Frankreich wählt: Emmanuel Macron, der Retter Europas?

Emmanuel Macron, Kandidat und Hoffnungsträger für die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April und 7. Mai.
Emmanuel Macron, Kandidat und Hoffnungsträger für die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April und 7. Mai.

Emmanuel Macron, Kandidat und Hoffnungsträger für die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April und 7. Mai.

Ohne Parteiapparat ist der 39-jährige Emmanuel Macron binnen eines Jahres zum Favoriten für die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April und 7. Mai aufgestiegen. Und damit zur Hoffnung all jener, die den Euro und die EU nicht zerstört sehen wollen.

Die Ausgangslage scheint derzeit klar: Die Rechtsextreme Marine Le Pen wird beim ersten Wahlgang mit bis zu 27 Prozent Platz eins erreichen. Der von Skandalen gebeutelte Konservative François Fillon höchstens 20 Prozent. Auf Platz zwei, bei manchen Umfragen schon auf Platz eins, liegt Emmanuel Macron, dem 24 bis 26 Prozent zugetraut werden. Er ist die Sensation dieses Wahlkampfs, wurde vom Außenseiter zum Favoriten. Nur Marine Le Pen liegt knapp vor ihm -im zweiten Wahlgang würde er sie wohl schlagen und damit jüngster Präsident der Fünften Republik werden. Wenn nicht ein Terroranschlag Le Pen noch in die Karten spielt.

Macron hat auch bei einer ersten TV-Debatte mit seinen Konkurrenten am besten abgeschnitten und fischt weiter erfolgreich Mitstreiter aus allen Lagern: Macrons "Methode ist die richtige", schrieben etwa gerade neun Senatoren des Mitte-rechts-Bündnisses UDI-UC in der Wochenzeitung "Journal du Dimanche". Und auch auf der Linken wächst die Zahl seiner Unterstützer fast täglich: Zahlreiche prominente Sozialisten haben sich für ihn erklärt, etwa Claude Bartolone, Präsident der Nationalversammlung, Bertrand Delanoë, Ex-Bürgermeister von Paris, Umweltministerin Ségolène Royal, 2007 selbst Kandidatin, und sogar Robert Hue, Ex-Chef der Kommunisten.

Es scheint zu stimmen, was die konservative Gruppe in ihrem Manifest festhielt: der proeuropäische Macron könne die Gräben zwischen Links und Rechts überwinden: "Er will die Menschen zusammenbringen () und einen neuen Dialog zwischen dem Volk und seinen Vertretern einleiten."

Darin sieht auch Österreichs Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, der nicht nur geschäftlich viel herumkommt, sondern - etwa für das Projekt "What's left?" - auch politisch, die Vorzüge Macrons:"Ich stimme nicht mit all seinen Punkten überein, vor allem nicht mit einigen wirtschaftspolitischen. Aber er ist bei Weitem der chancenreichste Kandidat, wenn man die EU gegen die Angriffe von Marine Le Pen erhalten will."

Putin und Merkel

Tatsächlich macht die Kandidatin des Front National kein Hehl daraus, was sie vorhat: raus aus dem Euro, damit auch raus aus der dann wohl endgültig zerfallenden EU. Und hin zu mehr Nationalismus, Protektionismus, auch hin zu Russland. Eben wurde sie von Kreml-Chef Putin empfangen, Macron dagegen von Angela Merkel.

Elisabeth Kervarrec, ORF-Nachrichtensprecherin und ehemals gewählte Vertreterin der Auslandsfranzosen, spricht einen zusätzlichen Grund für den Aufwind Macrons an: "Viele Franzosen sind sehr enttäuscht von den Versprechungen beider Seiten. Für jene, für die Le Pen nicht infrage kommt, bietet sich Macron als Hoffnungsträger abseits traditioneller Parteistrukturen an." Er setzt -auch in dieser Hinsicht ähnlich wie Barack Obama - auf Internetunterstützer. Derzeit sind es 225.000, die ihn auch finanziell unterstützen: mit kleinen Spenden (erlaubt sind höchstens 7.500 Euro) sind bis jetzt neun Millionen Euro zusammengekommen. Für weitere acht hat der Kandidat einen Kredit aufgenommen.


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Vor einem Jahr erst, am 6. April 2016, hatte Macron, der nach kurzem Wirken in der sozialistischen Regierung frustriert das angeschlagene Schiff verlassen hatte, die Gründung einer eigenen politischen Bewegung, "En Marche!" ("Vorwärts!"), verkündet. Nicht zufällig im nordfranzösischen Amiens, wo er als Sohn eines Ärztepaars geboren wurde. Und nicht zufällig mit den gleichen Initialen (EM) wie sein Name ausgestattet. Und schon gar nicht zufällig nach ähnlicher Machart wie Beppo Grillos "Fünf Sterne"-Bewegung in Italien oder die junge "neulinke" spanische Partei "Podemos" von Pablo Manuel Iglesias Turrión: Bewegungen, die stark von einem Leitwolf abhängig sind, gegründet von Personen, die die Erstarrtheit eines alten politischen Systems erkannt haben und den Wählerwunsch nach personeller Erneuerung zu befriedigen versuchen.

Sozialliberal, Machiavelli

Das politische Frankreich mit seinem starken Präsidialsystem war jahrzehntelang von einem starren Rechts-links-Schema ohne Koalitionstraditionen geprägt, freilich unter wechselnden Firmenschildern mit stets heftigen Fraktionierungen. 1972 wurde dann von Jean-Marie Le Pen der nationalistisch-rechtsextreme Front National gegründet. Seit 2011 führt ihn seine Tochter Marie, bei der Europawahl 2013 erreichte sie einen bisherigen Höchststand von knapp 25 Prozent.

2012 hatte François Hollande, bis dahin Parteisekretär der PSF, den amtierenden konservativen Präsidenten Sarkozy besiegt. Und enttäuschte danach die Wähler auf vielen Linien, vor allem wirtschaftspolitisch. Entgegen allzu vollmundigen Versprechungen ging die Arbeitslosigkeit (Rate um die zehn Prozent) nicht zurück, 3,5 Millionen Franzosen haben keinen Job, davon jeder vierte unter 25 Jahren. Die Industrie krankt in vielen Bereichen. Einen Silberstreif am düsteren Horizont bietet nur der eben realisierte Kauf von Opel durch die PSA-Gruppe: Frankreich erwirbt ein Stück Traditions-Deutschland, und das noch dazu vom US-Konzern GM.

Natürlich nur ein symbolträchtiges Signal, keine längerfristig wirkende Therapie. Eine solche hatte 2014 der neue Wirtschaftsminister angekündigt, 36 Jahre jung: Emmanuel Macron, Absolvent einer klassischen Eliteausbildung mit interessanten Facetten: Jesuitenschule in Amiens, Matura an einem Pariser Elitegymnasium, Studium der Philosophie mit einer Magisterarbeit über Machiavelli und einer Diplomarbeit über Hegel. Schließlich doch die traditionelle Kaderschmiede ENA, die ihm zuerst den Weg in die Finanzinspektion ebnete und dann zur Rothschild-Bank. Dort wurde er binnen vier Jahren zum geschäftsführenden Partner.

Mischung aus Obama und Trudeau

Nach der Wahl Hollandes zum Präsidenten wurde Macron dessen wirtschaftspolitischer Berater -für ein Zehntel seiner Gage in der Bank. Zwei Jahre später ließ Hollande den Klavierspieler und Opernfan in die schwächelnde Regierung holen. Die unzufriedene Wirtschaft begrüßte den liberalen Newcomer als Hoffnungsträger: Ex-Arbeitgeberpräsidentin Parisot nannte seine Wahl ein "gutes Omen", Orange-Chef Richard meinte, Macron beweise, dass auch ein Linker die Realität von Unternehmen verstehen könne. Macron versuchte, das im Ministeramt zu beweisen: Er entwarf ein wirtschaftsfreundliches Reformpaket, das unter anderem mit Steuererleichterungen für Unternehmen in Höhe von 30 bis 40 Milliarden Euro binnen drei Jahren die stagnierende Wirtschaft ankurbeln sollte.

Von Deutschland forderte er vergeblich - diesmal ganz in französisch-etatistischer Tradition -ein 50-Milliarden-Euro-Programm zur Belebung der Wirtschaft in der Eurozone. Im Kern ist Macron aber ein Liberaler: Er will den Sozialstaat umbauen, mit mehr Risiko für jeden Einzelnen. Dafür das Bildungssystem stärken, damit jeder "Zugang zum Digitalzeitalter" findet. Auch jene Jugendlichen aus den migrantischen Milieus, welchen Macron gegen die "spaltende Le Pen" eine Integrations-und Aufstiegschance bieten will.

Macron bricht aber (noch?) nicht mit allen sozialistischen Eckpfeilern: Er will zwar eine Erweiterung der Sonntagsöffnungszeiten und eine Liberalisierung des Fernbusverkehrs, aber keine Abschaffung der 35-Stunden-Woche oder des Kündigungsschutzes. Dennoch verärgerte eine flapsige Ansage des Kurzzeitministers die Gewerkschaften: Allzu aggressive Protestierende sollten sich ihre T-Shirts ausziehen und zur Arbeit gehen, um sich schöne Anzüge leisten zu können.

Derartige Polemik verbietet sich Macron im Wahlkampf: Allgemein wird sein ruhiger, verbindlicher Kommunikationsstil und sein jugendlich-sympathisches Auftreten gewürdigt, eine Mischung aus Kennedy, Obama und Justin Trudeau. Ungewöhnlich für das besonders steife Auftreten der französischen Oberschicht.

Ungewöhnlich ist auch Macrons Ehe: mit 17 Jahren verliebte er sich in seine um 24 Jahre ältere Französischlehrerin Brigitte Trogneux. Auch sie sich in ihn: Nachdem er die Schule gewechselt hatte, verließ die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder ihren Mann und heiratete Macron 2007. Er ist heute Stief-Großvater ihrer sechs Enkel, der älteste nur 15 Jahre jünger als er.

Im Wahlkampf ist sie oft an seiner Seite, mit Jeans und Pagenkopf. In einem neuen Buch nennt er sie den "Fels in meinem Leben". Der Altersunterschied ist kein großes Thema in Frankreich, das Land akzeptiert Macrons souveräne Linie:"Wäre ich mit einer 24 Jahre jüngeren Frau verheiratet, würde mich niemand danach fragen." Auch konservative Versuche, ihn -mit Hilfe russischer Medien -als unehrlich, weil in Wirklichkeit homosexuell, zu denunzieren, pariert er ironisch-locker: "Da meine Frau alles in meinem Leben mit mir teilt, vom Abend bis zum Morgen, fragt sie sich, wie ich körperlich dazu in der Lage sein könnte."


Der Autor

Peter Pelinka

Peter Pelinka

PETER PELINKA war unter anderem Chefredakteur von FORMAT, Moderator von "Im Zentrum". Heute ist er Kolumnist bei "News", Moderator bei ORF III ("Runde der Chefredakteure"), Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intomedia sowie regelmäßiger trend-Autor.

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