Florian Scheuba: "Das Netz hat den Stammtisch ersetzt"

Bestandsaufnahme: Florian Scheuba, Kabarettist und "Staatskünstler": "Auf der Bühne habe ich alle Freiheiten der Welt."

Bestandsaufnahme: Florian Scheuba, Kabarettist und "Staatskünstler": "Auf der Bühne habe ich alle Freiheiten der Welt."

Mit seinem neuen Soloprogramm "Folgen Sie mir auffällig" liefert Florian Scheuba eine Bestandsaufnahme österreichischer Realitäten. Anlässlich der Premiere sprach der Satireprofi mit trend-Kulturchefin Michaela Knapp über Fake News, #MeToo und die Alternative zu alternativen Fakten.

trend: Gibt es so etwas wie gute und schlechte Zeiten fürs Kabarett?
Florian Scheuba: Ja zu sagen, wäre ein bisschen so, wie wenn sich ein Arzt auf die Grippewelle freut. Ich habe da ein ambivalentes Verhältnis, denn ich bin ja auch ganz normaler Staatsbürger, und natürlich mache ich mir als solcher auch Sorgen, denn es gibt viele Dinge, die mich derzeit nicht freuen. Es gehört aber zu den spannenden Seiten meines Berufes, dass ich die Möglichkeit habe, zu reagieren, Dinge in der Öffentlichkeit zurechtzurücken, die sonst untergehen. Mein neues Programm ist eine Bestandsaufnahme. Es geht sehr wesentlich um die Frage: Welche Bedeutung hat die Wahrheit in der Welt der Fake News und der alternativen Fakten? Und es ist ein Reflektieren meiner eigenen Rolle, weil ich ja auch für mein Publikum eine gewisse Verantwortung trage.

trend: Sie haben, schon lange bevor Sie mit Thomas Maurer und Robert Palfrader als die "Staatskünstler" agiert haben, mit "Die 4 da" im ORF Polit-Edutainment betrieben. In einer Zeit, in der soziale Netzwerke noch nicht eine so entscheidende Rolle gespielt haben und Klickzahlen noch nicht meinungsbildend waren. Was hat sich heute für den Satiriker als Brandbeschleuniger verändert?
Scheuba: Es ist noch wichtiger geworden, gut zu recherchieren und Sachen aufzuzeigen. Es gibt ja mittlerweile sogar Agenturen, die als Dienstleistung gefälschte Online-Postings anbieten, sowohl im Jubelperserformat als auch als Konkurrenz-Vernaderung. Es ist wichtig, das aufzuzeigen, solange eine Staatssekretärin im Innenministerium erklärt, mit ein Grund für eine Strafrechtsreform ist, dass sie in den Onlineforen ganz viel darüber liest, dass die Leute das wollen. Wenn das schon die Grundlage für Realpolitik geworden ist, dann muss man aufschreien. Wir haben auch einen amerikanischen Wahlkampf gehabt, wo ein Drittel aller Tweets computergenerierte Bots waren. Es gibt auch eine Zahl zum österreichischen Wahlkampf, wonach 8.900 Facebook-User mehr als die Hälfte aller rund drei Millionen Kommentare zur Wahl verfasst haben und dadurch die Illusion erweckt haben, dass sie des Volkes Stimme sind.


Mittlerweile kann jeder alles behaupten und sagt danach einfach: "Das ist halt meine Wahrheit."

trend: Wo recherchiert denn der Skeptiker Scheuba?
Scheuba: Bei den klassischen Quellen, dem seriösen Journalismus. Gäbe es den nicht, würden sich auch die Herren Grasser, Meischberger und Plech irgendwo gemütlich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und sich nicht vor Gericht verantworten müssen. Es gibt Bereiche, wo es nicht um Meinung geht, sondern um Lüge. Das ist politisch wertfrei. Verschwörungstheorien von rechts - aber auch die intellektuelle Linke - haben ihren Anteil daran, wenn nach Poststrukturalismus und ähnlichem Schabernack mit Aussagen wie "Unsere Wirklichkeit ist nur eine gesellschaftliche Konstruktion" die Existenz von Fakten per se infrage gestellt wird. Mittlerweile kann jeder alles behaupten und sagt danach einfach: "Das ist halt meine Wahrheit, deine ist anders."

trend: Eine Hochzeit für Anwälte?
Scheuba: Auch. Es gibt ja sogar einen Anwalt in Wien, der es zum Geschäftsmodell gemacht hat, sich und seine Mitarbeiter in Kabarettvorstellungen zu setzen, um dann bei den auf der Bühne Erwähnten nachzufragen, ob sie nicht klagen wollen. Ein Satireblockwart, den man so gar nicht erfinden könnte.

trend: Wie haben Sie sich am ersten Tag des Buwog-Prozesses gefühlt, an dem ja zugleich auch die letzte Vorstellung der "Staatskünstler" über die Bühne ging?
Scheuba: Das war eine Ironie der Geschichte. Da konnte man an ein zyklisches Weltbild glauben. Damit hat sich ein Kreis geschlossen, der mit der Verlesung der "Abhörprotokolle" im Audi Max begonnen hat. Das hinterlässt einen mit guten Gefühlen und zeigt: Satire kann etwas bewirken.

trend: War das Ihre Leistung?
Scheuba: Was das öffentlich und nachvollziehbar Machen der Affäre betrifft: ja.


Es etwas Naives, zu glauben, ich verändere die Welt.

trend: Ihr Kollege Thomas Maurer sagt, wenn er glauben würde, dass er als Kabarettist die Welt verändern könne, wäre er eher ein interessanter Fall als ein interessanter Künstler. Sie haben sichtlich eine andere Auffassung vom Berufsbild?
Scheuba: Natürlich hat es etwas Naives, zu glauben, ich verändere die Welt. Aber umgekehrt zu sagen, das Einzige, was das Kabarett verändert, ist den Kabarettisten selber, ist sachlich falsch, ist Unsinn. Allein dadurch, was wir mit den "Staatskünstlern" in den letzten Jahren erlebt und bewegt haben, haben wir diese These widerlegt. In Amerika hat die Satire in Zeiten von Trump eine wesentliche Rolle übernommen, Leute wie Stephen Colbert oder John Oliver geben den Menschen das Gefühl, dass sie in dem Wahnsinn nicht alleine sind.

trend: Bleibt die Frage, wie es bei all den Aufklärungsmöglichkeiten zu so einem Wahlergebnis kommen konnte.
Scheuba: Darüber rätsle ich in meinem Programm und versuche, Mechanismen darzustellen, wie man in bestimmte Weltmodelle reinkippt. Ich thematisiere aber auch, wo es gut sein könnte, wenn es Alternativen zu den Fakten gibt: Es gibt Wissenschaftler, die ganz bewusst die Wahrheit verschweigen. Zum Beispiel bei neu entdeckten Pflanzen oder Tieren. Denn sobald die Daten veröffentlicht sind - so hat man die Erfahrung gemacht -, tauchen Sammler und Freaks auf, die diese neue Art haben wollen und damit gleich wieder ausrotten.

trend:
Ihr Programm heißt "Folgen Sie mir auffällig". Das weckt Assoziationen zu moderner Paranoia bis hin zu den Followers in den sozialen Netzwerken.

Scheuba: Natürlich spiele ich mit der Mehrdeutigkeit des Begriffes. Das Folgen spielt aber auch auf ein Ritual im Kabarett an: Die Leute können mir folgen, aber deswegen folgen sie mir nicht. Es geht jedenfalls nicht darum, dass ich mich verfolgt fühle, weil ich auf der Bühne alle Freiheiten der Welt habe.

trend: "Die investigative Satire" boomt weltweit, der ORF will sich die "Staatskünstler" als politische Informationssendung nicht mehr leisten.
Scheuba: Es ist Schicht im Schacht. Es gibt nicht mehr viele Satireformate im ORF außer "Willkommen Österreich". Für einen öffentlich-rechtlichen Sender mit Bildungsauftrag beschämend. Aber wir haben vor, weiterzumachen, vielleicht im Netz mit einem Medienpartner.


Die politische Korrektheit wird von der falschen Seite erobert.

trend: Political Correctness ist in einer Welle der Pseudomoral als Begriff inflationärer denn je.
Scheuba: Eigentlich ist der Begriff tot, denn jeder meint etwas anderes damit. In meinem Programm geht es auch darum, was es heißt es, wenn die politische Korrektheit von der falschen Seite erobert wird. Daraus resultieren schöne Beispiele: Man sagt nicht Pussy-Grabbing, sondern vaginal orientierte Haptik, man sagt nicht mehr Neonazi sondern Identitärer.

trend: Was heißt das für die Satire? Haben sich die Grenzen verschoben?
Scheuba: Man kann das nur in der jeweiligen Situation beurteilen. Wenn Sie mich fragen, ob man sich über körperliche Attribute von Politikern lustig macht, würde ich sagen, eher nein, weil das ist billig. Es gibt aber Ausnahmen, zum Beispiel: Erdogan, weil er eine Diktatur aufgezogen hat und sich über solche Witze ärgert. Da geht es dann nicht um die feinsinnige politische Pointe, sondern um den Wirkungstreffer. Mich interessiert aber prinzipiell das Nach-oben-Treten. Das Radfahrerprinzip in der Satire interessiert mich gar nicht.

trend: Am Faschingsdienstag hat Vizekanzler und FPÖ-Chef Strache dem ORF und "ZIB 2"-Anchor Armin Wolf in einem Facebook-Post Lüge vorgeworfen und das dann als Satire ausgewiesen. Sind Politiker jetzt auch Satiriker?
Scheuba: In meinem Programm fällt das Zitat: "Ich mache Satire, und da ist nie etwas genau so gemeint, wie es gesagt wird, sondern manchmal sogar ganz anders." Ich bezeichne den Spruch als satirische Bankrotterklärung und verweise darauf, dass "diese Argumentation mittlerweile von Fake-News-Erfindern dazu verwendet wird, um sich vor juristischen Konsequenzen zu drücken". Dank Strache kann ich diese Passage nun mit einem aktuellen Beispiel ergänzen.


Seit über vier Jahren versucht die Staatsanwaltschaft vergeblich, Kickl als Beschuldigten in einem Korruptionsprozess einzuvernehmen.

trend: Wie steht es generell um das Protestpotenzial der Kultur?
Scheuba: Die Gefahr einer übermäßigen Aufregung bringt auch manchmal eine Hysterisierung mit sich, die dann von denen genutzt wird, die es eigentlich treffen sollte. Wenn alle einen Menschenteppich bilden würden, sodass Innenminister Herbert Kickl nicht mehr ins Ministerium kommt, würde er das wohl nur nützen, um sich zu beklagen, wie antidemokratisch alle sind. Mir geht es in meiner Arbeit eher um Versachlichung. Seit über vier Jahren versucht die Staatsanwaltschaft vergeblich, Kickl als Beschuldigten in einem Korruptionsprozess einzuvernehmen. Bisher hat er sich hinter seiner parlamentarischen Immunität versteckt, die nun für den Minister nicht mehr gilt. Also kann er sich endlich den Anschuldigungen stellen. Das gehört verfolgt.

trend: Wie sehr darf man sich über die Auswüchse der #MeToo-Debatte lustig machen?
Scheuba: Man darf sich über alles lustig machen. Aber gerade beim Thema #MeToo ist die Grenze zum unfreiwillig Komischen bereits erreicht. Ich habe dazu nur einen Gedankengang im Programm. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lercher hat ja gesagt, Haider würde heute SPÖ wählen, Strache hat erklärt, Kreisky würde heute FPÖ wählen - Ikarus würde dann wohl Matthias Strolz wählen und Toni Sailer würde Peter Pilz wählen.

trend: Liest man Postings im Netz, zeigt sich, dass wir trotz vieler Diskussionen wohl noch nicht vor dem radikalen gesellschaftlichen Umbruch stehen.
Scheuba: Das Netz hat den Stammtisch und den Keller ersetzt. Die Leute rülpsen da alles raus. Wenn man das Netz als Maßstab nimmt, würde man meinen, 90 Prozent der Menschheit sind tief rassistisch. Aber vieles ist wohl nur unreflektiert.


Wenn man das Netz als Maßstab nimmt, würde man meinen, 90 Prozent der Menschheit sind tief rassistisch.

trend: Wie sehr nutzen Sie selbst das Netz als Feldforschung?
Scheuba: Ich habe eine Fanseite auf Facebook und bin auf Twitter mit höchstens einer Meldung pro Woche, alles andere wäre mir eine zu große Zeitfalle. Ich bin ein wahnsinnig altmodischer Mensch. Ich schneide auch noch Zeitungsartikel aus und hebe sie mir auf, sortiert in einer Mappe mit Klarsichtfolien. Ich verarbeite im aktuellen Programm eine Meldung, die ich mir 2006 ausgeschnitten habe.

trend: Muss man heute auf der Bühne in den Aussagen drastischer sein, wenn alles so schwammig ist?
Scheuba: Man muss dreimal unterstreichen, wenn etwas echt ist, erklären, dass man sich etwas nicht ausgedacht hat. Als wir mit den "Staatskünstlern" das Dietrich-Birnbacher-Gutachten - sechs Millionen Euro für ein Gutachten von sechs Seiten! - thematisiert haben, haben viele gedacht, wir hätten uns das ausgedacht.

trend: Liegt unser aller Schmerzgrenze heute höher? Über viele Absurditäten kann man sich ja nicht einmal mehr wundern.
Scheuba: Es werden so viele Säue durchs Dorf gejagt, da entwickelt man natürlich einen gewissen Pragmatismus.

trend: Eventuell auch Politikverdrossenheit?
Scheuba: Die sehe ich nicht. Zu solchem Fatalismus neige ich nicht.


Zur Person

Florian Scheuba, 52. Nachdem er gemeinsam mit Thomas Maurer und Robert Palfrader in der TV-Politsatire Sendung "Wir Staatskünstler" heimische Realitäten bis zur Kenntlichkeit entstellt hat, steht der Kabarettist, Buchautor, Kolumnist und Moderator wieder alleine auf der Bühne. "Folgen Sie mir auffällig. Ein Abend für Folger, Verfolgte und Unfolgsame" ist nach "Bilanz mit Frisur" sein zweites Soloprogramm. Termine und weitere Informationen: florianscheuba.at


Das Interview ist der trend-Ausgabe 7/2018 vom 16. Februar 2018 entnommen.

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