Erdogan bei "Freund Wladimir": Eine Versöhnung auf Bewährung

Erdogan bei "Freund Wladimir": Eine Versöhnung auf Bewährung
Erdogan bei "Freund Wladimir": Eine Versöhnung auf Bewährung

Acht Monate Feinde, nun wieder Amigos: Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin wollen das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland auffrischen.

Im Westen löst das Treffen Sorge über eine mögliche Neuorientierung der Türkei aus. Doch die Ereignisse in der Vergangenheit dürfte Russlands Präsident Wladimir Putin nicht vergessen haben. Der Kreml nimmt das Gesprächsangebot aus der Position des Stärkeren an. Erdogan sucht neue Freunde, nachdem die EU auch nach dem Putsch Kritik gegen die EU geübt hat. Die Wirtschaftsprobleme eint die beiden Teilzeitfeinde. Erdogan kann nun mit einer schrittweisen Aufhebung der Sanktionen rechnen.

Nach monatelanger Krise zwischen Russland und der Türkei sind die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan erstmals wieder zusammengekommen. Das Präsidententreffen soll nun ein neues Kapitel aufschlagen. Erdogan spricht sogar von einem "historischen Besuch" bei seinem "Freund Wladimir".

Für Wladimir Putin hat die Rückkehr zu normalen Beziehungen mit der Türkei für sein Land Priorität. Wie Putin am Dienstag nach seinem Treffen mit Erdogan in Sankt Petersburg weiter erklärte, sollen die von Moskau gegen Ankara verhängten Sanktionen schrittweise aufgehen werden.

Die Psychologie

So solle die Frage der Wiederaufnahme von Charterflüge von Russland in die Türkei in naher Zukunft geklärt werden, sagte der russische Präsident. Erdogan wiederum betonte, die Gespräche mit Putin seien umfassend und nützlich gewesen. Er fügte hinzu, der Telefonanruf Putins nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei habe große psychologische Bedeutung gehabt.

Der türkische Abschuss eines russischen Kampfjets im Grenzgebiet zu Syrien leitete vor gut acht Monaten eine schwere Krise zwischen Moskau und Ankara ein. Russland bestreitet, dass das in Syrien operierende Flugzeug türkischen Luftraum verletzt hat. Außerdem weist Russland die Darstellung zurück, der Pilot sei gewarnt worden. Moskau verhängte daraufhin Sanktionen gegen Ankara. Ende Juni bekräftigte Erdogan sein Bedauern über den Vorfall.

Als Vergeltungsmaßnahme erließ der russische Präsident Wladimir Putin umfassende Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei. Besonders schmerzhaft fielen die Strafmaßnahmen im Tourismusbereich aus. Alle Charterflüge in die Türkei wurden eingestellt. Zudem benötigten Türken ab Jahresbeginn wieder ein Visum für Russland. Die Einfuhr von türkischem Gemüse und Obst wurde grundsätzlich verboten.

Die Wiederaufnahme der Beziehungen sei im Interesse des türkischen wie des russischen Volkes, sagte Putin bei der im Staatsfernsehen übertragenen Begrüßung.

Für Erdogan war der Besuch in der früheren Zarenmetropole zugleich die erste Auslandsreise seit dem gescheiterten Putschversuch von Mitte Juli. Putin und Erdogan wollten unter anderem über milliardenschwere Energieprojekte und den Krieg in Syrien sprechen. Erdogan reiste der türkischen Agentur Anadolu zufolge mit mehreren Ministern und Wirtschaftsvertretern nach St. Petersburg.

Die Türkei hofft auf ein Ende von Sanktionen wie etwa die Aufhebung des russischen Importstopps für Obst und Gemüse. Für die angeschlagene türkische Tourismusbranche wiederum ist die Wiederannäherung wichtig, denn Russen gehörten vor der Krise zu den größten Urlaubergruppen. Danach brachen die Besucherzahlen aber fast völlig ein.

Wie der russische Staatsfonds RDIF am Dienstag mitteilte, planen der Fonds und der türkische Baukonzern Rönesans gemeinsame Projekte etwa in den Bereichen Gesundheit und Infrastruktur mit einem Volumen bis zu 400 Millionen Dollar (360,78 Mio. Euro). Die beiden Unternehmen hatten die Summe bereits 2014 angekündigt.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Verhältnis Erdogan/Putin

Putin oder Erdogan: Wer hat das Kräftemessen denn nun gewonnen?

Erdogan jedenfalls nicht. Auch wenn Ankara darauf beharrt, dass er sich nur bei den Angehörigen des russischen Piloten, nicht aber beim Kreml für den Abschuss des Kampfjets entschuldigte: Um Verzeihung bat der Präsident letztendlich doch. Für Erdogan ein ungewöhnlicher Schritt - und ein Indiz für den Druck, unter dem er sich befand. Auch die türkische Regierung konnte die Bilder von leeren Stränden nicht mehr schönreden, an denen die Russen wegen der von Moskau verhängten Sanktionen fehlten. Putin fühlt sich als Sieger in dem Streit. "Der Kreml nimmt Erdogans Gesprächsangebot aus der Position des Stärkeren an", sagt der russische Außenpolitikexperte Wladimir Frolow.

Wie ähnlich sind sich Putin und Erdogan eigentlich?

In ihrem autokratischen Stil gleichen sich die Präsidenten. Beide haben außerdem die Begabung, Massen zu mobilisieren. Sie werden von ihren Anhängern in einem Ausmaß verehrt, das aus westlicher Sicht befremdlich wirkt. Putin und Erdogan haben sich zudem durch geschickt eingefädelte Wechsel zwischen dem Ministerpräsidenten- und dem Präsidentenamt an der Macht gehalten. Bei Erdogan kommt hinzu, dass er in seiner Politik nicht nur die nationalistische, sondern auch die religiöse Komponente betont. Zwar nutzt Putin ebenfalls die Nähe zur orthodoxen Kirche als Machtpfeiler, aber nicht so dominant.

Bedeutet das Treffen eine Zäsur in der EU-Orientierung der Türkei?

Erdogan signalisiert der EU damit auf jeden Fall, dass er andere mächtige Partner hat. Das dürfte ihm auch deswegen gelegen kommen, weil die Beziehungen zur EU seit dem Putschversuch in der Türkei noch schlechter geworden sind, als sie davor schon waren.
Erdogan ist hochgradig irritiert über die EU-Kritik an den harten Maßnahmen gegen Anhänger der Gülen-Bewegung, die die Türkei hinter dem Putschversuch sieht. Allerdings fordert die EU auch die Rechtsstaatlichkeit der Türkei ein. Erdogan hatte zuletzt sogar zur Denunizierung von Familienmitgliedern aufgerufen.
Für Unmut sorgt auch die vor allem von Österreich betriebene Kampagne, die EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara zu stoppen. Zuvor und danach kam es zudem zu massiven Beschimpfungen gegen Österreich. Österreich hatte erklärt, keine innenpolitische Agitation der Erdogan-Freunde in Österreich zu dulden, nachdem es zu Übergriffen gegen Kurden und Erdogan-Gegner gekommen war.

Was gewinnt Russland eigentlich durch sein Einlenken in dem Streit?

Für den Kreml hat die Türkei energiepolitisch hohe strategische Bedeutung. Interessant auch für EU-Mitglieder ist das Projekt Turkish Stream zum Transit von russischem Erdgas durch das Schwarze Meer via Türkei nach Südeuropa.
Ein milliardenschweres Vorhaben ist zudem das Atomkraftwerk Akkuyu, das Russland derzeit beim NATO-Partner Türkei baut. Nach russischen Medienberichten stockten beide Initiativen wegen der Krise. Geopolitisch hofft Moskau mit einer Annäherung an Ankara, einen Keil zwischen die Türkei und den Westen treiben zu können.

Waren Moskau und Ankara früher wirklich enge Verbündete?

Historisch waren Russland und die Türkei keine Verbündeten, eher im Gegenteil. Die Annäherung erfolgte erst unter Erdogan und Putin und war besonders wirtschaftlichen Gesichtspunkten geschuldet. Allerdings gibt es weiter Konfliktpunkte - besonders in Syrien. Erdogan dringt auf die Ablösung des syrischen Machthabers Bashar al-Assad, dessen wichtigster Unterstützer Putin ist. Und nicht zuletzt ist die Türkei NATO-Mitglied.
Auch die Allianz dürfte daher Erdogans Russlandreise genau beobachten. Für Russland war die Türkei nie ein enger strategischer Partner. So ist Moskau etwa Schutzmacht von Armenien, das mit Aserbaidschan verfeindet ist - einem Verbündeten Ankaras.

Kommt es nun auch zu einer Wende im Syrien-Konflikt?

Davon ist nicht auszugehen. Weder Russland noch die Türkei lassen Anzeichen dafür erkennen, dass sie von ihrer gegensätzlichen Haltung abweichen könnten. Zwar sagt Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin vor der Reise des Präsidenten: "In Zusammenarbeit mit Russland würden wir gerne so bald wie möglich einen politischen Übergang in Syrien ermöglichen." Kalin macht aber auch klar, dass das aus Sicht Ankaras nur mit der Ablösung des Regimes geschehen kann. Moskau hält zwar nicht um jeden Preis an Assad fest, will aber nur eine prorussische Regierung in Damaskus zulassen. Seine Machtposition - und auch seine Militärbasen - in Syrien will Russland um keinen Preis aufgeben.

Peter Pelinka

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