"Fünf Sterne" für Italien

"Fünf Sterne" für Italien

Noch vor wenigen Wochen war Federico Pizzarotti (Bild) ein unbekannter Computertechniker im Dienste einer Bank. Doch seit seinem Sieg bei der Bürgermeisterwahl in Parma ist der Polit-Neuling von der Protest-Bewegung Fünf Sterne der meist beobachtete Politiker Italiens.

Der Gründer und Chef der Bewegung, der Komiker Beppe Grillo, hat nach dem Kommunalwahl-Erfolg der Fünf Sterne vor allem im Norden der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone Abgeordnetenkammer und Senat im Blick, die 2013 neu gewählt werden. "Stalingrad haben wir schon eingenommen, jetzt geht's Richtung Berlin", zog der zottelhaarige Grillo laut Medienberichten einen etwas schrägen Vergleich.

Die erst vor drei Jahren gegründete Protestbewegung bedient sich der deutschen Piratenpartei ähnlich des Internets, arbeitet mit Blogs und spielt auf der Klaviatur sozialer Netzwerke wie Twitter und Facebook. Trotz ihrer Jugend ist sie mittlerweile die zweitpopulärste politische Kraft, holte bei den Teilkommunalwahlen in diesem Monat 18 Prozent und gilt Umfragen zufolge jedem zweiten Italiener als wählbar.

Europäischer Trend

Der Aufstieg der Fünf-Sterne-Bewegung, die sich nach dem Willen Grillos nicht Partei nennen soll, liegt im europäischen Trend und ist mit den Wahlerfolgen etwa der Piratenpartei in Deutschland zu vergleichen. Und wie vor 20 Jahren die rechte und fremdenfeindliche Liga Nord feiern die Fünf Sterne ihre Triumphe im Norden des EU-Mitbegründers. Das für seinen Hartkäse und den luftgetrockneten Schinken berühmte Parma ist eine der reichsten Städte in der hoch industrialisierten Region.

Im Gegensatz zu Grillo, der die Auftritte im Scheinwerferlicht genießt, fremdelt der Jeans- und Turnschuhträger Pizzarotti noch mit dem großen Medieninteresse an seiner Person. "Ein schweres Gewicht lastet auf meinen Schultern", klagt er im Gespräch mit Reuters. Und im Gegensatz zu Grillo, der im Streit über das Sparprogramm der Technokraten-Regierung von Ministerpräsident Mario Monti verbal zumeist die Keule schwingt und Obszönitäten um sich wirft, nutzt sein Statthalter in Parma lieber das Florett.

"Wir sollten Banken nicht dämonisieren. Sie spielen in jedermanns Leben eine grundlegende Rolle", empfiehlt Pizzarotti Zurückhaltung. Der grimmige Grillo fordert den Austritt aus der Euro-Zone, die Abwertung der Lira und will ausländische Banken zwingen, Schuldenzahlungen in der wiedereingeführten Landeswährung mit Verlusten zu akzeptieren. "Rigor Montis", schimpft der Komiker den Regierungschef in Anlehnung an den lateinischen Begriff für Leichenstarre (Rigor Mortis). Zudem nennt er Montis Vorgänger Silvio Berlusconi einen "Psycho-Zwerg". Die etablierten politischen Parteien hält Grillo für tot, ihre Chefs seien Zombies, Vampire und Mumien.

Der Pflüger und der Säer

Die größte Herausforderung für den Neu-Bürgermeister Pizzarotti wird Parmas Schuldenberg von 600 Millionen Euro sein. Ganz pragmatisch will er sich mit der Opposition um Konsens bemühen. Auch die Frage nach dem von Grillo angestrebten Austritt aus der Euro-Zone umschifft er diplomatisch: Er sei kein Ökonom. "Wir haben verschiedene Aufgaben", skizziert er den Unterschied zu Grillo, der "Lautsprecher" der Bewegung sei. "Er ist wie ein Pflug, der die Erde aufbricht. Wir säen."

Bei den Wählern kommen die Neuen gut an, doch sind auch kritische Zwischentöne zu hören. "Es ist gut, neue und unverbrauchte Gesichter zu sehen. Aber man braucht erfahrene Leute, um eine Stadt zu regieren", mahnt eine Barbesitzerin.

Dass sie noch viel zu lernen haben, wissen auch Pizzarotti und die 19 Ratsmitglieder der Fünf-Sterne-Bewegung. Ab Dienstag bringen ihnen Professoren im Crashkurs Verwaltungsrecht bei. Außerdem suchen die Neuen nach einem Verwaltungschef. Das Anforderungsprofil: Keine Vorstrafen, kein Parteibuch, aber nachgewiesene Kompetenz.

Reuters

Kommentar
Peter Pelinka

Standpunkte

Kern geht, doch die Kernfragen bleiben

Kommentar
trend-Chefredakteur Andreas Lampl

Standpunkte

Klassenkampferl gegen den Zwölf-Stunden-Tag

SPÖ: Doris Bures steht nicht für Vorsitz zur Verfügung

Politik

SPÖ: Doris Bures steht nicht für Vorsitz zur Verfügung