Deflation droht. Daher muss gegengesteuert ­werden. Klotzen, nicht kleckern, heißt die Devise.
Format: Tut die Regierung genug?
Androsch: Das Konjunkturprogramm geht in die richtige Richtung, aber noch zu wenig. Einen Großbrand kann man ja auch nicht mit der Gießkanne löschen.

"Zusammenbruch des Pyramidenspiels"
Format: Bei den Bankenrettungs­paketen wurde geklotzt, nicht gekleckert. Warum greifen sie nicht?
Androsch: Weil der Zusammenbruch des Pyramidenspiels, das ausgehend von der Wall Street weltweit betrieben wurde, das Vertrauen innerhalb des ­Finanzsektors zerstört hat.
Format: Wenn die Banken einander nicht vertrauen, warum vertraut ihnen dann der Staat?
Androsch: Da gibt es noch viel zu klären. Es kann nicht sein, dass der Steuerzahler Geld hergibt und dieses dann nicht zu vernünftigen Bedingungen an die Wirtschaft oder etwa an die Häuslbauer zurückfließt, weil man meint, das Geld könne man etwa in Tschechien ertragreicher anlegen. So etwas darf nicht sein.

"9 Mrd für real-ökonomischen Impulse"
FORMAT: Rechnen Sie damit, dass alle Großbanken Staatshilfe nehmen?
Androsch: Ja. Sonst hätten sie Wettbewerbsnachteile, weil sie sich die Mittel teurer beschaffen müssen. So manche Bank hat da wohl keine Wahl, ich will keine Namen nennen. Jetzt gilt es, den monetären Blutkreislauf wieder in Gang zu bringen. Aber man muss auch jetzt schon die real-ökonomischen Impulse geben. Das wird drei Prozent des Weltsozialproduktes kosten. Für Österreich wären das neun Milliarden Euro. 100.000 Arbeitslose mehr würden das Budget in drei Jahren auch mit neun Milliarden Euro zusätzlich belasten, aber dabei hätte man gar nichts gewonnen.

"Vulgärliberaler Schüssel-Grasser-Kurs"
FORMAT: Bei der ÖIAG gibt es ein heftiges Managerbashing, auch von Werner Faymann betrieben. Sind Sie damit glücklich?
Androsch: Hinter den aktuellen Problemen stand ein Privatisierungswahn ohne Rücksicht auf öffentliche Versorgungsaufgaben. Die ausgegliederten Unternehmen wurden, was die Beschäftigtenzahl und die Schulden betrifft, mit einem riesigen Rucksack belastet. Man hat von ihnen die Quadratur des Kreises erwartet: Einerseits sollten sie wie private börsennotierte Unternehmen agieren, andererseits öffentliche Aufgaben wahrnehmen, für die keine Honorierung vorgesehen war. Die Hauptschuld für dieses nun offenkundige Schlamassel liegt beim Finanzminister. Er hat zugeschaut, wie diese Unternehmen gegen die Wand gefahren wurden. Das ist Folge des vulgärliberalen, von Privatisierungswahn und Marktreligiosität getriebenen Schüssel-Grasser-Kurses.

"AUA-Verkauf ist sehr traurig"
FORMAT: War Ihnen die rot-weiß-rote Heckflosse der AUA wichtig?
Androsch: Für mich, der ich 1971 den Verkauf an die Swissair verhindern konnte, ist der Verkauf sehr traurig. Man hätte die AUA rechtzeitig besser aufstellen können. Im März hieß es noch, das Unternehmen sei eine Milliarde wert und schaffe es alleine. Nun muss man es verschenken und sogar Hunderte Millionen drauflegen. Entweder haben die Verantwortlichen damals die Unwahrheit gesagt oder nicht gewusst, wovon sie sprechen.
FORMAT: Wie ist das Post-Debakel zu lösen?
Androsch: Wenn bestimmte Leistungen von der Post aus öffentlichen Versorgungsgründen gewünscht werden, sind entsprechende Vereinbarungen zu treffen und zu bezahlen.
FORMAT: Das wird nichts daran ändern, dass Arbeitsplätze abgebaut werden.
Androsch: Mag sein. Aber zu beklagen, dass man zu viele Leute hat, und zugleich die unternehmerische Leistung dramatisch zu reduzieren – das ist fürwahr keine Management-Großleistung.

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