FORMAT unterhielt sich per Chat mit dem Anonymous-Mitglied 'TVXor'<a href="#stern">*</a>

FORMAT: In der Szene sind Sie „TVXor“, im zivilen Leben IT-Administrator. Was hat Sie dazu bewogen, Mitglied von Anonymous zu werden?

TVXor: Es ist ja nicht so, dass man wirklich Mitglied von Anonymous wird. Das ergibt sich einfach. In unseren Chats und Foren entstehen Aktionen meist spontan, aus einem gemeinsamen Anliegen heraus.

FORMAT: Gibt es bei Anonymous eigentlich so etwas wie einen oder mehrere Anführer?

TVXor: An sich nicht. Klar gibt es aber in jeder Gruppe immer Personen, die andere mitreißen und begeistern können. Bei Anonymous und auch anderen Gruppen sind es im Endeffekt lediglich eine Handvoll Personen, die wirklich größere Aktionen planen.

FORMAT: Einige Personen dieser Gruppen geben sich gegenüber der Presse aber gerne als Anführer oder Sprecher aus.

TVXor: Mag sein. Das sind dann einfach Leute, die viel Zeit und Energie in unsere Aktionen investieren und allein dadurch wichtiger werden als andere. Einen gewählten Anführer haben wir jedenfalls nicht. Und es gibt auch niemanden, der anderen Vorschriften machen könnte. In gewisser Weise herrscht bei Anonymous eine organisierte Anarchie.

FORMAT: Gibt es so etwas wie ein klar definiertes Ziel oder mehrere klar definierte Ziele in Bezug auf das, was erreicht werden soll?

TVXor: Der kleinste gemeinsame Nenner von Anonymous ist sicher der Kampf gegen Zensur, gegen Korruption und für Informationsfreiheit. Daher richten sich die meisten Aktionen auch gegen Unternehmen und Institutionen, die sich genau in diesen Bereichen besonders negativ hervortun.

FORMAT: Anonymous hat also schon so etwas wie eine politische Agenda?

TVXor: Ich würde Anonymous eigentlich nicht unbedingt politisch nennen. Informationsfreiheit und offene Strukturen haben ja nicht unbedingt etwas mit Politik zu tun. Ideologisch ist jeder bei Anonymous selbstbestimmt.

FORMAT: Viele Angriffe, gerade jene aus der jüngeren Vergangenheit, erwecken den Eindruck relativer Zufälligkeit.

TVXor: Na, wir können doch nicht immer nur mit Ernst bei der Sache sein. Anonymous ist schließlich kein Job, sondern eher eine Lebenseinstellung. Da macht man auch mal etwas nur „for the lulz“.

FORMAT: Nur zum Spaß – also ganz ohne wirtschaftliche Interessen?

TVXor: Ich kann nicht ausschließen, dass das doch vorkommt. Ich weiß von einigen Fällen, wo Personen vor einem Leak („Datenklau“; Anm. d. Red.) schon mal auf einen fallenden Börsenkurs des betroffenen Unternehmens gesetzt haben. Das ist aber nur ein netter Nebeneffekt.

Interview: Jan Fischer

*„TVXor“ ist der Redaktion bekannt, nicht aber mit seiner wahren Identität – nach eigenen Angaben handelt sich bei ihm um ein Anonymous-Mitglied, verifizierbar ist dies jedoch nicht.

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