Ex-ÖIAG-Chef Kemler - Die Abrechnung: "Herr Muhm redet Blödsinn"

Ex-ÖIAG-Chef Kemler - Die Abrechnung: "Herr Muhm redet Blödsinn"

Große Abrechnung mit Muhm, Roiss & Co: Rudolf Kemler - Ex-ÖIAG-Chef

Stark im Abgang: Der ausgeschiedene ÖIAG-Chef Rudolf Kemler sieht einen Rückfall in den 80er-Jahre-Proporz und schwarz für den Standort. Kemler nimmt Stellung zu den Streitpunkten der ÖIAG (nun ÖBIB) mit América Móvil sowie OMV sowie dem Abgang der beiden Chefs Ametsreiter und Roiss sowie zum Familiensilber der Republik und weiteren Privatisierungen. Der Syndikatsvertrag mit América Móvil soll nun geöffnet werden. Kemler nimmt auch Stellung zu den drei Finanzministern während seiner Zeit als ÖIAG-Chef.

Format: Ihr Abschied verlief nicht reibungslos. Was haben Sie in der ÖIAG über Österreich gelernt?
Rudolf Kemler: Ich muss ein bisschen zurückblenden auf die Zeit vor drei Jahren. Ich hatte bis dahin in meiner Karriere nie etwas mit Politik zu tun. Und ich wollte in meinen letzten beruflichen Jahren noch einmal etwas für das eigene Land tun, die Entwicklung des Standortes positiv beeinflussen. Das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, ist es aber gar nicht so sehr. Da ich 30 Jahre in großen Konzernen von General Electric, über Siemens, Deutsche Telekom bis zu Hewlett-Packard verbracht hatte, wollte ich etwas in Österreich machen. Die ÖIAG war ja wirtschaftlich eine Erfolgsstory, und es gab die grundsätzliche Bereitschaft, in Zukunft aktiv gestaltend tätig zu werden. Zufällig habe ich in meinem ersten Quartal als ÖIAG-Chef die letzte Überweisung für die Altschulden unterschrieben. Ab dem Moment war die ÖIAG schuldenfrei, waren 13,6 Milliarden Euro Schulden seit dem Jahr 2000 getilgt. Da wäre es ein sehr guter Ansatzpunkt gewesen, aus den Dividendeneinnahmen zumindest einen Teil für die Förderung von Innovation und Zukunftsorientierung des Landes zu verwenden.

Das war Ihr großer Wunsch, aber dazu ist es bekanntlich nie gekommen.
Kemler: Leider. Die Konzepte für eine solche ÖIAG neu fanden damals politisch großen Anklang, aber sie sind nicht realisiert worden. Immer wenn es um politischen Konsens ging, war die Frage des selbsterneuernden ÖIAG-Aufsichtsrats wie ein Damoklesschwert im Raum. Nach der Nationalratswahl 2013 stand im Koalitionsabkommen, dass man das Thema lösen möchte - was sechs Wochen später schon wieder nicht gelungen ist.

Weil die ÖIAG wegen des Aufsichtsratsmodells vor allem für die SPÖ ein Feindbild war und beide Parteien möglichst viel herausholen wollten?
Kemler: Ich habe meinen Antrittsbesuch bei Bundeskanzler Werner Faymann in Erinnerung. Er hat gleich zu mir gesagt: "Also unsere Leute sind da nicht drinnen?“ Ich habe geantwortet, dass im ÖIAG-Aufsichtsrat fünf Arbeitnehmervertreter sitzen, die von der Arbeiterkammer nominiert wurden. Dazu gab es mit der Brigitte Ederer zu der Zeit eine klar deklarierte SPÖ-Parteigängerin. Das heißt, es wäre genau um einen Sitz gegangen. Und das kann ja wohl in einer Koalition, die sich vorgenommen hat, fünf Jahre das Land auch wirtschaftlich weiterzubringen, kein so großes Streitthema sein. Warum es trotzdem gescheitert ist, kann ich nicht sagen.

Kommen wir zu den Streitpunkten, die zur Umwandlung der ÖIAG und Ihrer Verabschiedung beigetragen haben. Gerade ist Hannes Ametsreiter als CEO der Telekom Austria zurückgetreten. Schaut das nicht so aus, als hätten die Kritiker mit ihren Befürchtungen recht, nämlich dass der Syndikatsvertrag mit América Móvil die österreichischen Interessen nicht wirklich schützt?
Kemler: Ich muss dem heftig widersprechen. América Móvil ist der Mehrheitseigentümer. Das Österreich-Paket in dem Syndikatsvertrag sichert der Republik sehr viel Einfluss. Die Ausgangslage war: Wie können zwei damals gleich starke Aktionäre das Unternehmen in eine sinnvolle Zukunft führen?

Es gibt nun die Diskussion, den Telekom-Vorstand zu verkleinern. Die Österreicher verzichten auf ihr Nominierungsrecht für den CEO, die Mexikaner auf den dritten Vorstand. Sinnvoll?
Kemler: Wenn man dafür den Syndikatsvertrag aufmacht und entsprechend verändert, dann kann schon was Vernünftiges herauskommen. Wenn man den Vertrag nicht ändert und nur auf ein Recht verzichtet, ist das keine gute Lösung.

Rudolf Kemler zum Abgang von TA-Vorstand Hannes Ametsreiter:


Als ich gehört habe, dass der deutsche CEO von Vodafone geht, war ich mir ziemlich sicher, dass Ametsreiter das werden könnte.

Eine noch größere Auseinandersetzung als bei der Telekom gab es rund um die OMV. Wie hat die Sache dort so eskalieren können?
Kemler: Das hatte zwei Wurzeln: eine marktgegebene und eine hausgemachte. Gas war 2010, zum Amtsantritt von Gerhard Roiss, die große Vision für die Zukunft der OMV. Das mag zu dem Zeitpunkt durchaus sinnvoll gewesen sein, nur sind seither viele Dinge passiert, die diese Strategie infrage stellen.

Rudolf Kemler über den OMV-Vorstand Gerhard Roiss:


Der OMV-Aufsichtsrat hatte Sorge um die Balance der Risiken, Roiss wollte davon nichts hören.

Wie gehen Sie mit der scharfen inhaltlichen Kritik von Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm an Ihrer Person um?
Kemler: Ich halte ihn für einen vollkommenen wirtschaftlichen Fehldenker. Für mich ist er einer, der eine marxistische Gesinnung hegt ...


Da redet Herr Muhm Blödsinn. Das macht mich ganz irre.

Zur Person

Am Dienstag, dem 23. Juni, hatteRudolf Kemler , 59, seinen letzten Arbeitstag als Verstaatlichten-Manager: Zu Mittag absolvierte er die Hauptversammlung der Pensionskasse APK und übergab den Aufsichtsratsvorsitz. Einige Stunden später, um Mitternacht, verlor seine E-Mail-Adresse die Gültigkeit.

Nach dem Aus für die ÖIAG hatte er das Interimsmanagement bei der ÖBIB auf Wunsch des Finanzministers für drei Monate übernommen. Den bis Oktober 2015 laufenden ÖIAG- Vertrag - Monatsverdienst gut 40.000 Euro - bekam er ausbezahlt.

Kemler, zuvor Chef von Hewlett-Packard Österreich, trat im November 2012 mit hohen Ambitionen seinen neuen Job an. Doch bald stand er wegen des Telekom-Syndikatsvertrags mit den Mexikanern und wegen des handfesten Streits mit OMV-Boss Gerhard Roiss in der Kritik. Kemler übernimmt nun eine Aufgabe "mit unternehmerischer Komponente“ in der Privatwirtschaft.

ÖBIB löste die ÖIAG ab

Im ÖBIB-Portfolio finden sich derzeit die Staatsanteile von vier großen Unternehmen: Casinos Austria (33,2 Prozent), OMV (31,5 Prozent), Telekom Austria (28,4 Prozent) und Post (52,9 Prozent).

Unterschiede. Die ÖBIB ist keine AG, sondern eine GmbH. Sie hat nicht mehr den umstrittenen selbsterneuernden Aufsichtsrat und ist nicht auf Privatisierungen ausgerichtet. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Kemler übernimmt die neue ÖBIB-Chefin Martha Oberndorfer nicht den Aufsichtsratsvorsitz in den ÖBIB-Beteiligungen. Alle Aufsichtsräte werden nun - politisch - von einem Nominierungskomitee bestimmt.

Problemfelder. Nachdem Telekom-Chef Hannes Ametsreiter einen besseren Job in Deutschland übernehmen wird, muss ein neuer CEO gefunden und möglicherweise der Syndikatsvertrag überarbeitet werden. In der OMV muss der mit Juli antretende CEO Rainer Seele eine neue Strategie definieren.

=> Lesen Sie das ganze Interview in FORMAT Nr. 26/2015
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