"Elitäre Macht bringt Nationen zu Fall"

"Elitäre Macht bringt Nationen zu Fall"

Warum ist ein Land reich, ein anderes arm? Warum ging das Römische Reich unter, warum stieg Großbritannien zur Weltmacht auf? Der Ökonom Daron Acemoglu über den Erfolg und das Scheitern von Staaten.

FORMAT: In Ihrem Buch „Why Nations Fail“ („Warum Staaten scheitern“) blicken Sie weit in die Geschichte zurück. Sie analysieren etwa den Niedergang der Maya und den Aufstieg der USA. Oft geht es dabei um historische Ereignisse, die zu tiefgreifenden Veränderungen führten. Ist das, was wir momentan als Eurokrise erleben, ein solches historisches Ereignis?

Daron Acemoglu: Im Vorhinein lässt sich das nie sagen, aber natürlich sind das für die Eurozone schwierige Zeiten. Allerdings gibt es auch die Tendenz, die Fehler von Systemen zu sehen, aber nicht, was durch sie schon erreicht wurde. Die Europäische Union ist ein sehr erfolgreiches politisches Projekt. Schauen Sie doch auf das Ende des Zweiten Weltkrieges zurück. Europa lag in Trümmern und war weit davon entfernt, eine friedliche Region zu sein. Dass sich das änderte, liegt zumindest zum Teil an der Europäischen Union.

FORMAT: In den vergangenen Wochen mehrten sich Stimmen, die sagen, dass es auch ohne Griechenland ginge, ohne Portugal und andere Staaten. Sind wir dabei, die Kernidee der Union aufzugeben?

Acemoglu: Ich glaube nicht, dass das geschieht, sogar Deutschland bekennt sich klar zu einem vereinten Europa. Ich glaube aber, dass das politische Projekt Europa an irgendeinem Punkt zu schnell vorangegangen ist und dabei ein paar ökonomische Details übersehen wurden. Dabei sagt die Ökonomie ja relativ klar, dass eine Währungsunion ohne eine parallele Fiskalunion dazu führt, dass einige Staaten implizit für die Verpflichtungen von anderen aufkommen müssen. Das kann zu vielen Schwierigkeiten führen. Nun stellt sich die Frage, ob Europas Integration voranschreitet. Das ist keine leichte Entscheidung, denn können Sie sich vorstellen, dass Griechen sich von Brüssel vorschreiben lassen, wie viel Steuern sie bezahlen?

FORMAT: Reiche Griechen lassen sich das auch von Athen nicht vorschreiben. Was aber ist das Kernergebnis Ihres Buches, gibt es wirklich diese eine Antwort darauf, warum Staaten scheitern?

Acemoglu: Sie lässt sich tatsächlich relativ einfach zusammenfassen: Wirtschaftlicher Erfolg und damit anhaltender Wohlstand hängt von den Anreizen ab, die wirtschaftliche Institutionen einer Gesellschaft bereitstellen. Dafür müssen Innovationen und Investitionen möglich sein, und zwar für möglichst viele Menschen. Allerdings sind diese Bedingungen stark von politischen Systemen abhängig. Die politischen Kräfte entscheiden, ob eine Gesellschaft auf breiter Basis wohlhabender wird oder ob nur eine kleine Elite vom Wohlstand profitiert, was früher oder später zum Scheitern eines Staates führt. Wir sprechen von „extraktiven“, also ausschließenden Gesellschaften und Institutionen auf der einen Seite und von einschließenden Gesellschaften auf der anderen.

FORMAT: Was verstehen Sie unter „wirtschaftlichen Institutionen“?

Acemoglu: Das ist ein breiter Begriff, zu dem etwa Eigentumsrechte zählen. Selbst im 20. Jahrhundert gab es noch viele Gesellschaften, die privaten Landbesitz nicht zuließen. Zu diesen Rahmenbedingungen zählen auch Verträge und ob sie für jeden durchsetzbar sind oder das Bildungssystem und andere öffentliche Güter wie die Infrastruktur. In stark ausschließenden Gesellschaften wie im Apartheids-Regime in Südafrika waren diese Güter nur für sehr wenige zugänglich.

FORMAT: Wie entstehen diese breit zugänglichen und gültigen Bedingungen?

Acemoglu: In dem Buch versuchen wir das am Vergleich zwischen den relativ reichen USA und den im Vergleich dazu ärmeren lateinamerikanischen Staaten zu verdeutlichen. Die spanischen Kolonialherren kamen nach Amerika, um sich selbst zu bereichern. Sie versklavten die Ureinwohner, zwangen sie, Getreide und andere Produkte zu produzieren und Gold und Silber abzubauen. Dieses System funktionierte eine Zeit lang, aber es setzte für niemanden den Anreiz, in neue Ideen zu investieren oder seine Arbeit besser zu machen. Parallel dazu gab das nordamerikanische System einem größeren Anteil der Bevölkerung das Recht auf Eigentum, Menschen konnten Land erwerben und es in Konkurrenz bewirtschaften. Vereinfacht gesagt: Wenn die politische Macht in der Hand von nur wenigen Menschen ist, können sie damit im Prinzip machen, was sie wollen – auf Kosten der Mehrheit.

FORMAT: Braucht es Revolutionen, um einen solchen Zustand zu ändern?

Acemoglu: In der Geschichte gibt es sowohl Revolutionen, die dazu führten, dass die politische Macht von breiteren Schichten der Bevölkerung ausgeht, als auch die langsame Veränderung einer Gesellschaft. Dafür wäre etwa Großbritannien ein Beispiel, das sich ausgehend von der „Glorious Revolution“ von 1688 (Anm.: mit der Bill of Rights als Grundlage für das parlamentarische Regierungssystem) zu einer gleicheren Gesellschaft entwickelte.

FORMAT: Die Eurokrise hat auch dazu geführt, sich mehr mit der Geschichte der einzelnen europäischen Staaten auseinanderzusetzen. Wir erinnern uns plötzlich, dass Griechenland fast 500 Jahre zum Osmanischen Reich gehörte, dass das Staatswesen dort eine ganz andere Bedeutung hat und es traditionell wenig Bereitschaft gibt, Steuern zu zahlen. Aber ist es nicht zu einfach, aktuelle Probleme auf die Geschichte eines Staates zurückzuführen?

Acemoglu: Die Geschichte schafft eine gewisse Tendenz, sich fortzusetzen, aber einigen Gesellschaften gelingt es, diese Abhängigkeit zu brechen. Im Fall von Griechenland spielt auch die Erfahrung mit der Militärdiktatur eine große Rolle. Das alles hat zu einer ziemlich korrupten politischen Klasse geführt. Allerdings gab es parallel dazu immer Gelegenheit, die Bevölkerung von dem nicht funktionierenden System abzulenken und ruhigzustellen, sodass es zu keinen Reformen kam. Der EU-Beitritt änderte das nicht, er brachte noch mehr Mittel zum Verteilen.

FORMAT: Ist Griechenland ein „gescheiterter Staat“?

Acemoglu: Nein, das Land bietet immer noch ein relativ gutes Bildungssystem, und selbst wenn die momentane Situation instabil ist, ist sie nicht mit dem totalen Ausfall von Recht und Ordnung in Afghanistan, Somalia oder Haiti zu vergleichen. Allerdings stellt sich die Frage, wie sich das politische System unter diesen Umständen ändern soll. Denn wieder gibt es etwas, das die Griechen davon ablenkt, das System zu reformieren: die Deutschen. Ihnen gibt die griechische Bevölkerung jetzt die Schuld an der Misere. Das ist nicht das beste Umfeld, um zu Reformen zu kommen. Europa ist generell aber von „inklusiven Institutionen“ geprägt. Einzig die Finanzindustrie hebt sich davon ab, deren Macht eine schnellere Restrukturierung der Schulden von Peripherieländern verhindert hat. Sie konnte es abwehren, die Verluste aus Krediten an Krisenstaaten früh abschreiben zu müssen. Das verzögerte die Lösung der Krise.

FORMAT: In Griechenland, aber auch in Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit enorm hoch. Welche Bedeutung hat die Angst vor einer „verlorenen Generation“ für den Fortbestand der Europäischen Union?

Acemoglu: Wenn ein großer Teil der Bevölkerung denkt, dass er nicht von dem herrschenden System und seinen Institutionen profitiert, droht er sich davon zu distanzieren. Eine hohe Arbeitslosigkeit kann dazu führen, dass viele Menschen desillusioniert werden. Das macht sie wesentlich empfänglicher für extremistische Strömungen und Ideen.

FORMAT: Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Europa agiere zu langsam, weil es sich an demokratische Prozesse hält. Fast neidisch blicken manche auf das zentralistisch geführte China. Laut Ihrem Buch sind Diktaturen zum Scheitern verurteilt. Auch China, auf dessen Markt so viele bauen?

Acemoglu: China ist eine Diktatur, auch wenn es viele nicht so bezeichnen wollen. Es ist ein Mythos, dass wirtschaftlicher Erfolg und „extraktive Strukturen“ längerfristig vereinbar sind. Das funktioniert nur eine Zeit lang, wie auch die Sowjetunion zeigte. Längerfristig kommt es zu gesellschaftlichen Spannungen, weil zu wenige vom Erfolg profitieren. Das wird auch in China der Fall sein.

PRO-GE Bundesvorsitzender Rainer Wimmer

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