Die alten gehen, junge Wilde kommen

Die alten gehen, junge Wilde kommen

Wer in Österreich gesehen werden will, hat derzeit einen dichten Terminkalender. Letztes Wochenende war Kitzbühel angesagt. Rund 100.000 Gäste kamen, um live mitzuerleben, wie Skifahrer mit über 140 km/h die Streif hinunter rasen.

Sie kamen, um sich davor und danach bei Weißwurst und Bier, Glühwein und Jagatee zu unterhalten. Und bei manchen ging es um noch ein bisschen mehr. Genauso wie beim Jägerball in Wien, der am Montag folgte. Das nächste wichtige Event, an dem sich Menschen treffen, die in Österreich so etwas wie Macht haben. Politiker zählen da ebenso dazu wie Generaldirektoren und Manager, die Vertreter von speziellen Interessensgruppen lassen sich hier ebenso blicken wie Journalisten.

Der Regierungswechsel im Herbst hat viele neue Gesichter in die Politik gebracht. In vielen Unternehmen hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Einige Vertreter der alte Garde sind in den vergangenen Jahren zurückgetreten wie Herbert Stepic (Raiffeisen Bank International) oder widmen sich jetzt anderen Aufgaben, wie etwa Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, Brigitte Ederer (Siemens) oder Monika Kircher (Infineon).

FORMAT hat diese Umbrüche zum Anlass genommen, sich die Mächtigen Österreichs genauer anzusehen und dazu die Expertise des FAS-research-Instituts von Harald Katzmair herangezogen. Auf Basis der Daten von 70.000 Personen hat er ermittelt, wer hierzulande wirklich etwas zu sagen hat. Seine Formel: Macht = Ressourcen x Beziehungen. Sein Ergebnis: Es hat sich einiges geändert.

Auf den ersten Blick ist das gar nicht so eindeutig. Nach der großen Koalition regiert wieder eine große Koalition. Die Riege der alten Herren wie Hannes Androsch, Erhard Busek, Andreas Khol und Charly Blecha ist auch mit über 70 Jahren noch stark in Medien und Initiativen präsent. Die über Jahrzehnte gefürchtete Kronenzeitung ist nach wie vor das auflagenstärkste Blatt. Doch das ist nur die Oberfläche. Katzmair ortet gravierende Verschiebungen im Machtgefüge. Österreich funktioniert heute anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren.

Mehr Einzelkämpfer

Das liegt zum einen an den geänderten Rahmenbedingungen. Die Welt ist vernetzter, Brüssel bedeutender. Die große Krise hat auch führende Menschen verunsichert, neue Medien und Technologien sorgen für Beschleunigung und Transparenz. Nicht erst seit Eugen Freunds Quereinstieg in die Politik ist bekannt: Fehler bleiben nicht unbemerkt.

Zu dieser Gemengelage kommt hinzu, dass die "klassischen Mächtigen“, die breit aufgestellt und in verschiedenen Bereichen seit Jahren tonangebend sind, sich zunehmend zurückziehen. Eigentlich ein normaler Prozess, ein Generationswechsel. Laut Katzmair seien so genannte "Zehnkämpfer“ bei den Nachfolgern aber viel seltener - und dadurch automatisch noch bedeutender. Als Zehnkämpfer bezeichnet der Forscher Menschen, die nicht nur in einem Bereich eine wichtige Rolle spielen, sondern darüber hinaus in Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft gut vernetzt sind.

Bisher waren sie es, die die Macht hatten, gesellschaftliche Projekte weiter zu bringen. Im besten Fall führen solche Verbindungen nämlich zu einem Interessensabgleich, der am Ende allen gesellschaftlichen Gruppen weiterhilft. Die handelnden Personen sind bekannt, sie stehen für etwas - und denken über ihren eigenen Bereich hinaus. Im schlechtesten Fall kommt es zu Verhaberung, also zu Machtmissbrauch.

Die Gründe dafür, dass so breit vernetzte und interessierte Menschen seltener werden, sind vielfältig. Die einen wollen sich aufgrund der vielen Fehlerquellen und Compliance Regeln kaum mehr abseits ihres Jobs bewegen. Anderen fehlt krisenbedingt die Zeit, um sich mit Herausforderungen abseits ihrer Kernaufgaben zu befassen. Wieder andere sehen ihre Organisation in einem harten Verteilungswettkampf und wollen vor allem den Status quo schützen. Egal, was das am Ende für das Land bedeutet.

"Wenn sich jeder nur auf den nächsten Quartalsbericht oder die nächste Wahl fokussiert, nicht aber die gesellschaftliche Entwicklung im Auge hat, wie soll sich da Zukunftspotenzial aufbauen?“, fragt Katzmair deshalb.

Neue Zehnkämpfer

Zu den Ausnahmen gehören für ihn Josef Pröll, Werner Katzian und Christian Kern. Der frühere ÖVP-Finanzminister und Vizekanzler ist heute Manager und nebenbei in verschiedensten Positionen höchst aktiv. Dasselbe gilt für den Gewerkschafter Katzian und ÖBB-Boss Kern. Noch etwas haben die drei gemeinsam: die Liebe zur Wiener Austria.

Katzian ist deren Präsident, der Aufsichtsrat des Fußballvereins ist wahrscheinlich der hochkarätigste des Landes und ein dementsprechend wichtiger Treffpunkt. "Man geht früher zu den Sitzungen hin und später weg“, scherzt Kern. Geschäfte würden dort nicht gemacht, es gehe nicht um Geld, sondern um den Sport. Und ein bisschen auch um das scheinbar Nebensächliche, das man nur im Büro sitzend nicht mitbekommt: "Man hört von allen Ecken die guten Dinge, aber auch die Probleme“, sagt Katzian. "Ich war immer einer, der neugierig war. Wenn ich mit verschiedenen Leuten aus verschiedenen Ebenen rede, bekomme ich unterschiedliche Sichtweisen dargelegt.“

Für Katzmair ist es bedeutsam, dass die Mächtigen sich nicht nur auf eine Rolle fokussieren: "Macht ist auch eine Frage der Strategie, und strategisch zu denken heißt, in Alternativen zu denken.“ Wenn man nur auf einen Bereich konzentriert ist, fehle oft die Flexibilität und die Weitsicht. Das gilt für Geschäftsideen ebenso wie für gesellschaftliche Ziele.

Zu stark auf die eigene Sphäre bezogen seien laut Katzmair auch viele Politiker. Bundeskanzler Werner Faymann, der von engsten Vertrauten umgeben regiert, schreibt seine Analyse deswegen weniger Macht zu als etwa den Landeshauptleuten Erwin Pröll und Michael Häupl. "Faymann fehlt die Breite, die Überschneidungen aus anderen Bereichen.“ Wer die Verhandlungen um eine Bildungsreform verfolgt, kann nicht übersehen, welches Gewicht einzelne Interessensgruppen haben, wo die große Zukunftsidee fehlt.

"Dass die Vertretung von Partikularinteressen wichtiger wird, zeigt sich auch daran, dass beide Regierungsparteien sich für den Koalitionsvertrag bei ihren Parteien rechtfertigen müssen, der Kompromiss wird nicht getragen,“ beobachtet etwa Daniel Kapp. Der langjährige Ministersprecher des früheren Vizekanzlers Josef Pröll führt heute eine Beratungs-Agentur, die Unternehmen betreut.

Durch neue Medien wie Twitter wurde das politische Geschäft zusätzlich beschleunigt. "Politiker suchen deshalb enge Vertrauensverhältnisse. Manchmal ist auch die Schlagzeile am nächsten Tag wichtiger als die Strategie für übermorgen“, erörtert Kapp. Der Kanzler etwa setzt vor allem auf eine Person: seinen langjährigen Vertrauten Josef Ostermayer. Vizekanzler Michael Spindelegger soll sich zwar bemühen, seinen Kreis zu öffnen, wirkliches Vertrauen hat aber auch er nur zu wenigen Personen. Viele der neuen Mächtigen in der ÖVP sind daher alte Spindelegger-Bekannte.

Auffällig ist, dass die Überlappungen zwischen Politik und Wirtschaft zurückgehen. Christine Bauer-Jelinek, die Wirtschaftscoaching betreibt und sich als Autorin mit dem Thema Macht auseinandersetzte, sieht darin eine der größten Veränderungen. Ihr Urteil: "Die Wirtschaft ist zu einer Übermacht geworden.“

Mit Hilfe von Geld versuchen sich Unternehmer, die nicht mehr so mit der Politik vernetzt sind, Gehör zu verschaffen. So konnten Strippenzieher und Vernetzer, die beide Sphären verbinden, an Einfluss gewinnen.

"Beim Verbinden geht es nicht darum, möglichst viele Akteure, sondern verschiedene Interessen in Deckung zu bringen. Wichtig ist die Antizipation, welche Interessenslagen die unterschiedlichsten Akteure haben könnten“, meint der Berater Markus Schindler. Die Kunst des Verbindens sei es, aus Partikularinteressen Gemeinschaftsinteressen zu machen und diese gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit zu artikulieren. "In einer Demokratie werden Einzelinteressen selten berücksichtigt“, so Schindler. Doch selbst wenn es in Österreich Konsens über ein Thema gibt, heißt das noch nicht, dass man damit international punkten kann. Das zeigt etwa das Beispiel Finanztransaktionssteuer. Österreich ist sich schon lange einig, diese Abgabe einführen zu wollen - umgesetzt wurde sie bislang aber noch nicht.

Neue Strukturen

Dass die alten Netze aufbrechen, ist nicht nur in Österreich so. Auch anderswo in Europa und in den USA zeigt sich dasselbe Bild: "Etablierte Eliten funktionieren immer schlechter, desintegrieren, und neue, digitale Schwärme wie auf Twitter bieten noch keine wirklichen Alternativen“, so Katzmair.

Macht verteilt sich neu: In den deutschen Konzernen etwa verlassen die Aufsichtsratsautokraten die Bühne, so die "Welt“. Die neuen Vorsitzenden geben Macht und Einfluss an die anderen Mitglieder des Gremiums ab. Dass jemand viele Ämter kumuliert und damit zu ein Herzstück der "Deutschland AG“ wird, war gestern - die Anforderungen sind gestiegen. "Ich kann mir im Moment schwer vorstellen, wie ich einen zweiten Aufsichtsratsvorsitz meistern sollte“, wird der gebürtige Österreicher Paul Achleitner, der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, zitiert.

Auch beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos lautet der Befund: Staatslenker und Firmenbosse haben sich selten so ohnmächtig gefühlt, denn sie spüren allerorts Widerstände aufbegehrender Bürger, Kunden und Mitarbeiter. Die Unsicherheit wächst.

Frauen fehlen noch

Auffällig ist auch, dass sich Frauen offenbar besonders schwer tun, in mehreren Bereichen als "Zehnkämpferinnen“ Einfluss zu erlangen. Katzmair hat versucht, in dieser Klasse Namen in Österreich herauszuschälen - nur es gelang nicht: "Wir finden Frauen, die in den einzelnen Segmenten - Wirtschaft, Kunst, Kultur, Medien, Politik - stark sind, aber wir finden kaum jemanden, der diese vier Bereiche miteinander verbinden kann.“ Viele Experten sind zuversichtlich, dass eine weibliche Führungsgeneration nachkommt, vielleicht aber nach anderen Maßstäben funktioniert.

Das "traditionelle“ Streben nach Einfluss wird heute nämlich eher kritisch gesehen. "Dass Macht ein wenig positiv besetzter Begriff ist, liegt vermutlich daran, dass häufig übersehen wird, dass Verantwortung die Kehrseite der Medaille der Macht ist“, meint Schindler. Auch die mächtigen Männer hören es meist gar nicht so gern, wenn sie als mächtig bezeichnet werden. "Als Vorstand bekommt man formale Macht auf Zeit und die Chance, bestimmte Dinge zu verändern“, sagt ÖBB-Chef Christian Kern. "Doch der Zwilling der Macht ist die Verantwortung und die steigt deutlich mehr an als die Macht.“ Für Katzian ist Macht ebenfalls nicht etwas, das er anstrebt. "Macht hat für mich immer etwas Bedrohliches gehabt, das impliziert ja Repression, Druck. Einflussnehmen gefällt mir da besser“, sagt der Gewerkschafts-Boss.

Wie man Macht misst, ist eine philosophische Frage. Der klassischen Definition von Max Weber nach bedeutet Macht, eigene Interessen gegen Widerstände anderer durchsetzen zu können. Dabei spielt auch der Faktor Erwartung eine Rolle. Denn, so der Berater Schindler: "Je mehr Macht einem zugeschrieben wird, desto mächtiger wird man.“

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