Frankreich wählt: Macron hat noch nicht gewonnen

Bei der Präsidentenwahl in Frankreich gibt es Parallelen zur Stichwahl bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich im vergangenen Jahr: Auch in Frankreich ist Vertreter einer etablierten Großpartei in der Endrunde. Die Entscheidung fällt zwischen dem parteiunabhängigen Emmanuel Macron und der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Umfragen zufolge soll Macron einen komfortablen Sieg einfahren. Doch die Entscheidung fällt erst am 7. Mai.

 Frankreich wählt: Macron hat noch nicht gewonnen

"Der Albtraum einer Wahlbewegung: Wenn Kommentatoren 2 Wochen vor einer Wahl erklären, diese sei angeblich schon gelaufen..." So kommentierte kein Geringerer als Lothar Lockl, der im vergangenen Jahr bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich oberster Wahlstratege Alexander Van der Bellens war, die Reaktionen auf den Ausgang des ersten Wahlgangs in Frankreich: Nachdem der unabhängige frühere Wirtschaftsminister Emmanuel Macron 23,75 Prozent der Stimmen erhalten hatte und damit vor Marine Le Pen, der Chefin der rechtsextremen Front National, lag (21,53 Prozent) wurde Macron sogleich ein Erdrutschsieg bei der Stichwahl am 7. Mai vorausgesagt.

Auch wenn tatsächlich viel für Macron spricht, fast alle unterlegenen Kandidaten nach der ersten Runde eine Wahlempfehlung für Macron abgaben und der wirtschafts- und sozialliberale 39-jährige Polit-Aufsteiger in allen Umfragen einen deutlichen Vorsprung gegenüber Le Pen hat ist der Kuchen noch nicht gegessen. Wenn sich die Macron-Unterstützer allzu sicher wähnen und etwa wegen des schönen Wetters die Stichwahl schwänzen, könnten sie eine unangenehme Überraschung erleben. Man erinnere sich nur an das Brexit-Referendum im Juni 2016.

Doch nicht nur das Wetter könnte Le Pen doch noch in den Elysee Palast führen. Auch die Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung, die sich von keinem der beiden Kandidaten repräsentiert sehen, ist nicht zu unterschätzen. Vor allem manche Unterstützer der Linken lehnen den "elitären" "Neoliberalen" ebenso ab wie die "Fremdenfeindin" und agitieren in sozialen Medien wie auch auf der Straße eher für ein Fernbleiben von der Wahl. Und eine niedrige Beteiligung könnte wiederum die Rechtsaußen-Kandidatin begünstigen.

Das Volk und die Eliten

Le Pen spielt im aktuellen Wahlkampf die Trump-Karte aus: Sie hat ihre Kampagne gegen Macron nun ganz auf den Kampf des Volkes gegen die "Eliten" ausgelegt. Die breite Unterstützung, die Macron in den vergangenen Wochen sowohl aus Frankreich als auch aus anderen EU-Staaten erhalten hat, spielt ihr dabei in die Karten. Sie selbst stellt sich als "Kandidatin des Volkes" dar und Macron, den Absolventen der Elitehochschule ENA, den Ex-Banker und Ex-Wirtschaftsminister als "Kandidaten der Oligarchie". Dass Le Pen selbst aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt lässt sie dabei geflissentlich unter den Tisch fallen.


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Die breite Unterstützung für den europa- und wirtschaftsfreundliche Macron ist zudem meistens mit dem Hinweis verbunden, dass damit Le Pen an der Staatsspitze verhindert werden kann. Viele, die ihm am kommenden Sonntag ihre Stimme geben, werden das daher wohl eher aus Ablehnung gegen Le Pen und ihre Front National tun als aus Begeisterung für Macrons eigenes Programm, das oft als vage kritisiert wird.

Ein weiteres Fragezeichen bleibt die Parlamentswahl im Juni: Macron hat keine etablierten Parteistrukturen hinter sich. Seine Bewegung En Marche! will zwar Kandidaten in allen Wahlkreisen nominieren, doch ist unklar, ob sich damit eine präsidentielle Mehrheit zustande bringen lässt - zumal nach seiner Ankündigung die Hälfte der Bewerber von En Marche! Menschen sein müssen, die noch nie ein gewähltes Amt innehatten. Ohne Unterstützung der "etablierten" Politik wird es Macron - selbst wenn er die Stichwahl am kommenden Sonntag gewinnt - daher auch in Zukunft schwer haben.

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