"Frühpension ist Verrat an der Jugend"

"Frühpension ist Verrat an der Jugend"

Format: Finanzkrise, die demografische Entwicklung, Arbeitslosigkeit - die Jugend ist mit vielen Problemen konfrontiert. Hat die Jugend eine Chance?

Hannes Androsch: Vorausgesetzt, wir schaffen endlich faire Chancen auf eine gute Ausbildung für alle, hat die Jugend eine Chance. Sie muss allerdings auch Entschlossenheit und die eigenverantwortliche Bereitschaft zeigen, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Die Jugend hat ein Recht darauf, aufs Pferd gesetzt zu werden. Reiten müssen die jungen Menschen dann schon selbst.

Format: Das Pferd könnte aber ein ausgehungerter Klepper sein …

Androsch: Die Jugend hat zu Recht das Gefühl, dass für sie nicht viel übrigbleibt. Die vielgerühmte 68er-Generation geht in diesen Tagen in Frühpension. Damit unterscheidet sie sich negativ von der Nachkriegsgeneration, die auch für die eigenen Kinder etwas aufbauen und hinterlassen wollte. Der Unfug der Frühpensionierungen bei gleichzeitig immer besserer gesundheitlicher Verfassung der Betroffenen ist ein ungeheuerlicher Verstoß gegen den Generationenvertrag. Man kann nicht alles wegfressen, man muss auch Saatgut für die nächste Generation zurückhalten. Es ist beschämend, wie unsere politischen Entscheidungsträger, egal von welcher Partei, das seit Jahren ignorieren.

Format: Wo sehen Sie die größten Zukunftsprobleme?

Androsch: Mit Sicherheit im Bildungssektor. Dort ist es wie bei der katholischen Kirche, deren Lenker leben auch 100 Jahre hinterm Mond. Wir brauchen eine grundlegende Reform des gesamten Bildungsbogens von der Kinderkrippe bis zur Universität. Frauen brauchen die Möglichkeit einer frühzeitigen Kinderbetreuung, damit sie rasch wieder ins Erwerbsleben zurückkehren können. In Ländern wie Skandinavien oder Frankreich, wo das geboten wird, sehen wir, dass Frauen viel stärker im Arbeitsprozess integriert sind als in Österreich. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, dass wir es uns nicht leisten können, auf diese Arbeitskräfte zu verzichten. Wir brauchen Schulzentren, Campus-Modelle und eine Ganztagesbetreuung in den Schulen und keine reaktionäre Ideologiedebatte über Schulmodelle, die von den USA bis Skandinavien eine Selbstverständlichkeit sind. Und wir brauchen eine qualitative Verbesserung des Bildungssystems. Wenn ich sehe, dass es in Österreich derzeit 75.000 junge Menschen ohne Schulabschluss gibt, brauche ich keine PISA-Studie, um festzustellen, dass das derzeitige Modell geändert gehört.

Format: Warum ändert sich im Bildungsbereich seit Jahrzehnten nichts?

Androsch: Das Bildungssystem in Österreich ist auf Mittelmäßigkeit aufgebaut, es wird nach unten nivelliert, anstatt nach Exzellenz und Talent bei den jungen Menschen zu suchen. Dazu kommt, dass die soziale Durchlässigkeit im Bildungssystem in den letzten Jahren deutlich schlechter geworden ist. Bildung ist aber das einzige Kapital, mit dem Österreich auf Dauer im immer härter werdenden globalen Wettbewerb bestehen kann.

Format: Investieren wir genügend in die Forschung?

Androsch: Bis 2008 haben sich die Investitionen in die Forschung sehr gut entwickelt. Seit der Krise stagnieren sie leider. Wir schaffen es nicht, die Forschungsquote von drei Prozent des BIP zu überspringen. Länder wie Südkorea, die Schweiz oder Schweden erreichen Forschungsquoten von bis zu sechs Prozent, die auch von entsprechenden Wachstumszahlen begleitet werden. Österreich ruht sich zu sehr auf seinen Erfolgen aus. Alle wichtigen Standort-Eckdaten gehen seit Jahren sanft, aber beständig zurück. Da spielen wir bald in der Kreisliga und nicht mehr in der Champions League, wo wir hingehören.

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