Gleichberechtigung, Grassroot-Denken und Großindustrie: Schweden im FORMAT-Porträt

Schweden rückt mit der EU-Ratspräsidentschaft ab dem 30. Juni in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Kann der schwedische „Dritte Weg“ auch einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise weisen?

Da war sogar der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt beeindruckt und gratulierte. Denn bei den EU-Wahlen schaffte es eine Kleinstpartei, die Piraten, auf Anhieb mit 7,1 Prozent ins EU-Parlament. Dabei hatte der schwedische Programmierer und Politiker Lars Christian Engström wenig im Programm: Die Piraten wehren sich gegen den staatlichen Eingriff in Download-Freiheiten im Internet mit knappen Forderungen nach einem „reformierten Urheberrecht“ und der „Demokratisierung der EU“. So viel Eigeninitiative war den größten schwedischen Medien mehrere Schlagzeilen wert. Die Partei hatte – auch wegen parallel verhängter Urteile gegen Downloader – bald 48.000 Mitglieder gewonnen, mehr als die schwedischen Grünen oder die Christdemokraten. Die Jugendorganisation des konservativen Regierungschefs konnte dem nichts entgegensetzen. Bei jungen Wählern unter 30 Jahren erreichten die Piraten satte 20 Prozent.

"Dritter Weg" auch hierzulande Vorbild
Der Pirat lieferte damit ein Beispiel für das typische schwedische Selbstverständnis: individuelles Engagement für die Rechte der Bürger, Demokratie der Basis, die gegen Staats- oder Autoritätshörigkeit immun ist. Breite Diskussionen über ein Thema, das von Bürgern losgetreten wird, wie sie in kaum einem anderen Land denkbar wären. Nach dem Motto: Gleiche Chancen und Rechte für die Bürger, quer durch alle Gesellschaftsschichten, quer durch die Generationen, In- und Ausländer inbegriffen. Ein System, das mit seinen Sozialleistungen schon seit den 50er-Jahren für ein sozialromantisches Anlehnungsbedürfnis in anderen Ländern sorgte. Eine Politik der „starken Gesellschaft“, die damals von Ministerpräsident Olof Palme vorangetrieben wurde. Ein Modell des „Dritten Weges“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus, das auch für Bruno Kreisky in Österreich vor allem in sozialpolitischer Hinsicht Vorbild war. Eine Politik, die aber auch kostet und nur mit einer enorm hohen Steuer- und Abgabenquote finanziert werden kann, weshalb sie seit den 90er-Jahren immer wieder Einschnitte aus Kostengründen erfährt. Eine Politik, die selbst nach der Ablöse der Sozialdemokraten bei den Wahlen 2006 auch von Fredrik Reinfeldt als neuem Chef eines konservativen Regierungsbündnisses fortgesetzt wird – ein abgespeckter „Dritter Weg“, der nun mit Schwedens EU-Ratspräsidentschaft ab dem 30. Juni in die EU-Politik einfließen könnte.

Gleichberechtigung ist selbstverständlich
Fakt ist: Die Schweden sind Vorreiter in vielen gesellschaftlichen Belangen. Davon weiß Alexander von Gabin, Gründer des Biotech-Unternehmens Intercell, der als Professor an der Karolinska-Universität mehr als ein Jahrzehnt mit seiner sechsköpfigen Familie in Schweden verbrachte, noch heute ein Loblied zu singen. In Schweden ist es etwa Usus, dass sich Väter gleichberechtigt mit den Müttern um die Kindererziehung kümmern. Unterstützt wird man erst von qualitativ hochwertigen Kindergärten, für die schwedische Eltern sozial gestaffelt ihren Beitrag zahlen, und später von Gesamtschulen bis 16, die allen Mädchen und Buben nicht nur Schulstoff, sondern auch Praktisches wie Haushaltsführung und Kochen vermitteln. Gleichberechtigung wird damit als Selbstverständlichkeit vermittelt. „Frauen arbeiten, während wir Männer mit den Kindern beschäftigt sind“, erzählt Alexander von Gabin vom Leben in Schweden. „Da ist es kein Wunder, dass sich mehr Frauen dazu entschließen, mehr Kindern das Leben zu schenken.“ Tatsächlich ist die Geburtenrate in Schweden mit durchschnittlich 1,75 Kindern pro Frau eine deutlich höhere als in Österreich mit 1,42 Kindern. Dass Frauen durchgängiger und mehr Vollzeit arbeiten, wirkt sich auch in einem geringeren Lohngefälle aus: Während Frauen in Schweden pro Stunde um 17,9 Prozent weniger verdienen als Männer, klafft die Einkommensschere in Österreich um 25,5 Prozent auseinander. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit wird allerdings auch von staatlicher Seite unterstützt – schwedische Unternehmen müssen seit Jahren anonymisiert Gehälter offenlegen. Ein Modell, das sich Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek – in abgespeckter Variante – gerade im Moment auch für Österreich überlegt (siehe FORMAT-Debatte ) .

Matura für alle Schweden
Chancen will man in Schweden aber nicht nur Frauen, sondern auch Ausländern und Menschen aus sozial ärmeren Schichten vermitteln. Alle Schweden, auch jene mit Lehrlingsausbildung, machen mit 18 das „Studentenexamen“, eine Art Matura. Auch danach ist es mit Bildung noch nicht zu Ende: „Kurs ist deshalb auch und gerade bei Erwachsenen ein häufig benutztes Wort“, weiß Gabin. Von Ausländern wird zwar verlangt, dass sie sich der schwedischen Mentalität annähern und die Sprache lernen; die Diversität, also Unterschiede zwischen den Menschen, gilt aber auch als gesellschaftsbereichernd. Das spiegelt sich auch in Unternehmen wider, und zwar nicht nur in flacheren Hierarchien, geringeren Gehaltsunterschieden oder dem typischen schwedischen Du-Wort, sondern auch in einer moderneren Unternehmensphilosophie, die Mitarbeiter binden soll. Die gibt es nicht nur bei Ikea, sondern auch bei Großbanken wie dem skandinavischen Bankenzusammenschluss Nordea. Johannes Rogy, der für die Nordea-Bank in Österreich Geschäfte mit Mittel- und Osteuropa koordiniert, erklärt: „Der Mitarbeiter ist im Unternehmen ein hohes Gut.“ Die Meinung und Weiterbildung der Mitarbeiter zählt, beides fließt bei Nordea in die Berechnung der jährlichen Bonuszahlungen der Vorgesetzten ein.

Starke große und wenig kleine Unternehmen
Im Großen zeigt sich für Wirtschaftsforscher Markus Marterbauer, dass die aktive Arbeitsmarktpolitik mit Aus- und Weiterbildung zu hohen Beschäftigungsquoten führt – auch bei älteren Personen: „Während bei uns nur mehr 30 Prozent der 55- bis 64-Jährigen arbeiten, sind es in Schweden mehr als 50 Prozent.“ In seinem im Lit-Verlag erschienenen Buch über den Vergleich von Österreich und Schweden streicht Marterbauer außerdem eine enorm hohe Forschungsquote von 3,9 Prozent heraus. Dass die Arbeitslosigkeit in Schweden höher ist als in Österreich, liegt an einem strukturellen Problem. Die schwedische Wirtschaft lebt vor allem von einer kleinen Anzahl an international tätigen Großkonzernen, wie Ikea, (Sony) Ericsson, Volvo oder Saab – etwa 50 Konzerne kommen für zwei Drittel des schwedischen Exportes auf. Daneben gibt es viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Was fehlt, ist eine breite Schicht an Klein- und Mittelunternehmern. „Entrepreneurship“, also der Mut, selbständig ein Unternehmen zu gründen, steckt trotz Förderung in den vergangenen Jahren noch in den Kinderschuhen.

Krise in den 90ern vorweggenommen
Der Druck auf die Großindustrie Anfang der 90er-Jahre erschütterte gemeinsam mit einer Banken- und Immobilienkrise die schwedische Wirtschaft. Entwicklungen, die heute die ganze Welt betreffen, hat das Land also bereits vorweggenommen. Während man die Bankenkrise erfolgreich mit Good und Bad Banks bekämpfte, kurzfristige Verstaatlichungen durchführte und anschließend wieder privatisierte, was heute als Vorbild im Krisenmanagement diskutiert wird, gingen viele Arbeitsplätze in Industrie und Bau dauerhaft verloren. Zwar profitiert die exportorientierte Industrie von der im Vergleich zum Euro abgewerteten Schweden-Krone als Währung. Da aber alleine von den Autobauern 24.000 Arbeitsplätze direkt und ganze 150.000 indirekt abhängig sind, hat Schweden nun ein volkswirtschaftliches Problem. So kam etwa der ehemals florierende schwedische Autokonzern Saab bereits vor anderen internationalen Automobilfirmen in die Krise: Seit dem Einstieg von General Motors vor rund zwanzig Jahren schrieb der Konzern kontinuierlich Verluste, Strukturreformen blieben dennoch aus. Die Folge: laufende Entlassungen von Tausenden Mitarbeitern seit Anfang der 90er-Jahre, zuletzt waren es im März 750 von noch 4.000. Staatliche Hilfe gewährte Regierungschef Reinfeldt trotz bereits laufendem Insolvenzverfahren allerdings nicht.

Weniger Staat in den letzten Jahren
Das wird ihm nun nicht nur von so manchem Schweden, sondern auch von Schweden-Kennern wie Irmtraud Karlsson übel genommen. Die frühere SPÖ-Bundesfrauensekretärin, die mit einem Schweden verheiratet ist, spricht von „zahlreichen kleineren und größeren Sündenfällen“, durch die der Staat in den vergangenen Jahren ausgehöhlt wurde. Kranken- und Arbeitslosengelder wurden gesenkt, die Selbstbehalte auch im Gesundheitsbereich – wenn auch mit sozialen Deckelungen – dagegen in die Höhe geschraubt. Für den Sozialökonomen Peter Kreisky, Sohn von Bruno Kreisky, liegt eine der größten Gefahren im Pensionssystem: „Dass auch die Rücklagen für die staatlichen Pensionen in Fonds angelegt wurden, rächt sich nun wegen des gebeutelten Finanzmarktes.“ Rund 60 Prozent der Schweden sind nach jüngsten Umfragen bereits wieder für eine Ablösung der konservativen Vier-Parteien-Koalition. Damit liegt das linke Parteienbündnis aus Grünen, der Linken und den Sozialdemokraten unter der Leitung von Mona Sahlin bereits deutlich vor der Regierung. Und das trotz der von Reinfeldt angekündigten und umgesetzten Einkommenssteuersenkung.

50 Prozent Steuerquote
Die Abgabenquote sank damit von früheren Spitzen mit über 70 Prozent nun auf immer noch sehr hohe 50 Prozent – das scheint für viele Schweden tragbar zu sein. Auch Marterbauer denkt: „Der Steuerwiderstand in Schweden ist tatsächlich gering, vermutlich weil man Steuern nicht in anonyme staatliche Kanäle zahlt.“ Was in Österreich undenkbar ist, geht: Lohn- und Vermögenssteuern werden direkt von den Kommunen eingehoben und wieder in soziale Dienstleistungen wie Kindergärten oder den Pflegebereich verteilt. Die ohnehin solidarischen Schweden sehen also direkt, was mit dem Geld passiert, und das hebt die Zahlungsmoral.
Vor 2010 stehen aber ohnehin keine Wahlen an, sondern ein halbes Jahr Ratspräsidentschaft – und da möchte man einige Ideen aus der aktiven Arbeitsmarktpolitik auf EU-Ebene einbringen.

Von Martin Madner, Mitarbeit: Silke Pixner, Markus Pühringer

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