FORMAT-Exklusiv: Der geheime Sanierungsplan der Volksbanken AG

In der Volksbanken AG bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Verkauf des Auslandsgeschäfts wurde mit dem Finanzministerium paktiert. Am Ende soll eine geschrumpfte „Mittelstandsbank“ übrig bleiben.

Mit Herzklopfen trippelte die kleine Abordnung durch die Gänge in der Hinteren Zollamtsstraße 2b. Die Eigentümervertreter der Volksbanken AG (VBAG) waren sichtlich nervös.

Zum Rapport ins Finanzministerium gebeten zu werden ist nie sehr angenehm. Weil die Republik die viertgrößte Bank Österreichs im Vorjahr mit einer Milliarde Euro Staatsgeld stützte, muss sie in strategische Entscheidungen früh eingebunden werden.

Im Beisein von Abgesandten von Ergo Versicherung und DZ Bank, die extra aus Deutschland angereist waren, und anderen Volksbanken-Aktionären präsentierten die Bankchefs Gerald Wenzel und Michael Mendel ihre Zukunftspläne. Die Eckpunkte des streng vertraulichen Projekts „Mittelstandsbank“ liegen FORMAT jetzt exklusiv vor.

Was auf den ersten Blick unspektakulär klingt, wird die Welt der Genossenschaftsbanker nachhaltig erschüttern. Denn das Spitzeninstitut der Volksbanken, das vor der Krise noch 77 Milliarden Euro Bilanzsumme auf die Waage brachte, soll sich laut Plan von derzeit 50 auf unter 30 Milliarden Euro gesundschrumpfen. So sollen Bereiche, die nicht Kerngeschäft sind, abgestoßen werden, riskante Aktiva wie Kredite abgebaut werden. Die aktuelle Nummer vier im Ranking der größten Banken Österreichs wird so auf Platz neun zurückfallen. Die VBAG würde dann sogar hinter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und der RLB NÖ-Wien liegen. Weder Wenzel noch Mendel wollen die radikalen Pläne kommentieren.

Ende der Expansion

Der Umbau hat längst begonnen. Die Immobilientochter Europolis wurde kürzlich an die CA Immo verkauft. Die Retail-Töchter Volksbank Wien, Volksbank Linz-Mühlviertel und Ärztebank sowie Immo-Bank und VB Factoring gingen an regionale Volksbanken. Im gleichen Tempo soll es weitergehen. Das Finanzministerium gab Wenzel und Mendel das O. K. für den Ausstieg aus dem internationalen Geschäft. Zwar verlieren die Volksbanken so jede Wachstumsfantasie, aber auch das Klumpenrisiko CEE. „Wir müssen uns damit abfinden, kleinere Brötchen zu backen“, sagt ein hochrangiger Volksbanker. Expansion war gestern, jetzt muss General Wenzel voll auf die Bremse steigen.

Konkret wird laut Plan nach einem Käufer gesucht, der die 51 Prozent an der Ostholding Volksbank International (5.370 Mitarbeiter in neun Ländern; 13,9 Milliarden Euro Bilanzsumme) und den Hälfteanteil an der VB Leasing International übernimmt. Interessenten aus Deutschland soll es bereits geben. „Wir halten uns alle strategischen Optionen offen“, sagt Volksbank-Pressesprecher Walter Gröblinger, der die FORMAT-Recherchen weder bestätigen noch dementieren will. Nachsatz: „Es stimmt aber, dass wir uns künftig auf das klassische Bankgeschäft mit Fokus auf Österreich konzentrieren werden.“

Im Dezember sollen die Gremien die notwendigen Beschlüsse zur Umsetzung des Projekts „Mittelstandsbank“ fassen. In die Verhandlungen involvierte Personen erwarten keine Querschüsse. Ganz im Gegensatz zur geplanten Fusion mit der Bawag, die in letzter Minute gescheitert ist.

Veto gegen Fusion

Zur Erinnerung: Im März startete das Volksbank-Management geheime Gespräche mit dem US-Fonds Cerberus, die eine Fusion mit der Bawag-PSK-Gruppe zum Ziel hatten. Der Plan wurde zunächst von allen Seiten, also von Aktionären, Aufsicht, Ministerium und Notenbank, begrüßt. Sowohl Bawag als auch VBAG steckten viel Geld in die Due Diligence. Doch kurz vor Abschluss legten die regionalen Volksbanken, denen 58,2 Prozent der maroden VBAG gehören, ein Veto ein. Bei der Fusion hätten sie Teile ihrer Souveränität abgeben müssen. Dazu waren die kerngesunden Volksbanken aber nicht bereit. Der Vorstand musste zurück an den Start und eine Stand-alone-Lösung austüfteln – Ergebnis: das „Mittelstandsbank“- Konzept.

Eigenständigkeit und Unabhängigkeit sind den genossenschaftlich strukturierten Volksbankern sehr wichtig. Daher arbeiten sie auch mit allen Mitteln daran, das staatliche Partizipationskapital vorzeitig zurückzuzahlen. Im nächsten Jahr sind die ersten 300 Millionen Euro fällig, 2014 müssen weitere 300 Millionen abgeschichtet werden und 2018 der Rest. Bei nicht fristgerechter Rückzahlung hat die Republik ein Wandlungsrecht. Weil die VBAG derzeit auf zwischen 570 und 630 Millionen Euro geschätzt wird, wäre der Staat rasch größter VBAG-Aktionär.

Horrorszenario Verstaatlichung

Obwohl Finanzminister Josef Pröll grundsätzlich kein Interesse an einer dritten Bankverstaatlichung (nach Kommunalkredit und Hypo Group) hat, schließt er ultimative Disziplinierungsmaßnahmen nicht aus. Dass die Volksbanken mangels Profit keinen Cent an die Republik gezahlt haben, ärgert ihn. Der Dividendenentgang liegt bei 186 Millionen Euro – Tendenz: steigend. Die Volksbanken kennen den Ernst der Lage. Noch mehr als der (verhinderte) Cerberus-Einstieg wird die Teilverstaatlichung gefürchtet. Die gilt es mit allen Mitteln zu verhindern, etwa durch vorzeitige Rückzahlung des PS-Kapitals.

Über eine Kapitalerhöhung sollen 2011 die ersten 300 Millionen Euro rückgeführt werden. Laut VBAG-Aufsichtsratschef Hans Hofinger können das die Aktionäre stemmen. Für den Rest arbeiten die Volksbanker an kreativen Lösungen. Das aktuelle Angebot ans Finanzministerium: Das Part-Kapital wird nicht cash rückgeführt, sondern über eine sogenannte „Cashbox“. Dabei handelt es sich um ein Spezialvehikel, das mit werthaltigem Sondervermögen ausgestattet ist.

Das Ministerium ist für jeden konstruktiven Vorschlag offen. Probleme dürften eher die heimische Konkurrenz und die Wettbewerbshüter in Brüssel bereiten. Denn Erste Group und RZB haben ihre Verpflichtungen stets cash erfüllt. Und die EU-Kommission, die staatlichen Subventionen grundsätzlich kritisch gegenübersteht, könnte darin einen glatten Verstoß gegen EU-Beihilfe-Regeln erkennen.

Bericht an Brüssel

Der „Cashbox“-Deal soll im Restrukturierungsbericht der Volksbanken AG drinstehen, der zur Vorlage bei der EU-Kommission verfasst wird. Der Report umfasst den aktuellen Status der Bank, die bisherigen Sanierungserfolge, die Ergebnisse der Stresstests und die neuen Vereinbarungen mit dem Finanzministerium. Auch das neue Projekt „Mittelstandsbank“ wird als europarechtskonforme Stand-alone-Lösung im Restrukturierungsbericht ausführlich beschrieben sein.

Sobald das O. K. von Brüssel da ist, müssen die Volksbanker abermals zurück in die Hintere Zollamtsstraße 2b zur formellen Absegnung durch Josef Pröll. Das wird wohl ohne Nervenflattern abgehen.

– Ashwien Sankholkar

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Christoph Kotanko, Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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