Eurozone: Generation Hoffnungslos

Eurozone: Generation Hoffnungslos

Was können wir Eltern sagen, die realisieren, dass ihre Kinder zum ersten Mal in der Geschichte schlechter gestellt sein werden als sie selbst?“

Spaniens Premier Mariano Rajoy war es, der diese Frage bereits im Februar öffentlich stellte. Eine Frage mit Sprengkraft. Und eine, an der inzwischen keiner mehr vorbeikann, Rajoy nicht und die meisten seiner EU-Kollegen auch nicht. Am Anfang der Krise stand die Systemrelevanz der Banken, dann die der Schulden. Jetzt geht es dar um, wie systemrelevant die Menschen sind, genauer: unsere Jugend. Der jüngste Bericht der UNO-Arbeitsorganisation ILO warnt vor einer „verlorenen Generation“; Johannes Kopf, Leiter des AMS, spricht von einer „Jugend ohne Hoffnung“, ohne Perspektive, ohne Zukunftsvorstellung. Und hätte Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, einen einzigen Wunsch bei einer „guten Fee“ frei, würde er sich das Ende der Jugendarbeitslosigkeit wünschen. Mit aller Macht drängt sich das Thema ins politische und gesellschaftliche Bewusstsein: Jeder zweite Spanier und jeder zweite Grieche unter 25 Jahren ist ohne Job. Österreich steht mit einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von 8,6 Prozent zwar relativ gut da, im Durchschnitt ist aber jeder fünfte Jugendliche, der heute in der EU aufwächst, ohne Arbeit. Im Vergleich zu 2008 – dem Jahr, in dem die Krise begann – sind mit 5,5 Millionen heute doppelt so viele junge Europäer ohne Arbeit. Auch die Anzahl derer, die weder über einen Job noch über eine Ausbildung verfügen, steigt dramatisch, und laut ILO wird sich das bis 2016 so fortsetzen. Welche Folgen hat diese Entwicklung? Wie ist sie zu stoppen? Und wer wird das bezahlen? Das sind die Fragen, an denen sich Europas Zukunft entscheidet.

Zukunftsangst

Einer der Gründe für die erschreckenden Arbeitslosenquoten liegt in der Krise. Geht es den Unternehmen nicht gut, sind es oft die jüngsten Mitarbeiter, die als Erste gehen müssen. Generell liegt deshalb die Jugendarbeitslosigkeit in Industriestaaten über der allgemeinen Arbeitslosigkeit. Doch die Jugendarbeitslosigkeit ist auch strukturbedingt hoch. „Vor allem in südeuropäischen Ländern schließen zu wenige Jugendliche tatsächlich Ausbildungen ab. Und selbst wenn, tun sie es nicht unbedingt in jenen Bereichen, in denen gerade Arbeitsplätze entstehen“, sagt Anne Sonnet, die bei der OECD zur Jugendarbeitslosigkeit forscht. So gibt es etwa in Italien und Spanien zu viele Soziologen – aber kaum Stellen, auf die das Soziologiestudium vorbereitet. Auch ist es mit der Arbeitserfahrung gerade im Süden nicht weit her. Lehrlingsausbildung, Berufspraktika? Fehlanzeige. Viele Studienabsolventen machen, erst nachdem sie ihr Diplom gerahmt bekommen haben, Bekanntschaft mit der Arbeitswelt. „In Südeuropa liegt das Risiko, keinen Job zu finden, bei Uni- absolventen höher als bei jenen mit einem Schulabschluss“, sagt Sonnet. Der EUweite Wunsch nach höheren Akademikerquoten stellt sich in der Praxis häufig als Problem dar. Ein Problem, das längerfristige Auswirkungen haben kann: Fehlt die Energie und die Dynamik junger Menschen – egal ob mit oder ohne Studienabschluss – am Arbeitsmarkt, kommen einer ganzen Volkswirtschaft wichtige Ressourcen und Ideen abhanden, die für Innovationen nötig sind. Und fehlen den Jugendlichen Arbeits- und Einkommensperspektiven, droht die Gefahr sozialer Konflikte. „Es entstehen sehr ungleiche, geteilte Gesellschaften“, so Sonnet. Die einen sind drinnen, die anderen draußen. Längerfristig kann das auch den Frust erhöhen, die Gewaltbereitschaft – und gerade in gewaltbereiten sozialen Schichten verschlimmern sich die Aussichten darauf, je wieder einen Job zu finden.

Europa zieht um

Die totale Perspektivlosigkeit in den europäischen Depressionsstaaten veranlasst Menschen zunehmend, ihre Zukunft außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu suchen. Wieder einmal – wie zuletzt zwischen 1950 und 1970 – ziehen Massen von Europas Süden in den boomenden Norden. Welche Formen das annehmen kann, erfuhr Anfang März Hermann- Josef Pelgrim, Oberbürgermeister der süddeutschen Stadt Schwäbisch Hall. Pelgrim lud sieben Journalisten aus Schuldenstaaten ein, um sie über die Jobchancen in seiner Gemeinde zu informieren.

Tausende Verzweifelte vor allem aus Portugal schickten in den Tagen nach den entsprechenden Zeitungsmeldungen ihre Bewerbungen an das dortige Arbeitsamt. Deutschland ist eines der Hauptziele von jobsuchenden Einwanderern aus Europas Süden: Verglichen mit 2010, stiegen die Zuwanderquoten etwa aus Griechenland um 90 Prozent, aus Spanien um immerhin 52 Prozent. Das Ziel ist gut gewählt. „Deutschland fehlen junge Arbeitskräfte“, sagt AMS-Leiter Johannes Kopf und: „In fünf Jahren werden wir hierzulande vor der gleichen Situation stehen.“ Die Migrationsströme sind beachtlich: 150.000 Menschen sollen ihrem Heimatland Portugal allein im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt haben, halb so viele sollen Schätzungen zufolge heuer Irland verlassen, mehr als 300.000 Spanier und ebenso viele Italiener suchten zwischen 2008 und 2011 ihr Glück in der Fremde. Wie viele davon zur jungen Generation gehören – darüber geben die Zahlen keine Auskunft. Zumindest ein Hinweis darauf lässt sich aber in einer Spanien-Analyse des weltgrößten Personalvermittlers Adecco finden. Immerhin jeder zehnte Jobsuchende, der sich bei Adecco bewirbt, will im Ausland arbeiten. Der typische Auswanderer: jung und hochqualifiziert. Und auch das ist ein Problem, sagt AKWien- Ökonom Markus Marterbauer: „ Zunächst einmal wirken Wanderungsbewegungen aus Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit entlastend, langfristig aber besteht die Gefahr des Brain Drain.“ Der tritt auf, wenn vor allem die Hochqualifizierten wegziehen. Sie sind es, die in ihrer Heimat hohe Ausbildungskosten verursacht haben und nun in der Fremde die Wirtschaft antreiben, durch Arbeitsleistung, Konsum und Steuerzahlungen. Und sie sind es, die fehlen, wenn zuhause wieder die Wirtschaft anspringt.

Rasche Hilfe

Gerade in Spanien hat die Regierung bisher aber wenig unternommen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Eher im Gegenteil: Die Sparprogramme der Regierung greifen auch in die wichtigen Bildungsbudgets ein, Programme, um Spanien zu einer „Wissensgesellschaft“ zu machen, liegen auf Eis. Dabei liegt zumindest mittelfristig der Schlüssel zu geringer Jugendarbeitslosigkeit in einem auf den Arbeitsmarkt angepassten Bildungssystem. „Gerade für soziale Schichten mit geringem Bildungsstand ist die Frühförderung von Kindern wichtig“, sagt Sonnet. Zu einem besseren Austausch – und längerfristig womöglich mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt – soll ein neues Programm der EU beitragen: „Erasmus für alle“. Geförderte Aufenthalte in anderen EU-Staaten sollen dadurch nicht nur Studenten offenstehen, sondern allen Europäern unter 30. Zumindest in Krisenzeiten könne laut Studien der Staat Junge auch über gezielte Subventionen besser in den Arbeitsmarkt integrieren: Frankreichs neuer Präsident François Hollande etwa will nur noch jenen Unternehmen Förderungen zukommen lassen, die sich dazu verpflichten, Absolventen aufzunehmen und gleichzeitig auch ältere Mitarbeiter zu behalten. „Das kann eine weitere Zweiteilung der Gesellschaft verhindern“, so OECD-Expertin Sonnet.

Vorbild Österreich?

Bei arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen ist Österreich für viele europäische Staaten ein Vorbild. Vor allem das „duale System“ mit Lehre und Berufsschule soll nachgeahmt werden. „Der Einstieg ins Arbeitsleben funktioniert fließend, und dank flexibler Verträge und geförderter Lehrlingsentschädigung spielen auch die Betriebe mit“, meint IHS Arbeitsmarkt-Experte Helmut Hofer. Die Folge: Österreichs Jugend hat Jobs. Rund 120.000 Lehrlinge sind derzeit in Ausbildung. Darunter laut Sozialminister Rudolf Hundstorfer auch „Hunderte Deutsche, aus dem Osten und zwischenzeitlich auch aus dem Westen“ – eine kleine Arbeitsmigrationswelle. Ihnen stehen aktuell rund 11.000 Lehrstellen-Suchende und insgesamt 39.000 beim AMS registrierte junge Arbeitslose gegenüber. Für die schwer vermittelbaren Fälle hält der geförderte Arbeitsmarkt eine ganze Palette an Maßnahmen bereit. Rund 11.000 Jugendliche schlossen im Vorjahr zumindest das erste Ausbildungsjahr in überbetrieblichen Lehrwerkstätten ab.

Präventiv werden über das AMS Berufsorientierungen und Schnupperlehren angeboten. In 20 bundesweit verstreuten Projektschulen kümmert man sich um schwer vermittelbare Fälle. Allerdings greift das Beschäftigungssystem nicht überall gleich gut. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen – sie spiegelt den Anteil der Erwerbslosen in Relation zu allen Erwerbspersonen – schlägt in den Bundesländern unterschiedlich stark aus. Am höchsten ist sie in Wien (11,2 Prozent), am niedrigsten in Oberösterreich (4,9 Prozent). Dort gibt es wiederum regionale Hotspots. In Orten wie Schärding, Vöcklabruck und Braunau ist jeder vierte Arbeitslose unter 25. „Wir haben ein Problem in strukturschwachen Zonen“, sagt Hundstorfer. „Aber wir arbeiten dran.“ Das Hauptproblem liegt aber nicht im regionalen Gefälle.

Es ist die wachsende Zahl an Schulabbrechern und Ausbildungslosen, die den Experten Kopfzerbrechen bereitet. „Neun bis zehn Prozent aller Jugendlichen machen nach der Pflichtschule keine weitere Ausbildung“, sagt AMS-Chef Johannes Kopf. „Für diese jungen Menschen werden irgendwann keine Jobs mehr zur Verfügung stehen. Denn selbst ein Lagerarbeiter muss heute schon Logistik-Software bedienen können.“ Für diese Gruppe brauche es Lösungen.

Mehr Mittel

Welche Maßnahmen auch immer ergriffen werden und auch wenn sie Investitionen in die Zukunft sind – sie kosten Geld. Allein Österreich gibt 600 Millionen jährlich für den Arbeitsmarkt aus, ein Drittel davon fließt in die Lehrlingsförderung.

Auf europäischer Ebene gibt es bisher noch keine gemeinsame Strategie. Die deutsche SPD-Spitze etwa fordert ein Notprogramm gegen Jugendarbeitslosigkeit, das sich aus dem nicht ausgeschöpften Europäischen Sozialfonds (ESF) _ nanzieren soll. Die Maßnahmen sollten die Mobilität in der EU erleichtern, Ausbildung für die ersten Monate nach einem Schulabschluss garantieren, Praktika und Berufserfahrung fördern – und junge Menschen beim Weg in die Selbständigkeit unterstützen, der für viele bisher nicht infrage kam. Für den Zeitraum 2014 bis 2020 soll der ESF mit 84 Milliarden Euro dotiert werden – mehr als bisher. „Immerhin“, sagt AK-Ökonom Marterbauer, „Europas Steuerzahler haben seit Beginn der Krise 600 Milliarden Euro für die Bankenrettung aufgewendet, für eine Halbierung der Jugendarbeitslosigkeit wäre ein Betrag in der Höhe von 30 bis 40 Milliarden Euro notwendig.“

– Martina Bachler, Stefan Knoll, Arndt Müller

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