Fünf Österreichische Unis im FORMAT-Härtetest

Notfall Universitäten: Überfüllte Hörsäle, hohe Kosten, zu viele Abbrecher – die Hochschulen werden zum Sorgenkind der Republik. Mangelt es an Geld oder an Effizienz? FORMAT nahm fünf heimische Unis genauer unter die Lupe.

Test Nummer eins: Pünktlich um 9.30 Uhr begann am 1. September erstmalig der Test für das Psychologie-Studium an der Uni Wien – 1.303 Interessenten stehen 600 Studienplätzen gegenüber. Der Andrang auf die heimischen Hochschulen ist auch in diesem Semester groß. Und er wird immer größer. Test Nummer zwei: Am 9. September wird das Uni-Ranking der britischen Gesellschaft QS veröffentlicht. Die einzige österreichische Uni, die es in die Top 200 schafft, ist die Hauptuniversität in Wien. Aber auch sie fällt wieder zurück. Die österreichischen Unis gehören schon lange nicht mehr zu den Top-Unis, die Qualität wird sogar schlechter

Die Reaktion von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP): Auch sie testet, aber nicht die Unis. Test Nummer drei ist einer für den Koalitionspartner und die Studierenden. Studienbeiträge für Lehrveranstaltungen sollen das Uni-Budget retten, die SPÖ sagt klar: „Nein.“ Für SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl ist das eine „emotionale Sache“. Er würde sich von ÖVP-Ministern erwarten, dass diese Karl fragen, „ob sie wo angerannt ist“. Etwas weniger herb die Studierenden: Rücktrittsforderungen und die Ankündigung von Demonstrationen.

Doch was steckt wirklich hinter dieser Diskussion? FORMAT hat fünf österreichische Hochschulen auf den Prüfstand gestellt , hat Budgets und Ausgaben pro Student verglichen, das Verhältnis von Studenten zu Professoren untersucht. Das Ergebnis: Entweder brauchen die Hochschulen mehr Geld – oder Zulassungsbeschränkungen. Und: Der heimischen Uni-Politik fehlt enorm viel Mut. Das Bekenntnis, international mit den besten österreichischen Köpfen punkten zu wollen, lässt sich mit der aktuellen Ausstattung der Massenunis nicht erreichen.

Effiziente Massenunis

Ein Studienabschluss in Österreich ist teuer. Einsparungen mit der Rasenmähermethode quer über alle österreichischen Unis sind aber trotzdem fehl am Platz. Der Staat zahlt im Moment nur 1,3 Prozent des BIP für die Uni-Bildung. Regierung und Nationalrat hatten sich aber gemeinsam zum EU-Kommissionsziel von zwei Prozent des BIP bis spätestens 2020 bekannt. Dann kam das große Sparen, und im jüngsten Bundesfinanzrahmengesetz wurde die Jahreszahl kurzerhand eliminiert.

Bleibt die Frage: Gibt es Effizienzpotenziale? Karl sagt: Ja. Und TU-Graz-Rektor Hans Sünkel, der seit Anfang 2010 auch den Vorsitz der Rektorenkonferenz innehat, ärgert sich darüber: „Natürlich kann keine einzige öffentliche Institution weltweit von sich behaupten, gar keine Effizienzpotenziale mehr zu haben. Aber: Immer mehr Verwaltungsaufgaben wurden vom Ministerium an die Unis ausgelagert, das Personal aber nicht aufgestockt. Viele sind bereits am Rande ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit.“ Außerdem gibt es in vielen Fächern von Jahr zu Jahr mehr Studierende und damit Personalmangel auch bei Lehrenden und Forschenden. „Das Budget darf nicht eingefroren werden. Zumindest der Inflationsausgleich muss auch nach 2013 gewährleistet werden“, fordert Sünkel.

Tatsächlich zeigt sich im FORMAT-Test: Obwohl Österreich mit 14,6 Studierenden pro Lehrenden knapp besser als der EU-Durchschnitt (15,4) abschneidet, müssen sich an manchen Hochschulen deutlich mehr Lernbegierige einen Professor oder Assistenten teilen. An der Uni Wien kommt auf 222 Studierende ein Professor (Vollzeitäquivalent). Noch schlechter ist die Situation an der Wirtschaftsuniversität Wien mit 418 Studierenden pro Professor. Entsprechend eindeutig die Reaktion von WU-Rektor Christoph Badelt: „Es ist wirklich paradox, von uns Effizienz zu verlangen, wenn die größte Quelle der Ineffizienz bei der Politik selbst liegt. Und zwar indem sie den freien Zugang zu den Unis offen hält, ohne aber dann die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen.“ Zurzeit beginnen Jahr für Jahr 7.000 Studienanfänger, Kapazität hätte die WU gerade mal für 2.200 Neulinge.

Problem: Massenhaft Studienabbrecher

Sorgen bereiten aber nicht nur die vielen Studienanfänger. In Österreich gibt es vielmehr ein Problem beim Durchhaltevermögen bis zum Schluss: Quer über alle Unis hinweg schließen nur 64 Prozent ihr Studium zumindest mit einem Bachelor ab, im OECD und im EU-Schnitt sind es 71 Prozent. Schuld daran ist nicht nur die falsche Studienwahl, sondern auch die geringe Quantität des Angebots. Gibt es in überlaufenen Fächern zu wenig Lehrende, müssen die Studierenden Semester um Semester auf ihre Kurse und Seminare warten. Das Studium zieht sich so für viele in die Länge, der Ausstieg in den Job ohne Abschluss wird attraktiver.

Ada Pellert, Bildungsforscherin und Präsidentin der Deutschen Universität für Weiterbildung, wundert sich deshalb, warum sich Österreich als eines der letzten Länder der EU weder Studiengebühren noch Zugangsbeschränkungen zu den Unis leistet. Ehrlicher wäre es wohl, den angeblich freien Zugang zu den Unis in klare Regeln zu übersetzen. Die Lösung hätte Universitätsforscher Hans Pechar: eine Studienplatzfinanzierung, bei der das Budget nicht mehr von der Zahl der Studierenden abgekoppelt ist, ähnlich wie an den Fachhochschulen. Die Uni weiß, mit wie vielen Leuten sie rechnen muss. Und die Studenten finden dann aber auch ausreichende personelle und materielle Ressourcen vor. Die Universitäten wären dann zwar immer noch nicht wie jene in Harvard, aber Staat und Wirtschaft wüssten zumindest, wie viele Techniker sie erwarten dürfen.

Mut kann man nicht kaufen

Doch dazu fehlt den Politikern von SPÖ und ÖVP der Mut. Dabei wären mit gut ausgestatteten Studienplätzen und besserer Betreuung auch tatsächlich Gebühren gerechtfertigt. „Zumindest kann man dann darüber sprechen, wenn auf alle Unis neues Geld zukommt“, räumt der ÖH-Vorsitzende Lukas Vollmer an der Montanuniversität Leoben ein. So aber solidarisiert er sich mit den Demonstranten. Die „Uni brennt“ also wieder, wie im letzten Herbst.

– Martina Madner, Clemens Triltsch

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