Gar nicht typisch: Atypisch Beschäftigte verkörpern den Umbruch der Arbeitswelt

Vollzeitarbeit wird immer mehr zu einem Luxusgut – atypische Arbeit ist schon für mehr als 1,1 Millionen Menschen normal. Die Tendenz in der Krise: steigend. Wer aber sind sie, die neuen typisch Atypischen?

„Ich bin froh, frei zu sein. Ich habe die Möglichkeit, den Erfolg selbst zu steuern, mit dem höchsten Grad an persönlicher Freiheit“, sagt Cecile M. Lederer ( im Bild ). Sie ist ausgebildete Mediendesignerin und Medientechnikerin. Sie ist selbständig als Geschäftsführerin einer Agentur für Print- und Webprodukte, freie Mitarbeiterin als Artdirektorin, Grafikerin, Illustratorin, Fotografin und Journalistin. Viele Jobs, die eines gemeinsam haben: Sie machen aus Cecile M. Lederer eine „atypisch Beschäftigte“ – eine glückliche atypisch Beschäftigte, denn sie hat sich im Gegensatz zu vielen anderen freiwillig dafür entschieden. Lederer ist nur ein Beispiel für einen immer stärkeren Wandel des Arbeitsmarktes weg von sogenannten „Normalarbeitsverhältnissen“ hin zur „atypischen Beschäftigung“. Konkret bedeutet das, dass unbefristete Vollzeitbeschäftigung mit regelmäßiger Arbeitszeit, betrieblicher Einbindung und vollem arbeits- und sozialrechtlichem Schutz immer mehr vom Arbeitsmarkt verschwindet. Stattdessen werden in Zukunft sogenannte „Neue Selbständige“ und „Freie Dienstnehmer“ die Arbeitswelt prägen. Auch Leiharbeiter, geringfügig Beschäftigte und Teilzeit­arbeiter fallen in die Kategorie der ­atypischen Beschäftigung.

Arbeitswelt im Umbruch
Seit 2000 gibt es einen Anstieg der atypischen Beschäftigung um 65 Prozent. Mittlerweile sind 1,1 Millionen Menschen davon betroffen. Und in der Wirtschaftskrise nutzen Unternehmen die flexible und billige Arbeit immer mehr. Das Resultat: Atypische Beschäftigung betrifft nicht mehr nur die „Generation Praktikum“, also Berufseinsteiger, sondern verstärkt auch ältere Personen. Nicht alle haben sich freiwillig in diese Situation begeben und sind damit so zufrieden wie Cecile M. Lederer. Florian Müller etwa reicht es. Er verfügt über ein abgeschlossenes Studium, war Pressesprecher bei der österreichi­schen Hochschülerschaft, ist Lehrver­anstaltungsleiter an der Universität Wien und seit 15 Jahren als Journalist im Hörfunk- und Printbereich tätig. Trotzdem wurde er nie fix angestellt, hatte schon viele unterschiedliche Verträge und ist heute zugleich Teilzeitbeschäftigter und Werkvertragsnehmer. Das Monatsgehalt von Florian Müller beträgt 400 Euro – für eine 60-Stunden-Woche. Leben müssen er und seine Lebensgefährtin von der Kinderbeihilfe für ihre beiden Kinder. Müller ist deshalb auf jeden Auftrag angewiesen. Er leidet vor allem unter der permanenten Unsicherheit, die seine Arbeitssituation mit sich bringt. Familienfreundlich ist das Dasein als ­Atypischer auch nicht gerade: „Es darf einfach nichts Unvorhergesehenes passieren.“ Das Budget ist genau ausgerechnet, sogar eine kaputte Waschmaschine würde es aus dem Lot bringen. Und bei einem dringlichen unvorhergesehenen Termin stellt sich die Frage nach der Betreuung der Kinder.

Selbstverwirklicher und Gefährdete
Der Soziologe Andreas ­Riesenfelder und sein Team der L&R Sozialforschung haben die Atypischen umfassend studiert. Er teilt sie in fünf ­Kategorien ein. Cecile M. Lederer ist eine „Selbstverwirklicherin“. Sie hat Spaß an der Autonomie und strebt keine klassische Karriere an, sondern sieht die atypische Beschäftigung für sich als Dauerlösung. Florian Müller ist als „Gefährdeter“ das genaue Gegenteil von Lederer. Er hat sich nicht freiwillig für die atypi­sche Beschäftigung entschieden und ist akut armutsgefährdet. Sein Hauptwunsch als zweifacher Vater ist typisch für diese Gruppe: eine fixe Anstellung, um Stabilität in sein Leben zu bringen und dadurch den Alltag leichter planen zu können. Ebenfalls unzufrieden mit ihrem Beschäftigungsverhältnis sind die „Resignativen“. Von dieser Gruppe wird die Arbeit nur noch als Existenzsicherung angesehen – sie haben anders als die „Gefährdeten“ auch kaum Hoffnung und Chancen auf eine Verbesserung. Besonders stark ver­treten sind hier die Leiharbeiter.

Übergangslösung oder Privileg?
„Übergangsorientierte“ sehen die atypische Beschäftigung als Zwischenlösung, etwa während des Studiums und der Karenz oder als Weg aus der Arbeitslosigkeit. Primäre Motivation sind der Zusatzverdienst und die freie Zeiteinteilung. In dieser Gruppe ist der höchste Frauenanteil zu verzeichnen. Atypisch arbeiten ist da allerdings nicht als Dauerlösung gedacht. Vollkommen zufrieden mit ihrer Situation sind dagegen die „Privilegierten“. Sie messen ihrer Tätigkeit einen sehr hohen Stellenwert bei und sehen sich eher als klassische Unternehmer. In der Krise ­verändern sich aber auch hier die Sichtweisen. Die Motivation, atypisch zu arbeiten, ist eben vollkommen unterschiedlich. Christine Reiterers Motive machen aus ihr eine „Privilegierte“. Sie bringt Menschen das Gabelstaplerfahren bei. Aber nicht nur das: Seit 2008 ist Reiterer auch AMS-Trainerin auf Werkvertragsbasis für Verkauf, Kommunikation und Persönlichkeitsbildung. Reiterer hat Spaß an ihrem Job. Unzufrieden ist sie aber mit der ­großen Rechtsunsicherheit und auch mit dem, was die Gewerkschaft will.

Streit um Kollektivverträge
Denn die Arbeitnehmervertreter wollen in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer und dem AMS Kollektivverträge für alle Trainer erarbeiten: Rechtsunsicherheit soll mit Anstellungen begegnet werden. Der Verband für Berufs- und Bildungsberater ist mit einer solchen Zwangsanstellung jedoch nicht zufrieden. Die Hauptprobleme sind die mangelnde Wahlfreiheit und die wahrscheinlich geringeren Löhne. Das befürchtet auch Reiterer: „Ich würde nur noch 1.200 bis 1.400 Euro netto verdienen. Das verdient aber auch der Gabelstaplerfahrer, dem ich das Fahren beibringe und der dafür nur einen Gabel­staplerschein braucht.“ Trainer verdienen damit weniger, und das in einer Branche, die ohnehin schon sehr mit Lohndumping zu kämpfen hat. Freie Dienstnehmer müssen für denselben Lohn deutlich länger arbeiten. Thomas Laggner will sich deshalb ­gegen solche schlechteren Konditionen wehren. Der 49-Jährige ist Lebens- und Sozialberater. Die erste Frage, die er Personen stellt, die seine Beratung in Anspruch nehmen, lautet: „Was möchten Sie gerne?“ Eine Frage, die Laggner für sich selbst ganz genau beantworten kann: „Ich will Gestaltungsfreiheit bei Einnahmen und Absetzbarkeit.“ All das würde der neue Kollektivvertrag nicht bringen.

Die Vorteile der Atypischen
Prinzipiell ist atypische Beschäftigung nichts Schlechtes, wenn sie freiwillig und zu guten Konditionen erfolgt. Für Unternehmen bringt atypische Beschäftigung gerade für den Weg aus der Krise Vorteile, da es sich um eine sehr flexible und günstige Arbeitsform handelt. Das Um und Auf für eine positive Ge­staltung der atypischen Beschäftigung ist Beratung. Doch gerade an dieser mangelt es leider immer noch. Politik, Gewerkschaften und Wirtschaftskammer scheinen mit dem Begriff atypische Beschäftigung immer noch wenig anfangen zu können: Die Wirtschaftskammer behandelt sie als Vollunternehmer, und die Gewerkschaft sieht nur die Probleme, die ein solches Arbeitsverhältnis mit sich bringen kann. Doch langsam scheint es sich herumzusprechen, dass die Zahl der atypisch Beschäftigten stetig wächst und die neuen Erwerbsformen den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern werden. Selbst wenn es ihm nicht gefällt, auch ÖGB-Präsident Erich Foglar musste erkennen, dass man Atypische unterstützen muss. „Flexpower“ heißt die vom ÖGB angebotene kostenlose Erstberatung für freie Dienstnehmer und Neue Selbständige. Hier können arbeits-, steuer- und ­sozialversicherungsrechtliche Fragen geklärt werden. Auch die GPA bietet mit „work@flex“ eine Service-Plattform für atypisch Beschäftigte an. Im Mittelpunkt stehen hier die Information über rechtliche Grundlagen und die Vernetzung der atypisch Beschäftigten. Ein Beispiel für erfolgreiches „Gewerkschaften“ für die Atypischen war die Aufdeckung von Umgehungsverträgen im Callcenter-Bereich. Die Betroffenen wurden von der GPA eingehend beraten, und es gelang schließlich, zweifelhafte Klauseln aus den Verträgen zu entfernen und einen Teil der unsicheren Beschäftigungsverhältnisse wieder in Vollanstellungen umzuwandeln.

Beratung lässt noch zu wünschen übrig
Die Beratung für die freiwillig Atypischen und deshalb nur hin und wieder Unzufriedenen steckt aber nach wie vor noch in den Anfängen. Die Gruppe ist anscheinend zu klein, kleinere Probleme und Fragen oft sehr unterschiedlich. Die Lösungen gehen deshalb nicht selten an den Bedürfnissen der atypisch Beschäftigten vorbei. Ein Beispiel dafür ist etwa die 2009 eingeführte freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbständige. Sie scheint zwar ein Schritt in die richtige Richtung, doch mit Beiträgen bis zu 211,05 Euro monatlich ist sie für viele zu teuer. Einziger Vorteil: Man kann sich frühere Arbeitslosenzeiten auch Jahre später noch anrechnen lassen. Die Arbeitslosenversicherung für Freie Dienstnehmer, die 2008 in Kraft trat, führte wiederum auf Unternehmerseite zu Unmut. Seit der Einführung der Versicherung ist die Anzahl der freien Dienstnehmer etwas gesunken. Kein Wunder, dass sich Andrea Zcutty nicht gut vertreten fühlt. Die 35-Jährige ist Kunst- und Kulturvermittlerin auf Honorarnotenbasis. Obwohl es gerade in diesem Bereich sehr viele atypisch Beschäftigte gibt, sieht Zcutty die Beratung derselben noch in den Kinderschuhen. Ihr Resümee: „Man muss sehr diszipliniert und stets gut informiert sein, um sich durch Unwissenheit oder Nachlässigkeit nicht unternehmerisch zu schaden.“

Gebot der Fairness auch für Unternehmen
Klarheit aber braucht es, gerade wenn Unternehmen als Krisenausstiegsmodell an Attraktivität gewinnt. „Sie sind zwar als Erste von Arbeitslosigkeit betroffen, haben danach aber wegen der Flexibilität auch gute Chancen, schnell wieder einzusteigen“, sagt der Soziologe Andreas Riesenfelder. Das erkennt man besonders an der Situation der Leiharbeiter: Sie sind sehr oft sehr unzufrieden mit ihrem Arbeitsverhältnis. 2002 wurde zwar ein Kollektivvertrag erstellt, der erstmals Bezahlung, Stehzeiten und Dienstreisen klar und einheitlich regelte, doch die Realität sieht oft noch immer anders aus. Das weiß Gabriele Lichtenstrasser aus eigener Erfahrung zu berichten. Die 47-Jährige war ein Jahr Zeitarbeiterin bei einer Computerfirma, eigentlich als Sprungbrett, um eine Vollzeitanstellung im Unternehmen zu ergattern. Es war kein gutes Jahr für Lichtenstrasser. Sie erhielt einen geringen Lohn, und ihr wurde von der Stammbelegschaft deutlich gemacht, dass sie sich auf einem niedrigeren Niveau befindet. Um den Unterschied zwischen regulären und Leiharbeitern deutlich zu machen, gab es sogar einen opti­schen Hinweis. Ihr Ausweis war orange, jener der regulären Belegschaft blau. Immer wieder wurde ihr eine Übernahme in das Unternehmen in Aussicht gestellt – eingehalten wurde das Versprechen jedoch nie. Lichtenstrasser wandte sich schließlich an den Betriebsrat. Das Ergebnis: eine einvernehmliche Kündigung und neuerliche Arbeitslosigkeit.

Raus aus der zweiten Klasse
Lichtenstrassers Beispiel macht deutlich, dass ein Umdenken auf Unternehmerseite unbedingt notwendig ist. Leih­arbeiter werden von Arbeitgebern häufig noch immer als Menschen zweiter Klasse angesehen. Der Keil zwischen Stamm- und Randbelegschaft führt zu Unzu­friedenheit im Betrieb und schlechterer sozialer Absicherung aller, musste auch die Arbeiterkammer feststellen. Sie lässt deshalb im Moment eine Studie erstellen, um neue Strategien zu erarbeiten. Sie soll im Herbst veröffentlicht werden. „Werden die Leiharbeiter vernachlässigt, schadet das dem ganzen Unter­nehmen“, so Andreas Riesenfelder. Er führt zusammen mit seinem Team gerade eine Studie über Leiharbeiter durch und kommt zu dem Schluss, dass auch in der Leih­arbeitsbranche ein Umdenken stattfinden muss. Betriebsräte sind zum Beispiel ein Ziel – Walther Theisl, 30, macht es vor. Er ist Leiharbeiter und seit fünf Jahren ­Betriebsrat bei einer Personalvermittlungs­firma, wo er sich für die Rechte seiner ­Kollegen einsetzt. Er ist übrigens seit neun Jahren Zeitarbeiter aus Leidenschaft. Seinen alten Job als Rauchfangkehrer vermisst er nicht. Denn klar ist, dass es jedenfalls neue Regeln braucht: Denn atypisch Beschäftigte sind eben keine einheitliche Gruppe, über den Kamm scheren kann man sie nicht. Sie arbeiten in den verschiedensten Branchen und haben unterschiedliche Wünsche. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie verkörpern den Umbruch der Arbeitswelt.

Von Martina Madner und Silke Pixner

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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