Drei Millionen unter Wasser: Ein Lokal-
augenschein in der Gemeinde Hofamt Priel

Über hundert Gemeinden haben auf den Finanzmärkten spekuliert. FORMAT hat einen dieser Orte, Hofamt Priel in Niederösterreich, besucht und gefragt: Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Bürgermeister?

Friedrich Buchberger aus Hofamt Priel nahe Ybbs ist Briefträger, und er mag seinen Job. Er spricht deshalb gern in Post-Metaphern. „Aufgeben tuat ma an Brief!“, sagt er zum Beispiel und lacht dazu etwas verzweifelt. Das heißt: Er wird nicht zurücktreten – auch wenn die Opposition das lautstark verlangt. Hofamt Priel steht mit Fremdwährungskrediten und deren Tilgungsträgern etwa drei Millionen unter Wasser. Dabei war Buchberger so sicher, konservativ investiert zu haben.

Eine von hundert
Eine von über hundert Gemeinden, die mit öffentlichem Geld spekuliert haben (siehe Artikel) ), ein Bürgermeister, der nur Gutes für die Gemeinde wollte. Doch wie kommen bodenständige Gemeindeoberhäupter überhaupt dazu, das Geld ihrer Kommunen auf den Finanzmarkt zu tragen und gar auf hochriskante Karibik-Papiere zu setzen?

Ein Kredit wird aufgenommen
In Hofamt Priel begann es nicht mit Geld, das angelegt werden musste. Im Gegenteil: Es war kein Geld da. In Hofamt Priel, wo selbst an den sonnigsten Wintertagen der Donaunebel hängen bleibt, gibt es kein großes Unternehmen und auch sonst nicht viele, die Abgaben zahlen. 100.000 Euro kommen pro Jahr herein – zu wenig, um zu sparen. Die 1.700 Einwohner wohnen auf 40 Quadratkilometer verteilt, das Kanalnetz und die Wasserleitungen sind enorm lang, die Zuschüsse gering. 1998 fand Bürgermeister Buchberger die Lösung: Ein Kredit muss her. Zehn Millionen für Kanalnetz, Wasser und Kläranlage und ein schönes, neues Gemeindezentrum mit einem blau gestrichenen Metalldach und zwei Bänken davor. „Der Ort hat sonst kein Zentrum, auch keinen Dorfplatz“, sagt Buchberger.

Geld soll arbeiten
Buchberger liest gerne Wirtschafts­zeitungen, am Wochenende nimmt er sich Fachliteratur über die Börse mit nachhause. Und er findet einen Experten: einen ehe­maligen Gemeindemitarbeiter, der sich als Finanzberater selbständig gemacht hat. Die Firma heiß Gem-Finanz – wie „Edelstein“ auf Englisch. Sie schlägt einen Fremdwährungskredit vor, wegen der niedrigeren Zinsen. Und da der Kredit endfällig ist, werden die Raten in einen Tilgungsträger eingezahlt: Dieses Geld soll nicht nur rumliegen, sondern arbeiten. Der Kredit soll sich selbst bezahlen mit der Rendite. Das Konstrukt klingt wie ein Goldesel, und jeder macht es – vom Häuselbauer bis zur Gemeinde.

Konservativ angelegt
So beschäftigt sich Buchberger plötzlich fast mehr mit Weltwirtschaft als mit Briefmarken. Er kann die Fachsprache, erklärt, wann der Kredit „geswitcht“ wird, von Yen in Schweizer Franken, von Dollar zu Yen … „Es hat ja lange funktioniert, wir haben so schöne Gewinne gehabt“, sagt Buchberger. 150.000 Euro pro Jahr hätte er der Gemeinde an Zinsen erspart. Er druckt Grafiken aus, die zeigen, dass die Abgaben in seiner Gemeinde deshalb niedriger waren als anderswo. Doch zocken? Das wollte Buchberger nie. „Raiff­eisen war bei uns und hat uns alle möglichen Produkte angeboten, Zins-Swaps und Devisengeschäfte, aber da haben wir immer nein gesagt. Wir haben konservativ angelegt.“ Er legt ein Drittel des Tilgungsträgers in Immofinanz-Aktien an. „Selbst die lokale Bank hat uns das empfohlen, das galt als todsicher“, sag er.

Hofamt Priels Termingeschäfte
Die Aktien steigen und steigen. Buchberger macht alles richtig: Er hat einen Kredit gefunden, der sich fast selbst zahlt. Der kleine Bürgermeister surft auf den Wellen des großen Kapitals. Buchberger, der Bürgermeister und Briefträger, bekommt 2004 die ersten Probleme: Wahlen stehen an, die Sozialdemokraten stimmen nicht mehr mit. Doch die VP hat die absolute Mehrheit, und Buchberger macht weiter. Nur den Finanzberater wechselt er – er will nicht der Packelei mit einem ehemaligen Mitarbeiter verdächtigt werden. Der neue heißt Gerin und hat gute Ideen: Er will mit Devisen-Termin-Geschäften noch mehr Erträge lukrieren, um die Kredite zu tilgen. Die ÖVP stimmt zu.

Drei Millionen Kursverlust
Doch dann kommt die Krise, und das kleine Hofamt Priel, das auf dem Kapitalmarkt so schön surfen konnte, rutscht darauf aus. Ein Drittel des Tilgungsträgers liegt in Immofinanz, der Verlust häuft sich auf fast eine Million Euro. Die Oberbank, bei der die Fremdwährungskredite liegen, stellt auf Euro um, zwei Millionen gehen dadurch verloren, die Zinsen werden um ein halbes Prozent angehoben. Hofamt Priel ist nun mit drei Millionen unter Wasser, und Bürgermeis­ter Buchberger wirkt, als könnte er es nicht ganz glauben. Auch sein persönliches Vermögen ist in der Immofinanz verschwunden. „Natürlich fühle ich mich vom ­Finanzberater nicht gut beraten. Er hat gesagt, das sei alles sicher“, sagt er und lacht gequält. Er hat an Exnationalbankchef Liebscher geschrieben und um Rat gebeten. „Suchen Sie sich einen Experten“, hat der geantwortet. „Aber die hatten wir doch immer. Wo soll ich den richtigen Experten finden?“, fragt Buchberger. Die Sozialdemokraten wollen nun von ihm, dass er sicher veranlagt. „Aber was ist denn sicher? Wer kann mir das sagen?“, fragt der Bürgermeister.

"Aufgeben tut man einen Brief"
Buchberger, der Briefträger der privatisierten Post, will nicht aufgeben. „Unsere Laufzeit ist noch fünfzehn Jahre, bis dahin kann sich alles wieder erholen“, sagt Buchberger. Am Donnerstag geht er mit zehn Gemeinden, die in der­selben Situation sind, zur Oberbank und verlangt eine Zinsreduktion: „Alles lassen wir uns nicht gefallen.“ Und danach will er so schnell wie möglich wieder in Schweizer Franken switchen – und dabei bleiben. „Aufgeben tut man einen Brief“, sagt er noch einmal und schaut hinunter zu seinem Postamt im neuen Gemeindezentrum. Und lacht noch einmal ein bisschen verzweifelt: „Falls es dann noch ein Postamt gibt.“

Von Corinna Milborn

Corinna Milborns Lokalaugenschein zu Hartberg in der Steiermark und Oberschützen im Burgenland lesen Sie im aktuellen FORMAT 50/08.

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