"Griechenland wird aus dem Euro fliegen, wenn Deutschland das bestimmt"

"Griechenland wird aus dem Euro fliegen, wenn Deutschland das bestimmt"

FORMAT: Mister Galbraith, in Ihrem im Frühjahr erschienenen Buch „Inequality and Instability“ (auf Deutsch: Ungleichheit und Instabilität) sagen Sie, die europäischen Politiker müssten dringend überdenken, wie sie mit Arbeitslosigkeit in ihren Ländern umgehen, um die Krise in den Griff zu bekommen. Für europäische Ohren klingt das neu, hier dominieren Sparprogramme und Strukturreformen die Diskussion. Warum liegt der Schlüssel zur Lösung am Arbeitsmarkt?

James Galbraith: Europa ist jahrelang einem ökonomischem Missverständnis aufgesessen. Politiker glauben, der Arbeitsmarkt funktioniert so wie der Fischmarkt: Je mehr Fisch am Markt ist, desto weniger kostet er. Deshalb setzen sie sich gerade in den Krisenstaaten stark für Lohnkürzungen ein. Aber der Arbeitsmarkt ist nicht so flexibel wie andere Märkte. Unternehmen lassen sich nicht dazu hinreißen, mehr Leute einzustellen, nur weil die Löhne sinken. Schon gar nicht in einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Jetzt also Kürzungen vorzunehmen steigert die Arbeitslosigkeit und bremst das Wachstum und jede Erholung nachhaltig.

Nach der Einführung des Euro sind die Löhne und Gehälter in der europäischen Peripherie stark gestiegen. Durch Kürzungen sollen diese Staaten wieder wettbewerbsfähiger werden.

Galbraith: Das größte Problem ist, wenn in einigen Branchen oder Regionen die Löhne und Gehälter sehr niedrig und in anderen sehr hoch sind, weil dann alle in die Hochlohnzonen wollen, es aber nicht schaffen. Interessanterweise ist die Arbeitslosigkeit deshalb in Ländern wie Österreich am geringsten, wo die Lohnscheren nicht so weit auseinandergehen. Diese Länder zählen langfristig auch zu den reichsten, denn um hohe Löhne zahlen zu können, müssen Unternehmen viel innovativer werden. Werden die Lohnkürzungen Griechenlands Wettbewerbsprobleme lösen? Nein! Wer kann, hat das Land schon verlassen oder wird es tun. Müssen sie Steuern zahlen, sind auch die Reeder weg, denn Schiffe sind schließlich mobil. Und dass die griechische Wirtschaft um 27 Prozent eingebrochen ist, lockt auch keine neue Industrie an.

Laut Analysten der Citigroup liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland im Oktober die Eurozone verlässt, bei 90 Prozent. Würde es dem Land dadurch besser gehen?

Galbraith: Griechenland wird aus dem Euro fliegen, wenn Deutschland das bestimmt, nicht früher und nicht später. Griechenland selbst hat kein Interesse daran, die Währungsunion zu verlassen. Seine Regierung erkennt, in welche Schwierigkeiten das Land kommen würde.

Alles, was bisher zur Lösung der europäischen Krise versucht wurde, scheint nicht funktioniert zu haben.

Galbraith: Eine funktionierende Lösung ist auch gar nicht die Intention der europäischen Politiker.

Dem würde zum Beispiel die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt wohl widersprechen.

Galbraith: Man muss das realistisch sehen: Gäbe es einen einfachen Weg, zu einer Lösung zu kommen, wäre man diesen Weg gegangen. Aber es gibt ihn nicht. Ich kann mir keinen deutschen Regierungschef vorstellen, der tut, was er eigentlich tun müsste, denn er würde in Deutschland nicht wiedergewählt. Deshalb ist Frau Merkel hart zu den Griechen. Mit einer Strategie für Europa hat das nichts zu tun.

Was wäre Ihre Strategie?

Galbraith: Die heutige Situation in Europa unterscheidet sich nicht so sehr von jener der USA in den 1930er-Jahren. Es gab eine schwere Finanzkrise und große Unterschiede zwischen Nord- und Südstaaten, die sich immer wieder in einer wirtschaftlichen Depression befanden. Der New Deal, ein Maßnahmenprogramm nach der Weltwirtschaftskrise, war zum großen Teil ein Aufbauprogramm für die Südstaaten. Sie profitierten von Infrastrukturinvestitionen ebenso wie von den damals eingeführten Sozialprogrammen, der Sozialversicherung, den Krankenversicherungen Medicare und Medicaid und den Mindestlöhnen. Wenn die Währungsunion erhalten bleiben soll, muss in Europa jetzt etwas Ähnliches passieren. Denn weder Griechenland noch andere Krisenstaaten können ihre Probleme selbst lösen. Ihnen immer wieder Geld für Kredite zu geben schiebt die Probleme nur auf.

Sie schlagen also eine Transferunion vor, die sich aber nicht von einem Tag auf den anderen schaffen lässt. Wenn die Lage so dramatisch ist, wie Sie sagen: Wie viel Zeit bleibt Europa noch?

Galbraith: Es überrascht mich sehr, dass diese sozialen Themen überhaupt noch nicht Teil der Debatte in Europa sind. Technisch wäre es zum Beispiel einfach, einen europäischen Pensionsfonds und Ähnliches zu errichten. Die USA schafften das damals in wenigen Monaten, ganz ohne Computer. Dann würden pensionierte Straßenkehrer in Spanien und Österreich etwa gleich viel bekommen.

Allerdings bei anderen Preisniveaus – sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten zu groß, um eine Transferunion auch politisch durchsetzbar zu machen?

Galbraith: Die Widerstände waren auch in den USA groß. Aber will eine Währungsunion auf Dauer funktionieren, muss es zu Angleichungen kommen, und es ist besser, wenn das über gemeinsame Fonds statt über Regierungen läuft.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung stark mit der ungleichen Verteilung von Einkommen und machen diese mitverantwortlich für die Finanzkrise, deren Folgen wir gerade durchleben. Warum kann diese Ungleichheit Volkswirtschaften in Schwierigkeiten bringen?

Galbraith: Die ungleiche Verteilung von Einkommen kann man mit dem Blutdruck vergleichen: Ist sie zu groß, droht die Katastrophe, und ist sie zu niedrig, ist es auch nicht gut. Wenn sich das Einkommen auf einen zu kleinen Teil der Bevölkerung konzentriert, hängt plötzlich die ganze Wirtschaft von dieser Gruppe ab. Sie entscheiden, ob sie etwa in den USA investieren oder in den Schwellenländern, wo sie höhere Renditen bekommen. Und wir haben gesehen, dass die Finanzindustrie dazu beigetragen hat, dass sich die Verteilung von Einkommen, zu dem ja nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch Aktiendividenden und andere ohne Leistung erworbene Finanzerträge zählen, zwischen 1980 und 2000 enorm auseinanderentwickelt hat. In den vergangenen zwölf Jahren haben alle Einkommensgruppen etwas verloren, bei den Reichsten ging das aber von einem sehr hohen Niveau aus. Parallel zu dieser Entwicklung sind allerdings die privaten Schulden gewachsen – und auch hier hat die Finanzindustrie ihre Finger im Spiel. Es wird übersehen, dass sie in vielen Fällen betrügerisch vorging. Sie vergab Kredite an Menschen, die nicht einmal die erste Rate zahlen konnten, und verkaufte sie weiter, gerne an Europäer, die der Triple-A-Bewertung glaubten.

Die Finanzindustrie und die Ungleichheit sind die Themen von Occupy Wall Street. Sind sie auch Teil des US-Präsidentschaftswahlkampfs?

Galbraith: Die Regierung Obama hat sich dem Problem bisher nicht wirklich gewidmet, und wenn Mitt Romney von den Republikanern gewinnen sollte, dann wird das alles noch schlimmer. Auch wenn man denkt, das geht gar nicht mehr. Die großen Banken werden nicht angegriffen werden.

Ist eine Debatte über Ungleichheit nur eine Neiddebatte, wie Mitt Romney es genannt hat?

Galbraith: Die USA haben in der Krise relativ gut zusammengehalten, und das liegt an den starken Institutionen Social Security, Medicare und Medicaid. Auch wenn viele es nicht so sehen: Für die ärmsten Schichten gibt es einen Wohlfahrtsstaat, der stabilisiert. Aber es stimmt, viele Amerikaner stellen sich auf eine schwierige Zukunft ein. Viele meiner Studenten überlegen, ob sie sich eine Familie überhaupt leisten werden können. Die Stimmung ist aber besser als in Europa, die Krise ist hier viel weniger akut.

Doch auch die USA haben wenig Spielraum für neue Wirtschaftsmaßnahmen und müssen sparen.

Galbraith: Keine Frage, auch wenn Obama wieder gewinnt, wird es Einsparungen im Sozialbereich geben. Aber wenn Romney Social Security und die Krankenversicherungsprogramme so radikal und aggressiv kürzt wie angekündigt, wird das dramatische Folgen haben. Sie treffen die Ärmsten, sie treffen indirekt aber auch den Mittelstand und erhöhen die Altersarmut. All das wäre fatal.

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